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Merseburg ehrt Thilo von Trotha : Lasst dicke Bücher um mich sein

Macht- und prachtvoll war der Klerus vor Luther: Merseburg feiert seinen Kirchenfürsten Thilo von Trotha, der die Bedeutung des Buchdrucks begriff - und ihn für seine Zwecke einzusetzen wusste.

          3 Min.

          Langlebigkeit wird als Voraussetzung geschichtlicher Wirksamkeit oft unterschätzt. Thilo von Trotha beispielsweise, Bischof im Heiligen Römischen Reich, regierte sein Bistum Merseburg, das kleinste der kirchlichen Territorien Mitteldeutschlands, fast fünfzig Jahre lang, von 1466 bis 1514; er starb, für damalige Verhältnisse hochbetagt, in seinem siebzigsten Lebensjahr. In dieser Zeit waren in den Bistümern Brandenburg und Naumburg, die wie Trothas Diözese dem Erzbistum Magdeburg unterstanden, jeweils vier Amtsträger tätig, in Magdeburg immerhin noch drei. Entsprechend gemischt ist dort die Bilanz jener Zeit, während Merseburg unter Thilo eine Hochblüte erlebte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es gelang ihm nicht nur, die Finanzen seines Sprengels durch geschickte Investitionen und rigoros durchgesetzte Zölle so gründlich zu sanieren, dass er bei seinem Tod einen Staatsschatz von 60.000 Gulden hinterließ. Der Spross der im Saaletal ansässigen Trotha-Familie schuf auch die Grundlagen für die heutige kulturhistorische Bedeutung von Merseburg: den Bischofspalast, den er vom schlichten Nutzbau seiner Vorgänger zu einer Dreiflügelanlage mit Türmchen und spätgotischen Zwerchgiebeln erweitern ließ, und den Dom, der von einer Basilika mit abfallenden Seitenschiffen zur prächtigen Hallenkirche im spätgotischen Stil erweitert wurde, mit Fischblasen-Maßwerk in den Fenstern und einem Kreuzrippengewölbe, das die architektonischen Sprünge zwischen romanischer und gotischer Raumkonzeption geschickt verschleierte.

          Beide Gebäude, die wie eine einzige vielzackige Krone über der im Zweiten Weltkrieg zerbombten und heute von verschleppten Sanierungen und Verkehrssperren gebeutelten Merseburger Altstadt aufragen, werden von der Ausstellung der staatlichen Stiftung Vereinigte Domstifter über den „legendären Kirchenfürsten“ Thilo aufs beste genutzt. Im Nordflügel des Schlosses, das durch den barocken Umbau um 1608 seine endgültige Form bekam, sind die Lebensstationen und Bauprojekte des Klerikers, in der Bischofskapelle des Doms seine Memorialschätze in Gestalt von Grabtumba und Epitaph aus vergoldetem Messing ausgebreitet. Aber auch das Kapitelhaus, in dem bis zur Inbesitznahme durch Preußen im Jahr 1815 protestantische Domherren saßen, obwohl das Bistum in der Reformation untergegangen war, wird als Präsentationsfläche genutzt, und selbst im Südflügel des Kreuzgangs, in dem die Kirchenmänner einst wandelten, stehen Holzstatuen, Retabel und Vitrinen mit Exponaten.

          Von Indiz zu Vermutung

          Diese puzzleartige Ausbreitung über ein großes Areal ist die Stärke und die Schwäche der Ausstellung: Sie ist zugleich üppig und diffus, detailreich und verwirrend. Dazu kommt ein Problem, das sich aus der visuellen Überlieferung des Spätmittelalters ergibt. Kleriker wie Thilo hinterließen keine Porträts. Die Bildnisse auf Tumba und Grabstein zeigen einen Typus, kein Individuum. Auch Autographen, originale Handschriften, des Merseburger Trothas sind nicht erhalten, die Briefe, welche die Ausstellung zeigt, stammen aus seiner Kanzlei. So müssen die Kuratoren sich mit Annäherungen behelfen, Fremdmaterial, in dem Thilos Welt als Spiegelung aufscheint.

          Die prächtige Mitra, die in einem Seitensaal des Doms zu sehen ist, stammt aus dem Besitz des Mainzer Erzbischofs Albrecht von Brandenburg, der, eine Generation jünger als Trotha, das Gepränge eines Renaissancekirchenfürsten auf die Spitze trieb. Der Bischofsstab daneben stammt aus Speyer, die funkelnde Hostienschale aus Leipzig, der bischöfliche Bildteppich aus Naumburg, das Flügelretabel mit der heiligen Katharina aus Wittenberg. Über die Votivkrone, die im Untergeschoss des Schlosses gezeigt wird, ist zu erfahren, dass sie der Brautkrone ähnelt, die die von Thilo eskortierte sächsische Fürstentochter Christina bei ihrer Hochzeit mit dem dänischen Prinzen Johann 1478 in Kopenhagen getragen haben könnte.

          So hangelt sich die Ausstellung von Indiz zu Vermutung. Immerhin ist jenes Matrikelbuch der Universität Leipzig zu sehen, in dem der erst fünfjährige Thilo als „Tilemannus de Trota“ aufgeführt wird, was zu Spekulationen über sein wahres Geburtsdatum einlädt. Auch einige Urkunden, die er ausgestellt, und jene Breviere und Messbücher, die er hat drucken lassen, sind in Originalen vorhanden. Überhaupt beginnen die schriftlichen Quellen von Thilos Regierungszeit in Merseburg zu sprudeln. Als einer der ersten Kleriker im Reich hat er die Macht und die Möglichkeiten des Buchdrucks begriffen und für seine geistlichen und weltlichen Ziele eingesetzt. Dass den beweglichen Lettern ein neuer Geist entsprang, der den katholischen Klerus aus Nord- und Ostdeutschland hinausfegte, hat Thilo, in dessen Kirche Luther 1546 predigte, nicht mehr erleben müssen. In seiner knienden Gestalt mit Krummstab, Mitra, Prunkmantel und Rabenwappen, die auf dem Epitaph in der Merseburger Domkapelle erscheint, spiegelt sich ein Zeitalter, das im vollen Ornat Abschied nahm.

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