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„Meine liebste Ausstellung“ : Idealer Augenblick

Mit dem Leben abgeschlossen: Albrecht Dürers Selbstbildnis als von Krankheit und Schwermut gezeichneter Schmerzensmann von 1522 Bild: Katalog

Als sich im Jahr 1992 plötzlich ein Fenster öffnete: Die erste postsowjetische Ausstellung mit Beutekunst aus Deutschland in der Sankt Petersburger Eremitage

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          Wenn eine ästhetische Offenbarung darin besteht, dass man die Welt durch sie anders wahrnimmt, dann war nach der Neuordnung Europas die erste russische Ausstellung von Kulturgütern, die als Kriegsbeute ins Land gekommen waren, ein einschneidendes Kunstereignis. Im Herbst 1992 war das. Nachdem die sowjetischen Behörden und Museumsleute jahrzehntelang die Existenz der Kunsttrophäen, die in Geheimdepots versteckt waren, geleugnet hatten, war schon vor dem Ende der Sowjetunion eine neue Generation russischer Kunsthistoriker – etwa Alexej Rastorgujew, Grigori Koslow, Konstantin Akinscha – mit Berichten über diese zur Unsichtbarkeit verurteilten Schätze an die Öffentlichkeit getreten. Außer den staatlich konfiszierten Werken wurden aber auch private Mitnahmen publik, etwa die des Architekturhistorikers Viktor Baldin (1920 bis 1997), der als Armeehauptmann bei Kriegsende in Schloss Karnzow in Brandenburg 362 Zeichnungen sowie zwei Gemälde der Bremer Kunsthalle, darunter Werke von Dürer, Rembrandt, aber auch Tiepolo, van Gogh und Kolbe, eingesammelt hatte.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Geschichte Baldins ist insofern besonders, als er im ausgeräumten Keller viele Blätter vom Boden auflas und de facto rettete, später weitere dazuerwarb, die „Sammlung“ aber als Ganzes aufbewahrte und später an Bremen zurückgeben wollte. Da das wiedervereinigte Deutschland und das demokratische Russland ihre Beziehungen neu definierten, bot sich das Konvolut für ein Pilotprojekt an, das für den Umgang mit den übrigen Trophäen hätte wegweisend werden können.

          Bedingungslose Rückführung

          Der bis heute die Eremitage leitende Michail Piotrowski, damals neu im Amt, erbot sich, die Baldin-Blätter in seinem Haus zu zeigen – und bald auch eigene Beutebestände –, im Gegensatz zur unlängst verstorbenen Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums, Irina Antonowa, die ihre Politik des Leugnens erst später aufgab. Als Piotrowski den damaligen Direktor der Bremer Kunsthalle, Siegfried Salzmann, vorab empfing, um ihm die Blätter zu zeigen, sprach er von einem großen „Augenblick“, das deutsche Wort benutzend. Denn seit Kriegsende habe kein deutsches Auge diese Bilder erblickt. Dann wurden die Spitzenstücke – wie Dürers erschütterndes Selbstbildnis als von Krankheit und Schwermut gezeichneter Schmerzensmann sowie das leuchtende Aquarell des Nürnberger Johannisfriedhofs – auch dem russischen Publikum präsentiert. Klug nutzte Piotrowski den Augenblick der wohl größten deutsch-russischen Annäherung im Interesse seines Hauses. Unter der Ägide des Osteuropa-Historikers Wolfgang Eichwede einigte sich eine deutsch-russische Kommission, die Sammlung nach Bremen zurückzuführen, abzüglich einiger Blätter, die als Dankeschön in der Eremitage bleiben sollten, zudem versprach die deutsche Seite Geld für Kirchenrestaurationen in Nowgorod und Pskow.

