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Gespräch mit Max Hollein : In San Francisco muss man sich rasant entwickeln

Bilanziert ein Jahr Westküste: Max Hollein vor der Legion of Honor Bild: Natalie Schrik for Drew Altizer Photography

Der ehemalige Frankfurter Museumsdirektor Max Hollein über seine neue Nachbarschaft zum Silicon Valley, den Einfluss, den Mäzene haben – und was das Besondere an Frankfurt ist.

          Herr Hollein, Sie sind vor einem Jahr von Frankfurt nach San Francisco gegangen: Was ist anders an den amerikanischen Museen?

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Das ist zuallererst die private Finanzierung, die die amerikanischen von den europäischen Museen unterscheidet. Was damit einhergeht, ist eine andere Form von – wie das hier heißt – Governance, also von Aufsicht für die Museen. Europäische Museen sind da stark kulturpolitisch geprägt. In Amerika gibt es keine staatliche Kulturpolitik. Die Museen sind viel stärker geprägt davon, was die „Boards of Trustees“ artikulieren, nicht nur in ökonomischer Hinsicht. Ein Kulturpolitiker, der im Aufsichtsrat eines staatlichen Museums in Deutschland sitzt, hat eine andere Perspektive auf das Museum als ein großer Mäzen, dessen Hintergrund Private Equity ist, im Aufsichtsrat eines amerikanischen Museums. Die Forderung an amerikanische Museen ist ganz klar: die Begründung, wofür sie da sind, worin ihre Leistung besteht. Diese Haltung hat dazu geführt, dass amerikanische Museen in verschiedenen Bereichen sehr fortschrittlich sind. Das sind einmal „Education“ und „Community Outreach“, also was man für die Gesellschaft tut und wie man die verschiedenen Gruppen einbindet. Und dann sind amerikanische Museen ganz stark dem Gedanken verhaftet, sich nach Möglichkeit rasant fortzuentwickeln. Das hat nicht alles immer nur positive Seiten. Aber es ist der entscheidende Unterschied in der Struktur.

          Was bedeutet für die Museen in San Francisco das Umfeld – Stichwort Silicon Valley? Engagieren sich diese Leute in den Museen?

          San Francisco und die Bay Area sind im Moment in einem, ich würde sagen, exzeptionellen Zustand, im Zentrum einer neuen Industrialisierung, die die ganze Welt beeinflusst. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass sich hier extremer Wohlstand noch weiter vermehrt. Insbesondere die digitalen Technologien und ihr wirtschaftlicher Einfluss sind derzeit das, was San Francisco definiert. Jeder denkt an Google, Facebook und Twitter, Airbnb und Uber. Diese Unternehmen haben hier die größte Dichte junger Millionäre überhaupt auf der Welt geschaffen. San Francisco ist aber auch ein unglaublich spannender kultureller Ort, das will und muss diese Stadt und diese Gegend noch weiterentwickeln. Das heißt, auch kulturelle Stärke ist Teil der geltenden Agenda. Das sieht man zum Beispiel an der Entwicklung des San Francisco Museum of Modern Art. Und tatsächlich spielen dabei auch die Fine Arts Museums, die ich leite, eine wichtige Rolle: Sie sind der größte und beliebteste Museumskomplex derzeit an der West Coast. Die zwei großen Museen sind ungemein beliebt, Teil der Geschichte von San Francisco.

          Wie sehen die Fine Arts Museums, die Sie leiten, denn aus?

