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Archäologiemuseum in Heraklion : Der Lilienprinz lässt bitten

  • -Aktualisiert am

Minoische Kultur? Schon darüber, was das gewesen sein soll, herrscht keine Einigkeit. Doch man braucht das Schlagwort für den Tourismus: auch im erweiterten Archäologischen Museum von Heraklion.

          Er ist wieder da, der Lilienprinz mit seiner prächtigen Krone. Jahrelang kannten wir ihn nur noch als eine Art Galionsfigur auf den mächtigen Schiffskaminen der kretischen Fährlinie „Minoan“, die sich vor Jahrzehnten seines Bildes bemächtigt hatte, weil Kultur und Geschäft sich auch in Griechenland nicht ausschließen. Das Archäologische Museum in Heraklion, Haus und Hof des Prinzen seit 1952, aber war zuletzt geschlossen.

          Nun lässt es wieder Besucher ein: in einen neuen, sehr viel größeren Bau, der endlich jenen Platz bietet, den die Objekte aus Knossos so dringend brauchen, und seit wenigen Wochen ist die Ausstellung auch tatsächlich vollständig zugänglich. Nicht zu haben ist - seltsamerweise - bis zur Stunde ein Katalog, der erklären könnte, was genau Arthur Evans eigentlich da gefunden hat, als er im Jahr 1900 begann, im Kairatos-Tal ein rund 3500 Jahre altes bronzezeitliches Bauwerk mit nahezu 1200 Räumen auszugraben.

          Die Fresken tragen Phantasietitel

          In „Joseph und seine Brüder“ beschreibt Thomas Mann, was der englische Archäologe in Knossos sah: „Frauen in bunten und starren Prunkröcken saßen und wandelten, den Busen entblößt im eng anliegenden Mieder, und ihre Haare, über dem Stirnband gekräuselt, fielen in langen Flechten auf ihre Schultern. Anderwärts schlugen Akrobaten Luftpurzelbäume über die Rücken tobender Stiere hinweg, zur Unterhaltung von Damen und Herren, die ihnen aus Pfeilerfenstern und von Balkonen herab zuschauten.“ Eine Zauberwelt, eine Welt voller Farben und Natur: blaue Affen, eine „kleine Pariserin“, eine „Karawanserei“, ein „Zollhaus“, das „Bad der Königin“, ihre „Toilette“ (mit Wasserspülung gar), der „Thronsaal“ des Herrschers - und eben der „Lilienprinz“. Der hängt nun mit all den anderen herrlichen Fresken, deren Entdeckung Heraklion, Griechenland und die Welt Herrn Evans verdanken, in einer eigens geschaffenen weiten, lichten Halle.

          Ansonsten hat sich nichts geändert seit 1952, die Menschen bewundern diese Bilder heute wie schon vor sechzig Jahren, als sie noch im alten, etwas muffigen Bau aufbewahrt wurden. Die Fresken tragen dieselben Phantasietitel wie ehedem, als hätte die Forschung das Thema Knossos längst abgeschlossen, als gäbe es der über Jahrzehnte hinweg geführten Diskussion um die sogenannte minoische Kultur nichts mehr hinzuzufügen. Warum?

          Keine Einigkeit über die schreitende Figur

          Ein kurzer Blick zurück: Zu Beginn des Jahres 2001 zeigte das Badische Landesmuseum in Karlsruhe drei Monate lang Fundstücke aus der minoischen Epoche der Insel Kreta. Der Zeitpunkt für eine solche Ausstellung war günstig gewählt. Das griechische Ministerium für Kultur hatte die umfassende Renovierung und beträchtliche Erweiterung des Museums in Heraklion begonnen. Das alte Gebäude war von Beginn an viel zu eng gewesen und entsprach bei weitem nicht der Bedeutung des ungeheuren Schatzes, den man in Knossos, Phaestos, Mallia und Kato Zakros gehoben hatte. Einige der Vitrinen waren bereits geräumt, die Objekte konnten nach Karlsruhe reisen. Der Katalog, der die Ausstellung begleitete, wurde von führenden Fachleuten der mediterranen Bronzezeitforschung verfasst. Die Koordinierung dieses Forschungsberichts - wie man den Katalog eher nennen sollte - hatten die Leiter der kretischen Museen persönlich übernommen.

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          Zum „Lilienprinzen“ hieß es dort: „Der sogenannte Lilienprinz (ist) eine lebensgroße männliche Gestalt, die Sir Arthur Evans wohl fälschlicherweise aus Teilen mehrerer Bilder rekonstruierte. Die Lilienkrone, die Evans ihm zuwies, gehört vermutlich zu einer Göttin oder einer Sphinx. Bis heute herrscht keine Einigkeit, ob die ruhig schreitende, die rechte Faust vor der Brust ballende, männliche Figur der minoischen Blütezeit als Herrscher - dies wäre eine Ausnahme in der minoischen Ikonographie -, als Gottheit oder vielleicht als triumphierender Sportler - als Ringer oder Boxer - zu deuten ist.“

          Paläste für die Toten

          Wolf-Dietrich Niemeier, Archäologieprofessor und bis 2013 erster Direktor der Abteilung Athen des Deutschen Archäologischen Instituts, bot der Fachwelt im Katalog drei zeichnerisch dargestellte seriöse Rekonstruktionsvorschläge an, die Evans’ falschem Puzzle im neuen Museum in Heraklion hätten zur Seite gestellt werden müssen. Entsprechende Fragen an Stiliani Mandalaki, die Direktorin des Museums, dürfen aber nicht gestellt werden. Zuständig sei einzig das General Directorate of Antiquities in Athen, sagt sie, „leider“. Nach einer langen Stunde am Telefon kann dort natürlich kein Zuständiger gefunden werden.

