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Teuerster Ankauf des Städel : Krieg und Frieden im Gesicht

Epochenbild: Max Beckmanns „Selbstbildnis mit Sektglas“ aus dem Jahr 1919. Bild: Städel Museum, Frankfurt am Main / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Die Essenz der Zwanziger in einem Bild: Das Städel Frankfurt erwirbt als teuersten Ankauf seiner Geschichte ein Gemälde, das im Grunde immer schon in die Sammlung gehörte.

          4 Min.

          Bilder wie das seit heute fest dem Städel gehörende „Selbstbildnis mit Sektglas“ von Max Beckmann stehen gewöhnlich im Buche der Geschichte. Wie nur wenige andere Gemälde kann das Werk, obschon bereits 1919 entstanden, stellvertretend für die kommenden zwanziger Jahre in ihrer Gesamtheit stehen. Es illustriert nicht nur wie etwa bei Meidner, Dix oder Grosz die mit ihrem unausgesetzten Kanonendonner noch nachhallenden vier Jahre des entsetzlichen Weltkriegs; vielmehr nimmt es auf hellsichtigste Weise die angeblich Goldenen Zwanziger in all ihrer Widersprüchlichkeit vorweg. Doch beim besten Willen und mit Grundsympathie für einen der wichtigsten Maler des zwanzigsten Jahrhunderts: Wie hätte Beckmann, der auf dem Bild in einer Bar mit dem Sektglas des Titels aufs Überleben des Kriegs und auf sich selbst anstößt — Quellen berichten, dass er in seiner Frankfurter Zeit von 1915 bis 1933 häufig eine Flasche Champagner allein konsumierte —, bereits im Jahr 1919 weiter in die Zukunft schauen können als die meisten anderen?

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Weil er stets der große Quer-zur-Zeit-Steher war. Keiner seiner Bildräume ist je rechtwinklig gerade, als ob er sein eigenes Leben auf abenteuerlich schiefen Rampen darin spiegeln wollte. Anfangs Mitglied der Berliner Secession, stilisierte er sich bald lieber als einsamer Motivjäger und distanzierter Dandy. Wo die Moderne ab den Zehnerjahren das Figürliche immer mehr als verschmockt bannte, setzte er umso kräftigere Figuren mit Konturen, dick wie die Bleiruten mittelalterlicher Kirchenfenster dagegen. Wo seit Kandinsky und Malewitschs „Schwarzem Quadrat“ das Erzählen im Bild als bourgeois verpönt war, beobachtet Beckmann scharf und deklamiert das Gesehene auf seinen theatralen Bildbühnen laut als Privatmythen.

          Hinterm Maler blinken schon die katzengoldenen Sterne der Zwanziger

          Auch der Raum in „Selbstbildnis mit Sektglas“ ist eine solche Guckkastenbühne. Ein enger Raum, den sein Körper mit dem unten an den Rahmen stoßenden Ellbogen und dem markanten Kopf oben komplett ausfüllt, mit einer rasant nach schräg links unten ziehenden Stuhllehne, die dem goldgerahmten Spiegel hinter ihr auszuweichen scheint, dessen Rahmenleiste sich wiederum nach oben bewegt. Das Ganze wird schräg und noch auf dem weiß gedeckten Tisch von einem tiefroten Vorhang begrenzt, der sich auch im Spiegel wiederfindet. Es ist, stark verwandelt für Beckmanns Bildanliegen, das damals noch mondäne Frankfurter Café am Hauptbahnhof, neben dem Frankfurter Hof eines seiner zwei Stammlokale, dessen luxuriöse bordeauxrote Samtvorhänge in zeitgenössischen Berichten als Besonderheit herausgehoben werden. Furios in seiner Paradoxie ist, wie der Maler diesen expressiv in alle Richtungen zu bersten drohenden Raum durch farbliche Kniffe wieder zusammenbindet: der Champagnergoldton ist jener der goldenen Sterne auf der Tapete, das Grün der Champagnerflasche findet sich sowohl im Blau seiner Augen als Reflex wie auch an den Wangen und am oberen Ende der markanten Geheimratsecken, das ungesunde Gelb um die Iris entspricht dem seines ergrauenden Blondhaars.

          Das gesamte Weltendrama auf einer Bühne: Max Beckmanns Triptychon „Schauspieler“ von 1941/42 befindet sich heute im Harvard Art Museums.
          Das gesamte Weltendrama auf einer Bühne: Max Beckmanns Triptychon „Schauspieler“ von 1941/42 befindet sich heute im Harvard Art Museums. : Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2017

          Es ist ein Bild der Widersprüche in einer Zeit voller Widersprüche. Obwohl die Ikonographie des Bildes auf Feiern deutet, gleicht der Kopf mit den tiefen Augenhöhlen einem Totenschädel, was gut zu dem Satz seines Frankfurter Kunsthändlers Israel Ber Neumann im Kapitel der unveröffentlichten Biographie „Sorrow and Champagne“ passt, der geliebte Franzosentrunk sorge bei Beckmann dafür, „dass sich die Totenmaske der Erschöpfung von seinem Gesicht löste“ — es handelt sich im „Selbstbildnis mit Sektglas“ demnach um den transitorischen Moment der Entspannung bei anhaltend konzentriertester Beobachtung; ein „Don’t drink and paint“ beachtete Beckmann ohnehin nie. Selbst die Champagnerflasche verwandelt er in ein Geschütz, das mit seiner dunklen Mündung gefahrvoll aus dem Sektkühler ragt und zwischen seine Augen zielt.

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