          Das sind die Legion of Honor und das M.H.de Young Museum, zwei große, sehr unterschiedliche Museen. Die Legion of Honor ist eine Gemäldegalerie und graphische Sammlung, die Stärken liegen im Altmeister-Bereich, dem neunzehnten Jahrhundert, insbesondere Frankreich, mit einer der besten Rodin-Sammlungen weltweit. Das Gebäude ist eine Kopie des Légion-d’honneur-Gebäudes in Paris und wurde, typisch San Francisco, hier im Maßstab von eins zu drei viertel aufgebaut. Die Gründerin, Alma Spreckels, war eine leicht exzentrische, sehr interessante Frau, ihre Sammlung ist die Basis. Das Museum ist recht bekannt, auch weil Hitchcock dort berühmte Szenen für „Vertigo“ gedreht hat. Das de Young Museum sitzt mitten im Golden Gate Park, es war einer der Pavillons bei der „Panpacific Exhibition“ 1904. Die Sammlung ist eklektisch. Wir haben Stammeskunst und die Rockefeller-Sammlung amerikanischer Malerei des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts als Schenkung. Es gibt mexikanische und zeitgenössische Kunst, auch eine herausragende Kostüm- und Textiliensammlung – ein bisschen ein Potpourri. Zusammen haben die Fine Arts Museums rund 1,6 Millionen Besucher im Jahr und mehr als 100.000 Mitglieder. Für mich stellen die Häuser zwei verschiedene Modelle von Museum dar. In der Legion of Honor wird Kunst in Retrospektiven gefeiert, als Nächstes eine große Gustav-Klimt- und Auguste-Rodin-Schau. Im de Young findet demnächst eine Ausstellung zu „Fashion of Islam“ statt. Mir ist es auch wichtig, dass die Häuser ihr Programm selbst machen, vorher war das Modell: Wir holen große Sammlungen aus Europa und stellen sie hier aus. Gerade bereiten wir für die Legion of Honor eine Rubens-Ausstellung vor und eine zu den Präraffaeliten und ihren Vorbildern, also Dante Gabriel Rossetti mit Botticelli, mit Van Eyck oder Bellini. Weil die Museen fünf Jahre lang ohne starke Führung waren, war das erste Jahr zudem eine große Managementaufgabe, neben der inhaltlichen Entwicklung und Ausrichtung.

          Wird es da denn Kooperationen mit Europa, mit Frankfurt geben?

          Mit Frankfurt wollen wir natürlich gerne kooperieren. Das Städel hilft auch mit Leihgaben, und wir sind eng verbunden, wie auch mit anderen deutschen Häusern. Ich denke, dass die Ausstellung zu „Fashion of Islam“ in Deutschland touren wird, da gibt es großes Interesse von verschiedenen Museen. Eine andere Zusammenarbeit gibt es mit dem Liebieghaus in Frankfurt. Wir zeigen in San Francisco die neueste Entwicklung der Polychromie-Forschung.

          Die „bunten Götter“ kommen also bis nach San Francisco. Sie haben aber noch andere Verbindungen zu den großen Häusern in Europa. Bleibt das so?

          Ich fliege demnächst wieder nach St.Petersburg, weil ich im Aufsichtsrat der Eremitage bin, das ist eine enge Verbindung, auch Freundschaft. Ganz anders geartet ist mein Aufsichtsratsposten im Palais de Tokyo in Paris. Ich bin kein Museumsdirektor, der nur im zeitgenössischen Bereich tief verhaftet ist. Und dann gehöre ich noch zum Board der Neuen Galerie in New York. Diese unterschiedlichen Spektren und inhaltlichen Ausrichtungen haben mich immer interessiert, das habe ich auch nach San Francisco mitgebracht. Und da sehe ich natürlich auch eine Chance – für uns als Institution und für mich persönlich –, mit Kollegen und Freunden engere Beziehungen zu San Francisco und der Bay Area zu knüpfen.

          Hat eigentlich die aktuelle Politik Einwirkungen auf Ihre Museen?

          Prinzipiell hat ein Präsident Donald Trump und seine Politik keinen Einfluss auf die Museen – wie gesagt, es gibt nicht wirklich eine Kulturpolitik in Amerika. Zudem sind die Museen und die Kulturinstitutionen eben alle, mehr oder weniger privat finanziert. Sagen wir so: Hätte Marine Le Pen in Frankreich die Wahl gewonnen, hätte das eine direkte Auswirkung gehabt auf den Louvre oder das Centre Pompidou, das hätte sofort zu Umbesetzungen geführt. Das geschieht hier nicht. Und San Francisco ist außerdem eine der liberalsten Städte, die es überhaupt gibt. Hier ist die Mehrheit in einer Antihaltung, das sorgt natürlich für eine gewisse weitere Polarisierung der Meinungen und Diskurse. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Ich bin mit der Idee hierhergekommen, da war Trump noch gar nicht gewählt, die schon erwähnte Ausstellung über die Mode des Islams zu machen, über deren ganze Komplexität, aber auch Entwicklung und dann die Diskussion darum, diese unglaublich lebendige Modeszene eben. Plötzlich wurde diese Ausstellung gesehen – als direkte Antwort auf Trump. So war sie nicht gedacht, aber natürlich muss sie jetzt dazu Stellung nehmen. Also insofern wirkt sich Trumps Wahl schon aus.

