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Ming-Ausstellung im British Museum : Krieg und Frieden auf Chinesisch

Wehe, wenn sie neugierig werden: Als Chinas Herrscher sich fürs Ausland interessierten, stand das Reich plötzlich auf der Kippe. Das Britische Museum lehrt uns mit seiner Ausstellung zur Ming-Zeit einen neuen Blick auf das Reich der Mitte.

          Wer „Ming“ hört, dürfte meist an Porzellan denken. Das hat seinen guten Grund: Die 1368 in China begründete Ming-Epoche brachte unter vielen bürokratischen Neuerungen auch die Gewohnheit hervor, kunsthandwerkliche Objekte mit einem Vermerk zu kennzeichnen, der über das Jahr ihrer Herstellung Auskunft gibt. Das diente vor allem der Verherrlichung der jeweils regierenden Kaiser, denn an deren selbstgewählten Herrschaftsnamen orientierte sich die chinesische Zeitrechnung: Jede Jahreszahl nannte darum notwendig auch den aktuellen Monarchen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es war der von 1402 bis 1424 regierende Yongle-Kaiser (der Begriff bedeutet „ewige Freude“), der auf die Idee kam, damit auch allem Schönen, das sein Reich hervorbrachte, den Freudenstempel aufzudrücken. Und zum Schönsten zählte damals nicht nur in chinesischen Augen das blau-weiße Porzellan. Die Zeit des Yongle-Kaisers steht am Beginn einer großartigen Ausstellung im Britischen Museum, die einfach „Ming“ heißt, sich aber nicht einmal einem halben jener insgesamt fast drei Jahrhunderte widmet, die die Familie Zhu unter dem wiederum selbstgewählten Titel „Ming“ (Verklärung) China regierte.

          Warum so wenig? Weil die Jahre von 1402 bis 1449 nicht nur aus der Ming-Epoche, sondern aus der ganzen chinesischen Geschichte hervorstechen. Damals öffnete sich das Land freiwillig zur Welt. Es sollte bis in unsere Zeit dauern, ehe das wieder passierte. Das ist die Rechtfertigung für die Londoner Ausstellung, die unmittelbar einer großen Ming-Präsentation in Edinburgh folgt, wobei Letztere den Nachteil hatte, die ganze Epoche von 1368 bis 1644 mit Leihgaben eines einzigen Museums abzubilden. Allerdings handelte es sich dabei um das Museum von Nanking, das eine der besten Kollektionen von Objekten dieser Zeit besitzt, weil dort die erste Hauptstadt der Ming lag und der Hof auch später noch de jure gleichberechtigt in Nanking und in Peking residierte.

          Kunstfertig im Frieden wie im Krieg

          De facto aber wurde Peking die wahre Hauptstadt, weil der Yongle-Kaiser, der sie überhaupt erst neben Nanking zum Regierungssitz erhoben hatte, diese Stadt bevorzugte und dort einen neuen Palast errichten ließ, den wir heute als Verbotene Stadt kennen. Seit 1402 schlägt das politische Herz Chinas in Peking. Wie aber konnte aus diesem Umzug in eine damals am äußersten Rand des chinesischen Herrschaftsgebiets und im tiefen Binnenland gelegene Stadt eine Öffnung des Reichs resultieren? Der Yongle-Kaiser war durch einen Bürgerkrieg auf den Thron gekommen und hatte dabei seinen Neffen Jianwen, den zweiten Ming-Herrscher, gestürzt.

          Der war noch von Hongwu, dem 1398 gestorbenen Dynastiegründer, persönlich als Nachfolger ausersehen worden, also hatte der Sieger des Bürgerkriegs ein gewaltiges Legitimationsproblem, obwohl Hongwu sein Vater war. Bestätigung suchte der Yongle-Kaiser deshalb überall, auch im Ausland. Er schickte Gesandtschaften an fremde Herrscherhäuser und warb dort mit Geschenken um politische Anerkennung, die in Form von Gegengeschenken erfolgte, die in China als Tributleistungen verkauft wurden. So war das Gesicht des Kaisers gewahrt. Man konnte sich aber als fremdländischer Fürst auch nur schwer dieser diplomatischen Umarmung entziehen, wenn etwa Admiral Zhang He von 1405 bis 1433 seine berühmten Reisen unternahm, die jeweils mit Flotten durchgeführt wurden, die an die 20.000 Mann auf bis zu zweihundert Schiffen umfassten. China war schon damals das bevölkerungsreichste Land der Erde, und eines der bestgerüsteten war es auch.

          Begegnete man den Emissären nicht im Guten, war Zhang He nicht zimperlich, die mitgebrachten Männer auch einzusetzen. Das Ming-Herrschaftssystem beruhte auf der Regel „wen wu shuang quan“ - kunstfertig im Frieden wie im Krieg. Die Londoner Ausstellung macht diese Dialektik überdeutlich. Die aus zahlreichen Museen rund um die Welt entliehenen chinesischen Kunstgegenstände porträtieren die Kaiser gern als kulturelle Schöngeister, denn wenn sie für so etwas Zeit hatten, konnte die Lage nicht ernst sein.

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