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Künstlerin Maria Lai : Die Webstühle der Venus

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1993: Maria Lai arbeitet in Ulassai an „La scarpata“ Bild: Maria Sofia Pisu/VG Bild-Kunst,

Weil sie sich der Vermarktung durch die Kulturindustrie entzog, ließ sich die sardische Künstlerin Maria Lai für allerlei Aufbruchsdenken einspannen: Das Maxxi in Rom widmet ihr zum Hundertsten eine Retrospektive.

          Eigentlich hat die Entdeckung der 2013 verstorbenen Künstlerin Maria Lai bereits vor zwei Jahren eingesetzt, als ausgewählte Werkgruppen sowohl auf der Documenta als auch auf der Biennale gezeigt wurden. In Kassel und Venedig wurde Lai mit ihren Teppichen, Stoffcollagen und den Ensembles aus bemalten Eisstielen, Holzlöffeln und Federn ein wenig in die Arts-and-Crafts-Ecke gedrängt, ganz im Sinne der konzeptionellen Ausrichtungen der beiden Megaausstellungen, in denen scheinbar anachronistische Outsider-Kunst eine wichtige Rolle spielte. Mehr noch, als weibliche Künstlerin, die erst jetzt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, auch weil sie sich der Vermarktung durch die Kulturindustrie entzog, ließ sich Lai gut für den mit der gerade erwachenden #MeToo-Bewegung einhergehenden Feminismus einspannen.

          Beide Ansätze, die jetzt auch die römische Ausstellung prägen, sind zwar vage zutreffend, aber so reduktionistisch, dass sie Lai einen Bärendienst leisten. Denn die Bedeutung von Lais Kunst liegt nicht zuletzt in ihrer Zeitgenossenschaft und der Auseinandersetzung mit der italienischen Arte Povera, der sie eine weibliche und vor allem sardische Note verlieh.

          Die einzige Frau an der Kunsthochschule

          Obwohl Lai in den vierziger Jahren bei dem Bildhauer Arturo Martini an der Kunsthochschule in Venedig studierte – wohlgemerkt als einzige Frau –, besteht ihr Frühwerk aus gefälligen, gegenständlichen Zeichnungen, von denen bezeichnender- und bedauerlicherweise keine im Maxxi gezeigt wird. Erst in den Sechzigern und Siebzigern, zweifellos Lais produktivste Phase, schuf sie ihre sich jeder Kategorie entziehenden, von der sardischen Webtradition inspirierten Objekte. Den Auftakt machten die sogenannten „Telaios“, an Webstühle gemahnende Gebilde, in denen Schnüre in unterschiedlicher Anordnung über unregelmäßig bemalte Oberflächen gespannt sind und dabei immer wieder von horizontalen, an Webschiffchen erinnernden Holzbalken gekreuzt werden.

          Maria Lais „Telaio del meriggio“ von 1967 aus Holz, Zwirn. Leinwand und Farbe

          In den „Genähten Leinwänden“ stückelt sie nicht nur Stofffetzen aneinander, sondern stickt mit feiner Nadel abstrakte Konfigurationen in die von ihr geschaffene Oberfläche. Immer wieder finden sich lose Fäden, die bisweilen auch aus dem unregelmäßigen Patchwork herabhängen. Diese beiden Verfahren kombinierend, entwickelte Lai dann in den Siebzigern die „Telaio-Libri“, gewebte und genähte Bücher, die sich umblättern lassen und auf den Stoffseiten sowohl abstrakte Stoffkonfigurationen gleich den „Genähten Leinwänden“ als auch (allerdings unleserliche) Schriftbilder zeigen.

          Aus struktureller Sicht sind all dies Verfahren, die Lai mit der gleichzeitig entstehenden Arte Povera teilt, dabei aber eine völlig andere, radikale Ästhetik wählt, die dem Namen dieser Kunstbewegung gerechter wird als die Arbeiten von deren viel berühmteren Protagonisten. Denn der von dem italienischen Kurator Germano Celant geprägte Begriff Arte Povera ist in vieler Hinsicht irreführend. Es ging Michelangelo Pistoletto, Jannis Kounellis und Mario Merz ja keineswegs um „arme Kunst“, sondern um die Ablehnung der neuen technologischen Möglichkeiten einer hochindustrialisierten, globalisierten Gesellschaft, die diese Künstler in einem erneuerten Geschichtsbewusstsein, der Verwendung von traditionellen Mitteln und der Rückkehr zur Natur ausdrückten.

          Weigerte sich, an den Praktiken der fortgeschrittenen Konsumgesellschaft teilzunehmen: Maria Lai

          Der Maschinenästhetik des nordamerikanischen Minimalismus und der zynischen Konsumhaltung der Pop-Art begegneten sie mit einer explizit antitechnologischen Haltung, allerdings ohne deshalb auf Eleganz, handwerkliches Können und anspruchsvolle Materialien zu verzichten. Programmatisch konfrontiert etwa Pistolettos Gründungswerk der Arte Povera, die „Venere degli stracci“ von 1967, die kapitalistische Gesellschaft mit der zeitlosen Schönheit der Kunst, indem es eine antikisierende Venus-Kallipygos-Statue vor einen riesigen Berg aus bunten Putzlumpen stellt.

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