          Doch das Bremer Abkommen wurde nicht umgesetzt, weil die Bundespolitik auf einer Gesamtlösung der Beutekunstfrage beharrte, das heißt alle kriegsbedingt verlagerten Schätze von Russland zurückverlangte. Nach dem Ende des Kalten Krieges wollte man in den Beziehungen zu Russland das Prinzip des Rechts durchsetzen, das gemäß der Haager Landkriegsordnung Kunsttrophäen ächtet, und verlangte ihre bedingungslose Rückführung. In Russland, wo die deutschen Besatzer auch viele Kulturgüter gestohlen und zerstört hatten, empfand man diese harte Haltung als Affront. Das Parlament erarbeitete in den darauffolgenden Jahren ein Gesetz, wonach die Kunstbeute der sowjetischen Trophäenkommissionen eine ersatzweise Restitution (restitution in kind) und also rechtmäßig war.

          Doch privates Plündergut, wie es die Baldin-Sammlung juristisch gesehen war, blieb von dieser Bestimmung ausgenommen. Deswegen konnten 101 Bremer Blätter, die ein Armeekamerad Baldins 1993 bei der Moskauer deutschen Botschaft abgegeben hatte, im Jahr 2000, nachdem die Hansestadt den Russen ein in Bremen beschlagnahmtes Marmormosaik aus dem Bernsteinzimmer restituierte, in die Kunsthalle zurückkehren. Daraufhin nahmen die Bremer unter Eichwede einen neuen Anlauf. 2003 war die Übergabe der Sammlung minus zwanzig von der Eremitage ausgewählten Bildern, die dem russischen Staat als Dank geschenkt werden sollten, fest verabredet. Doch eine vorzeitige Bekanntgabe des deutschen Kulturstaatsministers Julian Nida-Rümelin alarmierte konservative Parlamentarier, die die Ausfuhr im letzten Moment verhindern konnten. Russlands damaligen Kulturminister Michail Schwydkoi kostete der Skandal das Amt. Die Zeichnungen aber kamen nach einer eilig organisierten Ausstellung im Moskauer Architekturmuseum in einem Tresor der Zentralbank hinter Schloss und Riegel, wohl um weitere Verhandlungsversuche zu unterbinden. Kulturell existieren Dürers Selbstbildnis als Schmerzensmann und sein Friedhofsaquarell seither nur in Reproduktionen. Dafür hat das Geheimdepot, in dem die Originale gelandet sind, ihnen einen bitter buchstäblichen Zusatzsinn verliehen.

          Meine liebste Ausstellung

          Wer Bond sagt, denkt zu allererst an Verfolgungsjagden und Gekuschel in Hotelbetten, an raffiniertes Waffenzubehör und Martinis in den berühmtesten Bars der Welt. Eine der schönsten Szenen aller James-Bond-Filme allerdings spielt im Museum, in „Skyfall“ – vor einem Original in Londons National Gallery: dem Gemälde „The Fighting Temeraire“ von William Turner, auf dem das alte Holzschiff von einem modernen Dampfschlepper zum Abwracken bugsiert wird. Q und Bond sitzen davor, und Q sagt zu dem noch etwas derangierten und eben erst wieder in Dienst gestellten Agenten: „Welche Melancholie! Ein großes altes Schlachtschiff, auf dem Weg zur Verschrottung. Die Unvermeidbarkeit der Zeit, finden Sie nicht? Was sehen Sie, Bond?“ Er: „Ein Schiff. Und noch ein Schiff.“ Obwohl der nach Bonds Meinung zu junge Quartiermeister computeraffin ist, hätte die Szene vor einem digital eingespielten Bild nicht die Hälfte ihrer Wirkung entfaltet. Trotz großem Einsatz hat bislang keine digitale Präsentation von Museumsbeständen verfangen. Kunstwerke müssen in ihrer körperlichen Präsenz gefühlt werden, denn ja: Gemälde etwa bilden mit ihrer organischen Leinwand und dem Holzrahmen einen physischen Gegen- und Widerstand aus. Wir müssen vor ihnen stehen, ihre Abmessungen wahrnehmen und vor allem mit den Augen über ihre Oberflächen wandern und auf den Farbreliefs eine Berg- und Talfahrt vollführen. All diese unmittelbaren Reize können uns nur Originale verschaffen, und so ersehnen wir die Wiedereröffnung der Museen herbei. Bis es so weit ist, schreiben an dieser Stelle Künstler, Kunstkritiker und Kuratoren über die Ausstellung, die sich ihnen besonders eingeprägt hat. S.T.

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