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Analoge Fotografie : Im begehbaren Familienalbum

Faszination Fotografie: Straßenfotograf in Kopenhagen Bild: Sammlung Michel Campeau

Warum beschäftigt sich der kanadische Künstler Michel Campeau mit einer scheinbar anachronistischen Fototechnik? Eine Frankfurter Ausstellung geht einer der größten Zäsuren in der Entwicklung der Fotografie nach.

          Ein kleiner, ockerfarbener Raum, an der Wand eine Lampe mit einer roten Folie, auf dem Tisch stehen Fotochemikalien und ein alter Ventilator. Man steht vor einer wandfüllenden Aufnahme, die ein Fotolabor im Niger zeigt. Das warme Licht der Dunkelkammerlampen bringt das schmutzige Ocker des winzigen Raumes zum Leuchten. Man spürt förmlich die Hitze, die von dem Ort ausgeht. Diese Fotografie bildet den Auftakt zu der Ausstellung „The Donkey that became a Zebra: Darkroom Stories“ des kanadischen Künstlers Michel Campeau. Die meisten Aufnahmen zeigen Dunkelkammern, Fotogeräte und Utensilien sowie Amateurfotografien, die mit dem Akt des Fotografierens assoziiert werden.

          Die Ausstellung ist so choreographiert, dass die Konturen zwischen Fototechnik, Fotografen und Amateurfotos verschwimmen und die Abgrenzung zwischen den einzelnen Werkgruppen in den Hintergrund tritt. Man bewegt sich scheinbar im begehbaren Familienalbum eines Fotografen, das, aus einer Zeit, zu der Fotografien primär zu Hause entstanden, gut und gerne auch das eigene sein könnte. So kommt es, dass der Anblick der kleinen Fotolabore einen wehmütig und etwas nostalgisch zurücklässt. Auch wenn die Technik eine andere ist, zeigen die Menschen vor den verschiedenen alten Sofortbildautomaten in der Ausstellung eine ähnliche Anziehungskraft, wie man sie heute gegenüber Virtual- und Augmented- Reality-Geräten verspürt.

          Auf der Suche nach Geschichte(n)

          Campeau begann vor vierzehn Jahren, angeregt durch den Rückbau seines eigenen Fotolabors, die verschwindenden Dunkelkammern weltweit zu fotografieren. Seit seinem letzten Projekt „Industrial Splendour and Fetishism“ widmet er sich ausschließlich der Kunst des Sammelns. Durch einen Zufall gelang es ihm, den gesamten Nachlass des deutschen Amateurfotografen Rudolph Edse zu erstehen, der durch die intensive Beschäftigung des Künstlers mit dessen Fotografien zu einer Art Alter Ego Campeaus wurde. Bei der Sammlung von Amateurfotografien ist der Künstler immer auf der Suche nach versehentlich genialen Aufnahmen. Für ihn ist es äußerst reizvoll, diese Momente zufälligen Erfolgs zu finden. Seine Leidenschaft für die Fotografie als Kunst, aber auch für die Geschichten der Bilder, wirkt in der Ausstellung fast greifbar. Seine Motive zeigen weder Krieg noch Elend und sind vermutlich nicht von überragender internationaler, historischer Bedeutung, zeigen jedoch eine Zäsur in der Entwicklung der Fotografie durch das Verschwinden der analogen Technik und damit auch der Dunkelkammern. Sein Anspruch ist es, der analogen Fotografie, an deren Linien entlang er sein eigenes Leben zeichnet, ein Denkmal zu setzen.

          Perspektivwechsel: Untersicht eines Vergrößerers aus einer Dunkelkammer

          Die Fotografien Rudolph Edses bilden die Essenz seines Nachlasses, den Michel Campeau erwarb und aus dem er siebzig Aufnahmen zu einer alternativen Biographie arrangierte. Das Faszinierende an diesen Fotos ist die Selbstbetrachtung Edses durch die Kamera. Obwohl es sich nicht um einen professionellen Fotografen handelt, sind die Bilder meisterhaft komponiert und suggerieren eine perfekte Familienidylle. Man sieht die Kinder auf Sommerschnappschüssen, beim Musizieren im heimischen Wohnzimmer oder Monopoly spielend am Küchentisch.

          Viele der ausgestellten Kinderbilder assoziiert sowohl der Künstler als auch der Betrachter sofort mit Aufnahmen aus dem eigenen Familienalbum, der eigenen Kindheit oder den eigenen Kindern. Es sind Aufnahmen aus unprätentiöseren Zeiten, als zum Glück statt Smartphone und Tablet nicht mehr gehörte als ein Roller und ein paar Holzspielzeuge.

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