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500 Jahre alte Zeichnung : Wer schuf Mona Lisas nackte Schwester?

  • -Aktualisiert am

Sie schlägt den Betrachter augenblicklich in Bann: die „Joconde nue“ Bild: RMN-Grand Palais Domaine de Chantilly

Gezeichnet von einem Linkshänder wie Leonardo in dessen Heimatort: Das Musée Condé in Chantilly erzählt die faszinierende Geschichte eines fünfhundert Jahre alten Werks.

          Die Forschungsarbeit der Kunsthistoriker gleicht manchmal einer spannenden kriminalistischen Untersuchung. Als der französische Kunstsammler Henri d’Orléans, Herzog von Aumale, im Jahr 1862 für die damals beträchtliche Summe von 7000 Francs eine großformatige Zeichnung mit dem Titel „Joconde nue“ erwarb, ging er – und mit ihm die Kunstgeschichte – davon aus, dass es sich um ein Werk von Leonardo da Vinci handeln müsse. In der Körperposition, im Format, aber auch in der ungreifbar geheimnisvollen Ausstrahlung hatte sie einige Ähnlichkeiten mit der Gioconda, der Mona Lisa, ohne jedoch deren nacktes Pendant zu sein. Der leidenschaftliche Sammler gab der neugewonnenen Trophäe einen Ehrenplatz in seiner Gemäldegalerie im Schloss von Chantilly.

          Genauer gesagt, handelt es sich, das macht die Geschichte noch einmal interessanter, nicht nur um eine eigenständige Zeichnung, sondern um einen Vorlage-Karton. Denn dieser Halbakt auf Papier, das auf einen Karton gezogen wurde, diente seit dem sechzehnten Jahrhundert als Entwurfspause für Ölgemälde. Durch die hauchfeine Perforierung der Hauptlinien konnte die Silhouette mit Hilfe von Kohlestaub auf eine Leinwand oder eine Holztafel übertragen werden. Die Petersburger Eremitage besaß zum Beispiel schon zu Zeiten des Herzogs von Aumale das Gemälde einer Venusfigur im Halbakt, das auch „Gioconda nuda“ genannt und damals noch Leonardo da Vinci zugeschrieben wurde. Es gleicht bis ins Detail der Haarfrisur dem Karton von Chantilly und muss durch seine Vorlage entstanden sein. Später wurde diese nackte Gioconda aus dem Eremitage-Museum dem Meister abgeschrieben und nur noch seinem Atelier zugeordnet. Auch die Urheberschaft des Vorlagekartons aus der Sammlung des Herzogs von Aumale stand damit in Frage.

          Diese 75 auf 56 Zentimeter große, in Kohle und mit Bleiweiß-Erhöhungen gemalte Zeichnung schlägt augenblicklich in Bann. Gleichzeitig irritiert sie, denn die Figur ist androgyn, ihre Gesichtszüge könnten ebenso weiblich wie männlich sein. Die Brüste und die graziöse Handhaltung zeigen eine Frau, während der muskulöse Arm mit kräftiger Hals- und Schulterpartie maskulin wirkt. Der Blick dieser „Gioconda nuda“ scheint aus der Tiefe der Welt zu uns gekommen zu sein. Es ist ein leicht befremdlicher und deshalb reizvoller Silberblick, in dieser Hinsicht erinnert er an die Mona Lisa. Auch das nur angedeutete mysteriöse Lächeln lässt an das Leonardo-Gemälde aus dem Louvre denken. Ein leichtes Sfumato gibt der Gesichtspartie etwas fast Unwirkliches, Weichgezeichnetes, allerdings ähneln weder die Gesichtszüge noch die Haarfrisur der Mona Lisa. Von wem auch immer die Zeichnung stammt, es ist eine Neuschöpfung, die in bewusster Anlehnung entstand.

          Ein Karton mit großem Einfluss

          Die Fragilität von Papierarbeiten bringt es mit sich, dass so großartige Raritäten wie dieses Werk nur selten öffentlich gezeigt werden. Zum fünfhundertsten Todesjahr Leonardo da Vincis hat nun das Musée Condé seinen Schatz aus der ehemaligen Sammlung des Herzogs zum Mittelpunkt einer Ausstellung gemacht. Im Vorfeld wurde der Karton erstmalig einer detaillierten Laboruntersuchung unterzogen. Die diversen Analysemethoden durchleuchten die Zeichnung, lassen das Wasserzeichen des Papiers zutage treten oder die Übermalungen ihres Schöpfers an Händen und Arm sichtbar werden. Man blickt etwa fünfhundert Jahre zurück, bis in die Werkstatt des Malers, und kann sich die Reise dieses Kartons durch die Jahrhunderte vorstellen. Weiche Schattierungen wurden zunächst mit Strichelungen unterlegt, die von einem Linkshänder stammen müssen. Leonardo, das ist allseits bekannt, war Linkshänder – allerdings auch sein Schüler Francesco Melzi. Die Augen und Haarlocken wurden später noch einmal etwas ungeschickt korrigiert, dann wurde eines Tages der lavierte Hintergrund hinzugefügt.

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