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„Monumenta“ in Paris : Das Monster wiegt zwölf Tonnen

  • -Aktualisiert am

Nach Anselm Kiefer und Richard Serra hat jetzt der indische Künstler Anish Kapoor die grandiose Leere des Grand Palais in Paris gefüllt. Sein „Leviathan“ ist eine Mischung aus Seeungeheuer und Uterus, gefüllt mit 72.000 Kubikmetern Luft.

          Zum vierten Mal präsentiert Paris in dem Riesenbauch des Grand Palais seine jährliche „Monumenta“. Nach Anselm Kiefer (siehe Planetarische Ruinen: Anselm Kiefer im Grand Palais), Richard Serra und Christian Boltanski (siehe Es verschlägt einem die Sprache: Christian Boltanskis Installationskunst im Grand Palais) hat sich Anish Kapoor auf pompöse Weise in der grandiosen Leere aus Eisen und Glas niedergelassen. Und wieder sind es Rekordzahlen, die einen erwarten: Der aus Indien gebürtige Künstler hat in fünf Tagen eine zwölf Tonnen schwere aufblasbare Struktur montiert, die mit 72.000 Kubikmetern Luft gefüllt ist. Eine Mischung aus Zeppelin und Uterus ist zustande gekommen.

          Mögen Struktur und Architektur der Riesenskulptur auch an eine feste Konstruktion denken lassen, irgendwie spürt man etwas von der pulsierenden Kraft des Luftpakets, das der Künstler überaus sorgfältig versiegelt hat. Alles war, wie bei den strategischen Mirakeln von Christo und Jeanne-Claude, bis ins Detail im Atelier vorbereitet worden. Ob es bedeutend ist, was dieser doch, von der Wirkung her gesehen, eher mit Zwischentönen arbeitende Künstler in Paris erreicht, kann man sich fragen.

          Was er bietet, ist zyklopisch, von jener Herausforderung durch schiere Größe, die heute viele seiner Kollegen nur noch mit dem Megafon reden lässt. Darauf nicht zuletzt soll man wohl den Titel der Arbeit beziehen, der sich auf das biblisch-mythologische Seeungeheuer Leviathan beruft. Stecken dahinter Hobbes und der Missbrauch des Gesellschaftsvertrags, gibt es bei Kapoor eine politische Aussage? Das Einzige, was wir wissen, ist, dass der Künstler seinen Beitrag in brennender Aktualität dem chinesischen Dissidenten Ai Weiwei gewidmet hat.

          Ein klaustrophobischer Ausflug

          Es scheint, als habe Kapoor nach und nach immer mehr in die Hardware investiert. Vor Jahren begann er, mit „Claude Gate“, „Memory“ oder „Sky Mirror“, seine Nähe zu einer eher minimalistischen Skulptur zu unterstreichen. Die klaren, bündigen Formen der Arbeiten von Judd, Serra, LeWitt, die polierten Oberflächen, scheinen ihn dabei mehr herauszufordern als Installationen. Unter dem gigantischen Kristall der Architektur des Grand Palais trifft man auf eine pyknische, geschlossene Form mit drei immensen Ausstülpungen. All dies liegt träge in der weiten Halle. Der erste Eindruck ist, vor einem gestrandeten Riesenkadaver zu stehen, einem Albtraum, der, wie die ständig anschwellende Leiche in Ionescos „Amédée oder Wie soll man ihn loswerden“, das Leben um sich herum bedrängt.

          Durch eine Schleuse betritt der Besucher den Innenraum der Skulptur. Das Nadelöhr ist gut plaziert, der Schneckengang soll den Besucherstrom verlangsamen und dafür sorgen, dass erstmals bei einer Monumenta eine Schlange vor dem Grand Palais für die Ausstellung werben wird. Gedämpftes Licht, das von außen eindringt, gibt es in der Skulptur, doch man sieht keine Fenster. An drei Seiten reichen die Apsiden oben in der Wand so weit in die Tiefe, dass die Farbe diffus wird und als ihre eigene Resonanz erscheint. In diesen unheimlichen Ausbuchtungen könnte, wie in Richard Fleischers „Die phantastische Reise“, ein klaustrophobischer Ausflug beginnen, der uns über das Gesehene hinaus in die Adern und weichen Kavernen aus Nacht und Dämmerung vordringen lässt. Von der Substanz her kann man an Unterleib denken. Bei unserem Sehen müssen wir uns durch die Vorstellung von Fleisch hindurchkämpfen. Es lässt sich nicht übersehen, dass hinter der Verquickung aus Körper und Sexualität die unvergessliche Skulptur von Niki de Saint-Phalle, „HON“, steht, die 1966 im Moderna Museet in Stockholm eindrucksvoll und folgenreich für die Gleichstellung der Frauen kämpfte. In Paris hat man diese Huldigung an die große Künstlerin unterschlagen.

          Der Koloss in seinem eigenen Blut

          Das Sensationelle des Unternehmens kippt zum Glück in das um, was man von dem subtilen Lichtkünstler Kapoor kennt und was man bei ihm sucht: Er offeriert einen irrationalen Farbenrausch. Die farbige Luft, die er kreiert, scheint zwischen solidem und gasförmigem Aggregatzustand hin und her zu schwanken. Das beschäftigt und enerviert den Blick, der bereit ist, wie bei einem anderen Lichtmagiker, James Turrell, auf den starken Effekt zu verzichten. Das Kolorit im Raum schimmert je nach Tageszeit zwischen Purpur und Grau. Und denselben Wechsel der Töne präsentiert auch die Außenansicht von „Leviathan“ in der Halle.

          Hier geht es nicht um subtile Schwankungen und Übergänge von Tönen, zumeist bleibt die Farbe, die sich über die Skulptur legt, monochrom. Gegen Abend, bei Sonnenuntergang, glaubt man, den Koloss in seinem eigenen Blut schwimmen zu sehen. Die Möglichkeit, diese Arbeit als riesige Projektionsfläche, zur Demonstration eines wechselnden, umkippenden Lichts einzusetzen, hat Anish Kapoor gefangengenommen. Offensichtlich lockte ihn dies mehr als die Frage nach der Form. Der Effekt gelingt, das zeigen viele Skulpturen, dem Künstler immer dort am besten, wo er sich hinter der Evokation einer fast immateriellen, von Farbe gesättigten, rätselhaften Stimmung zurückzieht. Mit einem Schlag verschwindet dabei der ganze, hypertrophe Aufwand.

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