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Mona Lisa, die Zweite : Ist das nicht doch ein falsches Lächeln?

  • -Aktualisiert am

Eine eigens gegründete Stiftung behauptet, die „Isleworth Mona Lisa“ stamme von Leonardos Hand - eine zweite Gioconda also. Heute will man in Genf Beweise präsentieren. Die Experten sind skeptisch.

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          Am Fuß der Wendeltreppe, die jenseits der Schalterhalle ins Tiefgeschoss führt, wartet tief unter Genf eine zimmerhohe rotlackierte Tresortür - rund dreißig Zentimeter dick, mit Zahlencode, zwei Schlüsseln und einem Drehkreuz zu öffnen. Dahinter ein rotes Stahlgitter. Am Ende eines kleinen Vorraums folgt eine zweite Tür mit massiven Riegeln.

          Ein schmaler Gang führt zu einem weiteren Gittertor, biegt nach links ab und gibt endlich den Blick auf einen Raum frei, in dem ein heller Vorhang von der Decke bis zum Boden reicht. Als sich der Stoff auf Knopfdruck zur Seite bewegt, wird der Blick auf das weltberühmte Bild frei, das dahinter auf einer Stellwand hängt. Aus einem aufwendigen goldenen Rahmen schaut die Mona Lisa in die Kamera eines japanischen Fernsehteams, das dort vor sieben Jahren filmen durfte - nach vorheriger Zusage strikter Geheimhaltung und ohne das Gebäude zu zeigen, in dessen Keller sich das Gemälde damals befand.

          Viele ungeklärte Fragen

          Nun soll das Bild jenen Tresor verlassen haben, von dem niemand erfährt, ob es noch derselbe wie vor sieben Jahren ist. Bei einer internationalen Pressekonferenz im Genfer Hotel Beau-Rivage wird es der Weltöffentlichkeit vorgestellt - als angeblich zweite, ebenfalls von Leonardo da Vinci höchstselbst gemalte Fassung der Mona Lisa. Ein kiloschweres 320-Seiten-Buch mit Dokumenten, Gutachten, Forschungsresultaten und Goldschnitt fasst angeblich Untersuchungen aus fünfunddreißig Jahren zusammen und will „bezeugen, dass das Bild tatsächlich von Leonardo ausgeführt wurde - etwa ein Jahrzehnt früher als seine berühmte Schwester im Louvre“, heißt es in der Einladung der „Mona Lisa Foundation“ mit Sitz in Zürich.

          Die Non-Profit-Organisation wurde im März 2011 ins Handelsregister eingetragen. Dem Stiftungsrat gehören der Bankier und Jurist Markus A. Frey, der Briefmarkenhändler David Feldman und der Unternehmer Daniel Kohler an: Die Organisation will beweisen, „dass Leonardo da Vinci zwei Versionen des Porträts Mona Lisa erschuf“, und die wissenschaftliche Erforschung fördern. Von Verkauf und Vermarktung ist nicht die Rede.

          Die „Isleworth Mona Lisa“ ist der Fachwelt seit langem bekannt. Versuche, das Frauenporträt als millionenschweres Meisterwerk zu etablieren, hat es in den rund hundert Jahren seit ihrer Entdeckung immer wieder gegeben. Benannt ist das 84,8 mal 64,8 Zentimeter große Gemälde nach jenem Vorort von London, in dem der britische Kunstsammler und -berater Hugh Blake seine Bildergalerie hatte. Blake will das Gemälde mit dem berühmten Motiv vor Beginn des Ersten Weltkriegs auf dem Landsitz einer Adelsfamilie in der Grafschaft Somerset entdeckt haben. Dort war Blake eine Zeitlang selbst als Kurator am Holbourne Art Museum tätig gewesen.

          Wo genau er das Bild fand, das sich zuvor angeblich mindestens ein Jahrhundert lang im Besitz der Adelsfamilie befunden hatte, ist bis heute ebenso unbekannt wie die Antwort auf zahlreiche weitere Fragen: Warum sieht die Frau auf dem Isleworth-Bild so viel jünger aus als die Mona Lisa im Louvre? Warum wurde sie auf Leinwand und nicht wie fast jedes andere Leonardo-Gemälde auf Holz gemalt? Warum flankieren die Gioconda zwei Säulen, von denen auf dem Bild im Louvre bestenfalls die Basis zu sehen ist? Warum sieht der Hintergrund mehr nach Rorschach-Test denn nach Landschaft aus?

          Und wie soll das Gemälde überhaupt auf die britische Insel gefunden haben? Könnte es nicht schlicht als Kopie entstanden sein, nachdem das Original 1911 in Paris gestohlen worden und bis Dezember 1913 nicht wiederaufgetaucht war? Damals hatte der Marseiller Restaurator Yves Chaudron mindestens sechs Kopien des Bildes angefertigt, die der Auftraggeber des Louvre-Diebstahls, Eduardo de Valfierno, als angebliche Originale verschiedenen Sammlern im Ausland verkaufte. Eins davon vielleicht auch nach Somerset? Dem in London lebenden US-Milliardär Henry F. Pulitzer, der die „Isleworth Mona Lisa“ 1936 zum ersten Mal bei einer Ausstellung der Sammlung Blake in den Leicester Galleries gesehen hatte, gelang es 1962, das Gemälde zu kaufen. Auch er veröffentlichte ein Buch über das Bild. Auch er ließ die wesentlichen Fragen unbeantwortet.

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