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Ausstellung in Nürnberg : Die Monster sind los

Medusa und ihre Schwestern: Wer die inneren Dämonen bannen will, schaut ihnen ins Gesicht. Eine fabelhafte Ausstellung in Nürnberg bietet dazu Gelegenheit.

          3 Min.

          Auch Teufel haben Rechte, und selbst der Schöpfer hat sie zu respektieren. Ist es also fair, wenn der frisch gestorbene Christus vor seiner Auferstehung gewaltsam in die Hölle eindringt und all die Seelen in den Himmel führt, die doch eigentlich den Teufeln gehören? Nein, finden die Bestohlenen, und strengen einen förmlichen Prozess gegen den Dieb an. Gott lässt die Klage zu. Als Richter wird Salomo bestimmt, der Teufel Belial ist Anwalt der Kläger, Moses führt die Sache des Beklagten und kommt prompt nicht zum ersten Termin, am zweiten Tag aber entscheidet Salomo zu Jesu Gunsten. Nun lehnt Belial Salomo wegen Befangenheit ab, schließlich ist er mit Jesus verwandt. Es geht hin und her, am Ende wird ein Expertengremium eingesetzt, um zu entscheiden, wem die Seelen denn nun gehören.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          So schildert es der italienische Geistliche Jacobus de Terano in einem 1382 entstandenen Werk, das später unter dem Titel „Belial“ berühmt werden sollte. Den Moment, in dem die Teufel den Schiedsspruch empfangen, zeigt eine 1461 gefertigte Buchillustration: Die Teufel, als anthropomorphe Fabelwesen mit Gemshörnern, Flossen, Krallen und Schuppen entworfen, drängen sich um das Schreiben der Kommission. Ein Teufel trägt eine Brille, ein anderer fasst das Siegel an, das die Echtheit des Schreibens bezeugt. Und alle tragen ein Siegergrinsen im Gesicht.

          Sind Drachen immer noch schrecklich?

          Das Bild ist eines der vielen Prunkstücke der Ausstellung „Monster“, die soeben im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg eröffnet worden ist. Die Ausstellungsarchitektur zitiert mit ihren ineinander übergehenden Gängen ein Labyrinth, den Eingang bildet ein nachgebautes Höllenmaul - das Original steht im römischen Palazzo Zuccari, aber ähnliche Tore sieht man auch auf zahlreichen Bildern in dieser Ausstellung, der man die Lust am Grotesken deutlich ansieht.

          Was hier „Monster“ heißt, ist zunächst ein Produkt menschlicher Imagination. Als solche haben sie immer auch eine Funktion. Sie sind Ungeheuer, natürlich, aber sie sind auch Zeichen, etymologisch verbürgt durch das lateinische Verb monstrare, „zeigen“. Denn so wie empirisch belegte Tiere im Weltbild des Mittelalters stets mit bestimmten Eigenschaften auf etwas verweisen, das etwa heilsgeschichtlich von Bedeutung ist, so sind auch die Fabelwesen Drache, Einhorn oder Seeungeheuer, auf die sich der erste Teil der Ausstellung konzentriert, Zeichen für diejenigen, die von ihnen hören oder ihre Abbilder betrachten: Die Jagd nach dem Einhorn etwa symbolisiert Liebeserfüllung, der Kampf gegen den Drachen steht für den Triumph der Tugend über die Sünde, und zu den eindrucksvollsten Exponaten dieser Ausstellung gehören etwa riesige Einhornköpfe aus Holz, denen echte Narwalzähne in die Stirn montiert worden sind, oder der putzige gebändigte Drache, der als Schoßtier auf der Schulter einer um 1450 gemalten heiligen Margarete hockt.

          Es lohnt sich, diesen Motiven bis heute nachzugehen, weil ihr Bedeutungswandel auch etwas über uns erzählt: Einhörner etwa treten in der Populärkultur noch immer als sanfte, gern rosafarbene Begleiter von Märchenheldinnen auf. Zugleich aber offenbaren sie in Cornelia Funkes Fantasy-Reihe „Reckless“ ihr Potential als mordgierige Bestien, während umgekehrt die noch in Tolkiens „Hobbit“ so zerstörerisch gezeichneten Drachen literarisch inzwischen längst ihren Schrecken eingebüßt haben und für die meist jugendlichen Helden dieser Bücher als Reittier und Ratgeber dienen.

          Fulminanter Einzug in die Hölle

          Mischformen zwischen Mensch und Tier bilden dann den Übergang zum zweiten Teil der Ausstellung, etwa eine Illustration zur „Melusine“ des Thüring von Ringoltingen: Einmal wöchentlich, so steht es in diesem enorm folgenreichen Roman, zieht sich die Fee Melusine ins Bad zurück, wohin ihr Mann ihr nicht folgen darf. Als er sie aber dennoch beobachtet, sieht er, dass sie einen Fischschwanz trägt. Der Blick durchs Schlüsselloch legt das Verborgene in der Natur des anderen frei, er offenbart Abgründiges, und die Konsequenz ist das Ende des Zusammenlebens.

          Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt bis zum Fokus auf die eigenen Abgründe, dem der letzte Teil der Ausstellung gewidmet ist. Denn was ist die Versuchung des heiligen Antonius, was sind die um ihn herumtanzenden Fabelwesen, die den Eremiten an den Haaren und am Gewand ziehen, die ihn piesacken und umschwirren anderes als die eigenen inneren Dämonen des Heiligen, die in der Wüsteneinsamkeit nun Gestalt annehmen? Was jedenfalls denjenigen droht, die ihnen erliegen, das zeigen Bilder, die vom Einzug derer in die Hölle erzählen, die sich das nach Ansicht der Maler im Leben verdient haben. So verpasste etwa der niederländische Maler Egbert van Heemskerk der Jüngere um 1700 Martin Luther einen fulminanten Einzug in die Hölle: Was der Reformator an Schuld auf sich geladen hat, tritt ihm nun in Person vieler kleiner Monster gegenüber, die ihn auf seinem skelettierten Pony spöttisch in der Hölle begrüßen, während der Höllenrachen schon darauf wartet, ihn zu verschlingen.

          Ein solches Tor ziert auch die „Belial“-Illustration. Warum aber feixen dort die Teufel so, als sie den Schiedsspruch studieren? Weil ihnen darin als Kompromiss das Recht auf die Seelen derjenigen zugesprochen wird, die sie künftig zur Sünde verleiten können. Die inneren Dämonen bekommen eine Funktion - es ist die Geburtsstunde des Teufels als Verführer.

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