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Mittelalterliche Handschriften : Da wiehert der Himmelsschimmel

Fliegt in der App Living Manuscripts durch die Kulturen: das Sternbild Pegasus in einer timuridischen Handschrift um 1430 Bild: Bibliothèque nationale Paris

Virtuelles Pergament: Gerade uralte Handschriften können mit moderner Technik so lebendig präsentiert werden, dass sie Alt und Jung gleichermaßen in ihren Bann schlagen.

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          Wer hätte sich dieser Tage nicht bei dem Gedanken erwischt, die erzwungene Isolation ähnele in mancherlei Weise dem Leben eines Karthäusermönchs oder einer Nonne in der Klosterzelle? Wie diese in ihren Skriptorien, den Schreibstuben alter Klöster, in meditativer Konzentration Buchstabe für Buchstabe eine zu kopierende Bibel abschrieben und mit aufwendigsten Illuminationen und Initialen versahen, was oft ein Jahr und länger in Anspruch nahm, so entschleunigen wir derzeit in der Stube daheim, sind vom gewohnten sozialen Umfeld mindestens räumlich entkoppelt.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Man kann aber auch mittelalterliche Manuskripte durchblättern und ins Schwelgen geraten. Das Projekt „Mittelalterliche Buchkunst digital“ des Faksimileverlags Müller & Schindler ermöglicht derzeit das unentgeltliche Herunterladen einer App, mit der vier ausgewählte Manuskripte zu digitalem Leben erweckt werden können, von denen mindestens zwei auch Kinder und Jugendliche in ihren Bann ziehen. Es sind drei mittelalterliche Handschriften sowie eines der zwölf Pariser Skizzenbücher von Leonardo da Vinci, bei dem des Kunstingenieurs geniale Maschinen zu arbeiten beginnen, plötzlich in unserem heimischen Studiolo Wasserleitungen der Renaissance plätschern, während eine sonore Stimme auf Italienisch Leonardos Beschreibungen hierzu ins Ohr parliert.

          Digital animierter Kampf des Erzengels

          Aus der berühmten „Renaissance“-Bibliothek John Pierpont Morgans in New York, deren originale holzvertäfelte Ausstattung dieser amerikanische Unternehmer ebenso in der Weltwirtschaftskrise in Italien gekauft hatte wie die kostbarsten Kloster- und Profanmanuskripte Europas, stammt die sogenannte „Duc-de-Berry-Apokalypse“. Sie ist etwas Besonderes, weil sie um 1410 von einem der besten Miniaturmaler der Zeit, dem „Meister der Berry-Apokalypse“, für einen sehr wohlhabenden Auftraggeber und in städtischem, eben nicht klösterlichem Kontext geschaffen wurde. Annähernd zeitgleich zu Jan van Eyck, dem Perfektionierer der Ölmalerei, entstanden fünfundachtzig stilistisch diesem verwandte ganz- und halbseitige Buchilluminationen als Bebilderung für die Apokalypse des Johannes. So ist etwa der digital zu animierende Kampf des Erzengels Michael gegen das Böse zu sehen, bei dem der militante Gottesleibwächter in mittelalterlicher Ritterrüstung mit seinem Schwert auf drei Teufel einschlägt, die teils schon ohnmächtig nach unten in den weit geöffneten Höllenschlund stürzen.

          Militanter Gottesleibwächter: der Erzengel Michael jagt die Teufel in den Höllenschlund. Bilderstrecke
          Mittelalterliche Handschriften : Da wiehert der Himmelsschimmel

          Oder der sogenannte „Blaue Koran“, dessen Seiten mit dem teuersten Purpur, dem extrem raren blauen aus dem phönizischen Sidon, gefärbt sind, was ihn zusammen mit den eleganten goldenen Schriftzeichen zu einem an Kostbarkeit nicht zu übertreffenden Prunkschaustück macht. Das Manuskript wurde wahrscheinlich zwischen dem neunten und zehnten Jahrhundert am Hof der kunstliebenden, große Teile Nordafrikas beherrschenden Dynastie der Fatimiden hergestellt.

          Am bewegtesten und überraschendsten jedoch ist ein Manuskript, an dem sich eine Bildwanderung von mehr als zweitausend Jahren ablesen lässt: eine malerisch von China inspirierte Sternzeichenhandschrift für den timuridischen Herrscher Sultan Ulugh Beg aus der Pariser Nationalbibliothek, die um 1430 herum ein arabisches Vorbild des berühmten Astronomen des zehnten Jahrhunderts, Abdul Rahman al-Sufi, kopiert. In feinster Tuschmalerei ist dort etwa das Sternzeichen Pegasus aus feinen Linien zwischen den goldenen Sternen und mit wehender Mähne gegeben, dessen Pergamenthintergrund sich beim Scannen in einen nachtblauen nördlichen Sternhimmel verwandelt. Dieser Sternenschimmel ist eines von vierundsiebzig illuminierten Sternzeichen, die Rahman al-Sufi wiederum aus einer antik römischen Zodiacus-Handschrift zitierte, für die jene gedachten und gezogenen Linien zwischen den Sternen bestimmter Konstellationen, die dann wie beim Pegasus mit griechischer Mythologie aufgefüllt wurden, charakteristisch waren. Manchmal lernt man durch klösterliche Abgeschiedenheit gewaltig über die Vergangenheit und kann aus einer Kammer zu den Sternen fliegen.

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