          Selbst eine der grundlegenden Fragen, jene nämlich, warum sich das Museum nicht weiter mit dem erst von Evans geprägten Begriff „Minoische Kultur“ befasst, bleibt daher unbeantwortet. Der 1941 im Alter von neunzig Jahren verstorbene Brite war bis ans Ende seines Lebens überzeugt davon, den Palast des sagenhaften Königs Minos gefunden zu haben, es lag also nahe für ihn, die Untertanen des Herrschers „Minoer“ zu nennen. Doch wie hießen sie - jenseits der Sagenwelt von Minotaurus, Dädalos und Ikaros - tatsächlich? Wie nannten sie sich selbst, oder wie nannten andere Völker sie? Einen Hinweis gab 1972 der Stuttgarter Geologieprofessor Hans Georg Wunderlich in seinem Buch „Wohin der Stier Europa trug“. Eine völkerkundliche Expedition unter dem Althistoriker Eduard Meyer hatte nur kurze Zeit nach Evans’ kretischem Fund in der Nekropole im oberägyptischen Theben-West die Grabkammern hoher ägyptischer Hofbeamter des fünfzehnten Jahrhunderts vor Christus untersucht und war dabei auf Bilder gestoßen, „wie sie im Palast von Knossos zutage gekommen waren“. Wunderlich schreibt: „ zwar blieben auch diese 3500 Jahre alten Gestalten stumm, doch kündete uns der begleitende Text in Hieroglyphenschrift den Namen, mit welchem jenes fremde Volk die Bewohner des bronzezeitlichen Kretas bezeichnete: Keftiu.“

          Archäologisches Disneyland

          Im Museum von Heraklion ist dieser Name nicht zu finden. Auch Wunderlichs These, Knossos und die anderen großen Anlagen in Phaestos, Mallia und Kato Zakros seien womöglich gar keine Paläste für Lebende, sondern für Tote gewesen, Nekropolen also, wird nicht zur Diskussion gestellt. Wunderlich, der die bisher einzig vollständige, bis ins Detail zu Ende gedachte und mit Indizien untermauerte These zur Entstehung und vor allem zum angeblich „plötzlichen“ Verschwinden der kretischen Hochkultur geliefert hat, gilt als widerlegt. Dies wohl hauptsächlich deswegen, weil er 1974 im Alter von nur 46 Jahren verstarb und seine Forschungsergebnisse nicht mehr verteidigen oder fortschreiben konnte.

          Eine Erklärung für die Zurückhaltung der Museumsverwaltung und der Verantwortlichen im Athener Ministerium bietet zweifellos die Bedeutung der Ausstellung in Heraklion sowie der Ausgrabungsstätten für den Massentourismus. Die jährlichen Besucherzahlen in Knossos zählen längst nach Millionen, und auch die anderen Grabungsstätten melden Zuwachs - ein Wirtschaftsfaktor ohnegleichen für die kaputten öffentlichen Haushalte des Landes. Aber reicht das als Grund dafür, lieber Mythologie statt forschungsbasiertes Wissen zu verkaufen, so dass sich Knossos-Touristen - Evans’ bunte Betonrekonstruktionen immer vor Augen - bisweilen in einer Art archäologischem Disneyland wähnen müssen?

          Verzögert, aber gelungen

          Die Sammlung aus Kult- und Gebrauchskeramik, Reliefs, Plastiken und Sarkophagen dreier vorschristlicher Jahrtausende in den neuen lichtdurchfluteten Hallen des Museums immerhin bleibt eindrucksvoll und bewundernswert. Der Entwurf der auf repräsentative und kulturelle Großprojekte spezialisierten Athener Architektengemeinschaft A. N. Tombazis and Associates erfüllte grundlegende Forderungen des Ministeriums: Das Konzept sollte nicht nur ökonomischen und ökologischen Herausforderungen gerecht werden, sondern den gewaltigen Annex des alten Hauses baulich in die exponierte Lage des Museumsplatzes hoch über dem Hafen der kretischen Hauptstadt einpassen. Das ist sowohl in praktischer als auch in ästhetischer Hinsicht gelungen.

          Die alte Ausstellungs- und Verwaltungsfläche ist von 5200 auf nahezu 8200 Quadratmeter gewachsen. Der ursprüngliche Kostenansatz betrug nach Auskunft des leitenden Architekten Nikos Vratsanos dreizehn Millionen Euro, das Projekt dürfte diesen Rahmen inzwischen um einige Millionen überschritten haben - wie viele es am Ende sein werden, ist in Heraklion gegenwärtig nicht zu erfahren. Während der Arbeiten am Fundament eines geplanten, bisher aber nicht begonnenen Mehrzweckbaus traten die Überreste einer mittelalterlichen Basilika zutage. Die Freilegung verzögerte die Bauarbeiten ebenso wie Forderungen der Archäologie, das neue Gebäude, ähnlich wie das Akropolis-Museum in Athen, auf Betonpfeiler zu stellen, um bereits ausgeführte Grabungen zugänglich zu halten und zu schützen.

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