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Mona Hatoum in München : Massenmenschhaltung

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Eine Sammlung in München zeigt die Arbeiten der palästinensischen Künstlerin Mona Hatoum. Im Zentrum steht eine Unversehrtheit, die keine ist.

          Die Küchenreibe mit ihren sinnbildhaften Widersprüchen hat es Mona Hatoum angetan, eine ganze Sammlung davon steht auf dem Fensterbrett ihres Ateliers. Für eine Skulptur übertrug sie die Reibenform in eine übermannshohe Dimension, so dass der stählerne „Paravent“, anstatt zu schützen, mit seinen aufgerissenen Löchern aggressiv und Sicherheitsabstand fordernd in den Raum schneidet. Und das ist kein So-tun-als-ob; in der Mona-Hatoum-Ausstellung der Sammlung Goetz in München liegen Zettel aus, die ausdrücklich vor Verletzungsgefahr warnen.

          Ingvild Goetz sammelte schon früh Arbeiten von Mona Hatoum und ergänzte den Bestand laufend; jetzt füllt er beide Etagen ihres Sammlungshauses mit Skulpturen, Installationen, Fotos und Videos der hochgeschätzten, von Venedig-Biennalen und Documenta geehrten Künstlerin. Der Körper steht im Zentrum, wenn Hatoum auf die Gefährdung unversehrter Zustände durch unterschwellige Aggressivität, durch Macht und Gewalt abzielt. „Home“, eine ihrer eindrücklichsten Arbeiten, versammelt blitzblanke Küchengeräte auf einem Tisch. Elektrokabel verbinden all die Pressen, Reiben, Fleischwölfe, Schneebesen, lassen verborgene Leuchten unter Sieben aufscheinen, während Lautsprecher das Pfeifen des Stromflusses durch Kabel und Geräte verstärken. Diese Kunst widerspricht den Erwartungen an die traditionelle Frauendomäne von warmem Heim und Herd.

          Im Klarsichtfoliensack voll blutiger Eingeweide

          Hatoums Sensibilität für Gefahr und Verletzlichkeit hängt, wie ihr Misstrauen in autoritäre Strukturen, eng mit ihrer Familiengeschichte zusammen. Mona Hatoum wurde 1952 in Beirut als Kind palästinensischer Eltern geboren, die wenige Jahre zuvor aus ihrer Heimatstadt Haifa fliehen mussten. Als sie sich 1975 zu einem Besuch in London aufhielt, brach im Libanon der Bürgerkrieg aus, eine Rückkehr war unmöglich. Später reflektiert sie im Video „Measures of Distance“ die erzwungene Trennung: Über das Bild ihrer beim Duschen gefilmten Mutter huscht der Briefwechsel der beiden Frauen in arabischer Schrift, was aussieht wie ein Stacheldrahtvorhang.

          Hatoum absolvierte ihr Kunststudium in London, wo sie bis heute, alternierend mit Berlin, lebt. Auch weil sie noch ohne Atelier war, begann sie mit Videos und Performances unter oft extremem Einsatz ihres Körpers. Drei Stunden lag sie eingeschnürt in einem Klarsichtfoliensack voll blutiger Eingeweide auf dem „Negotiating table“, dem Verhandlungstisch, dazu ertönen vielsprachige Rundfunknachrichten über den Bürgerkrieg im Libanon und Friedensversprechen westlicher Politiker. Das war 1983.

          Außer Kontrolle geratende Metropolen

          Seither hat die Situation im Nahen Osten nichts an Brisanz verloren, aber Hatoum sieht sie nur noch als Bruchteil einer krisenerschütterten Welt: Auf einem riesigen Globus aus metallenen Längen- und Breitengraden zeichnen rotglühende Neonröhren die Kontinente nach: die Erde ist auf Alarmstufe Rot geschaltet, ein einziger „Hot Spot“. Ein ästhetisches Glanzstück zweifelsohne, lässt dies Werk aus dem Jahr 2009 aber im direkten Vergleich die subtile Schärfe anderer Arbeiten vermissen. Im Nebenraum etwa ziehen die Motoren von „Short Space“ an Querstangen gehängte Matratzenroste wie gegerbte Häute langsam hoch und runter; verstärkt wird die Assoziation an Massenmenschhaltung in Kasernen, Gefängnissen, Lagern durch das Gitter- oder eben Käfigbild der Maschendrahtroste.

          In solchen von Hatoum häufig eingesetzten Rasterstrukturen wollte man eine zu Inhalten bekehrte Fortsetzung der Minimal Art erkennen. Doch scheint der Künstlerin geometrische Ordnung vor allem als Kontrast des Rationalen zu Organisch-Sinnlichem zu dienen, zartest vereint in kleinen Gitterbildchen aus geknüpftem Menschenhaar oder als raumfüllende Bodenarbeit eingesetzt in „Undercurrent (red)“. Dies Gemenge aus rotumklebten Elektrokabeln ist im Zentrum straff zu einer quadratischen Matte „verwebt“, von der die Kabel wie wild mäandern. In Glühbirnen endend, die im Atemrhythmus langsam aufleuchten, ergeben sie einen energiegeladenen Organismus, ein Gleichnis für außer Kontrolle geratende Metropolen; unübersehbar die Anspielung auf die Windungen biologischer Körper: an Gedärm, das Hatoum mit medizinischen Kameras durchfuhr, oder an das Adergeschlängel auf einem irgendwo auf südlichem Markt bloßgestellten Hammelhoden.

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