          Wie ist denn das Verhältnis der amerikanischen Museen zum Kunstmarkt, zum Kunsthandel und zu den Galerien, vor allem für zeitgenössische Kunst? Muss man sich das enger vorstellen, als es hierzulande im Allgemeinen ist? Eher als eine Art produktive Zusammenarbeit?

          Einerseits ist das Verhältnis zwischen dem Kunstmarkt und den amerikanischen Museen ein deutlich engeres. Das hat eben mit der Struktur der Governance zu tun und trifft insbesondere auf Museen für moderne und zeitgenössische Kunst zu. Weil die Aufsichtsräte der Museen oft auch mit Sammlern besetzt sind, die am Kunstmarkt sehr aktiv sind, ist da eine viel größere Nähe, als wenn im Aufsichtsrat der Kulturminister sitzt. Ich sehe das aber prinzipiell nicht negativ. Es ist natürlich klar, dass ein großer Mäzen, der, sagen wir, eine Vorliebe hat für Jean-Michel Basquiat, insbesondere eine Erwerbung von Basquiat seitens des Museums unterstützen würde. Nicht, weil er denkt, okay, jetzt beeinflusse ich den Markt. Aber weil er natürlich selbst ein Basquiat-Sammler ist, er findet das wichtig. Er wäre empfänglich, wenn der Direktor ihn fragt: Wir brauchen unbedingt einen Basquiat, hilfst du uns, einen zu kaufen, oder schenkst du uns einen? Die Verantwortung – und die Kunst des Museums und des Direktors – liegt darin, das Portfolio so breit zu streuen, dass daraus für das Museum die richtige Mischung kommt. Die Leute haben alle eine Mission, nicht weil sie unangenehm oder aggressiv Einfluss nehmen wollen. Deswegen ist dieses board structuring eine ganz wesentliche Aufgabe: zu schauen, dass man die richtige Gruppe an Mäzenen und an Leuten hat, die mit verschiedenen Bereichen verbunden sind aufgrund ihrer privaten Vorlieben und Passionen.

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          Was ist im Ganzen aus Ihren Erwartungen an Amerika, an San Francisco geworden? Haben Sie manchmal noch Sehnsucht nach Frankfurt?

          Ich denke, das muss ich zugeben, immer wieder an Frankfurt, an meine Arbeit dort, an die Kollegen und an die Museen. Das ist so, wenn Sie fünfzehn Jahre irgendwo gearbeitet haben, und es war auch eine wunderbar perfekte Zusammenarbeit. Wenn Sie neu in eine Institution kommen, müssen Sie vieles neu sortieren. Es sind hier 550 Mitarbeiter, es ist alles quasi doppelt so groß wie in Frankfurt. Aber das war durchaus zu erwarten. Und natürlich ist es etwas anderes, in Europa oder in Frankfurt zu leben, allein aufgrund der Nähe zu den anderen Städten. Ich glaube, das ist der größte Unterschied: Von Frankfurt aus sind Sie in einer Stunde in Paris, in London, in einem anderen kulturellen Umfeld. Das müssen Sie hier anders kompensieren. San Francisco ist ja eine Stadt, in der die unterschiedlichsten Communities eng zusammenleben, innerhalb von zehn Straßenzügen glauben Sie, von Mexiko nach China gekommen zu sein. Aber innerhalb eines großen gemeinsamen Kulturkreises zu sein, das geht einem hin und wieder natürlich auch ab.

          Hat Frankfurt auch eine Bedeutung für die Museen in San Francisco?

          Frankfurt setzt Maßstäbe, und das wurde durchaus auch in Amerika und in San Francisco beobachtet. Wir haben da eine Vorreiterrolle in manchen Bereichen gespielt, mit der digitalen Erweiterung oder auch mit Ausstellungen, die sehr breitenwirksam waren, aber auch von hoher Komplexität. Das wird sehr stark und sehr positiv wahrgenommen, und das freut mich sehr, natürlich auch für die Kollegen und für die Museen in Frankfurt. Ich glaube, dass vieles, was wir in Frankfurt gemacht haben, ein Referenzprojekt ist. Und Frankfurt war und ist ein perfektes Umfeld für die deutsche Kultur, in ihrer Gesamtheit. Ich glaube, das ist etwas ganz Besonderes.

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