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Farbenhistoriker Pastoureau : Dieser Mann treibt’s bunt

  • -Aktualisiert am

Michel Pastoureau im April 2017 Bild: Sophie Bassouls/Leemage/laif

Aufstieg des Blaus, Verdammung des Rots – Farben tragen lange Geschichten mit sich. Ein Besuch bei dem französischen Farbenhistoriker Michel Pastoureau.

          7 Min.

          Glanz und Elend von Frankreichs Hochschulwesen: Michel Pastoureau hat jahrzehntelang an zweien der renommiertesten Pariser Intellektuellenschmieden gewirkt, der École des hautes études en sciences sociales (von 1987 bis 2007) und der École pratique des hautes études (von 1982 bis 2015). Er konnte dort laut eigener Aussage forschen und lehren, was er wollte, wie er wollte – und sogar fast, wann er wollte. Aber ein eigenes Büro besaß er in keiner der beiden Institutionen. „Ich empfing meine Studentinnen und Studenten in einem Café an der Place de la Sorbonne, bei schönem Wetter auch im nahe gelegenen Jardin du Luxembourg, wo ich oft und gern arbeitete“, erinnert er sich. „Ich hatte weder Telefon noch Sekretärin, meine Briefe tippte ich selbst, das Porto zahlte ich aus der eigenen Tasche.“ Deutsche Professoren würden angesichts solcher Verhältnisse verzweifeln, aber Pastoureau nennt sich privilegiert. „Die Freiheit, die ich genoss, hatte keinen Preis!“

          „Liberté“ wäre ein passender Oberbegriff für die institutionelle Laufbahn des heute Dreiundsiebzigjährigen. Von seiner Doktorarbeit 1972 an bis zu seiner Emeritierung 2015 nahm – beziehungsweise verdiente – er sich die Freiheit, fast nur über Themen zu forschen, die ihn brennend interessierten. „Nach 1968 war in Frankreichs Historikergemeinschaft die Ansicht verbreitet, Berufsanfänger hätten gegenüber der Gesellschaft wie der eigenen Zunft eine Art Verpflichtung: Gleichsam mit den Zähnen knirschend, müssten sie karge Felder wie ,Die Entwicklung der Brotpreise im siebzehnten Jahrhundert‘ beackern“, lächelt Pastoureau. Er hingegen wählte Sujets, die ihn schon als Bub gefesselt hatten: erst die Heraldik, dann die Symbolik von Tieren und von Farben.

          Alle drei Themengebiete standen in den siebziger Jahren in geringem Ansehen: Heraldik galt als reaktionär, Tier- und Farbsymbolik wurden als frivol, ja nachgerade unmoralisch abgetan. Erstere hat Pastoureau seit Mitte der achtziger Jahre ein wenig hintangestellt. Letzteren jedoch widmet er bis heute Bücher, die sich nicht nur zu Hunderttausenden verkaufen, sondern auch in zwölf, zwanzig, ja bis zu zweiundvierzig Sprachen übersetzt wurden. Darunter so entfernte wie Estnisch und Mongolisch, leider aber nur ausnahmsweise Deutsch – Verleger in der Bundesrepublik ließen Pastoureau wissen, Leser, die sich für seine Bücher interessierten, würden sie sich direkt auf Französisch (oder in der englischen Übertragung) zu Gemüte führen.

          Kulturgeschichten der Farben

          „Farbsymbolik berührt Bereiche, die jeden ansprechen: Sprache, Gesellschaftsordnung, soziale Vorstellungen“, führt der Historiker aus: „Bei der Tiersymbolik kommt noch die Faszination des Lebendigen hinzu.“ Doch nicht nur die zugängliche Thematik erklärt den Erfolg von Pastoureaus Kulturgeschichten der Farben Blau, Schwarz, Grün, Rot, Gelb sowie der Tiere Bär, Schwein, Wolf und Stier – nicht zu vergessen ein nicht ganz bierernster Band über vierzig animalische Stars, von der biblischen Schlange über Hannibals Elefanten und Obelix’ Wildschweine bis zu Micky Maus und dem Klon-Schaf Dolly. Auch die ebenso anziehende wie erhellende Bebilderung durch den Verlag Le Seuil, Frankreichs führendes Haus für Geistes- und Sozialwissenschaften, und nicht zuletzt Pastoureaus Sinn für Synthese sprechen Leser weit über den Kreis des Fachpublikums hinaus an.

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          Unsere Autorin: Heike Göbel

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