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Max Beckmann : Das Baden-Badener Gefühl

  • -Aktualisiert am

Als stehe die Zeit still und als halte die Natur den Atem an, wirft der Maler einen letzten Blick auf die Welt vor der Apokalypse: Das Museum Frieder Burda folgt den Spuren Max Beckmanns.

          Die Republik ist jung, doch die Werte purzeln. Pleite glotzt aus jedem Portemonnaie. Bei denen, die welches haben, sitzt das Geld locker. Schließlich galoppiert die Inflation schneller als die Pferde in Iffezheim. In Berlin bläst Carl Einstein zum Angriff auf diese lächerliche Zeit und legt den „offiziösen, ehrenhaften Neffen Matisses“ nahe, sie möchten doch „in der kleinpummeligen Provinz retirieren“. Noch lächeln die Dämonen.

          Im August 1923 reist Max Beckmann nach Baden-Baden, wo er den neusachlichen Zeichner und Maler Rudolf Großmann besucht. Was Beckmanns waches Auge erfaßt, ist ein verzweifeltes Vergnügen. Die blasierte Bourgeoisie träumt von Ekstase, bringt aber nur hölzerne Posen hervor: „Tanz in Baden-Baden“. Kein letzter Tango im mondänen Kurort, nur steifes Rollenspiel. Hier brodelt kein Vulkan, faucht keine Bestie. Gemalt hat Beckmann das Bild zwischen Juli und November in Frankfurt. Nun ist es erstmals an dem Ort zu sehen, den es im Titel führt.

          Die Zerrissenheit des Künstlers

          Einfach „Max Beckmann in Baden-Baden“ heißt die kleine, dichte Ausstellung, die Klaus Gallwitz im Museum Frieder Burda an der Lichtenthaler Allee eingerichtet hat. Schräg gegenüber benetzt auch heute noch jene Fontäne die Sommerluft, die sich auf Beckmanns Gemälde „Springbrunnen“ von 1936 als helle Eruption über eine verdüsterte Idylle erhebt. Gezeigt werden etwa vierzig Arbeiten, darunter Figurenbilder wie das „Doppelbildnis Max Beckmann und Quappi“ von 1941 und das bizarre „Traum von Monte Carlo“, die Skulpturen „Mann im Dunkeln“ von 1934 und der mächtige Schädel des „Selbstbildnisses“ von 1936, ferner Skizzen sowie jene zehn Motive, die auf die Aufenthalte des Malers in Baden-Baden zurückgehen. Mehr bedarf es nicht, um die Zerrissenheit des Künstlers in jenen Jahren auszuleuchten.

          Der Boden unter seinen Füßen war 1933 weich geworden, seit die Nationalsozialisten seinen Lehrauftrag an der Frankfurter Städelschule gekündigt hatten. Ausstellungen waren abgesagt worden. Er selbst war nach Berlin übergesiedelt. Fünfmal hielt sich Beckmann zwischen 1923 und 1937 in Baden-Baden auf. Vor allem in den Jahren 1935 bis 1937 sollte die Kur dem Gefühl zunehmender Isolierung und persönlicher Bedrohung entgegenwirken. Mögen die Anlässe für die Gemälde auch verschieden gewesen sein und mag die Stimmung des Malers rasch gewechselt haben - sie offenbaren doch so etwas wie ein Baden-Badener Gefühl. Wie wird es weitergehen? Wird sich am Ende doch alles beruhigen? Ist alles nur ein Spuk? Ob Park, Stourdza-Kapelle, Golfplatz oder Wald, über alles hat sich ein mattes Licht gelegt. Stumpf sind die Farben, erschöpft, als sei die Sonne und mit ihr die ganze Welt verfinstert, ja als bestehe die Vegetation, auf die Beckmann seine Gestimmtheit überträgt, aus nichts als Schattengewächsen und Nachtblumen. Bereits 1933 hatte Beckmann die braunen Ochsen in ihren „Ochsenstall“ gepfercht.

          Lavieren und aufpassen

          In den dreißiger Jahren weilt Beckmann stets allein in Baden-Baden. Quappi befindet sich derweil bei ihrer Schwester in Amsterdam. Mißtrauen und Vorsicht lassen ihn von den anderen Gästen im Sanatorium Dr. Franz Denglers abrücken. Nur hier und da bekommt er Besuch, unterhält er sich mit Bekannten. Er geht viel spazieren. „Man muß“, schreibt er am 20. April 1936 an Quappi, „etwas mehr lavieren und aufpassen, weil überall die verschiedenen Gesinnungen leicht aufeinander platzen.“

          Im Werk Beckmanns sind die Gemälde von Baden-Baden nicht mehr als eine Episode. Und doch verrät sich in ihrer Konzentration auf die Landschaft mehr als ein zwischen Niedergeschlagenheit und Hoffnung schwankendes Gefühl. Es ist die Schreckstarre einer urbanen, mondänen Welt, die hier zum Bild wird. Als stehe die Zeit still und als halte die Natur den Atem an, wirft der Maler aus seinem Residuum einen letzten Blick auf die Welt vor der Apokalypse.

          Das Massensymbol der Deutschen

          Rußschwarz lodern die Tannen um einen rotglühenden „Waldweg im Schwarzwald“. Nur einige wenige helle Frühlingsblätter schmücken den einen Laubbaum, den der Weg, der eine Kehre nimmt, bevor er sich im Nichts verliert, in den Würgegriff nimmt. Starr stehen auch die Tannen um die „Waldwiese im Schwarzwald“. In Reih und Glied. Sie könnten sich im nächsten Moment in Bewegung setzen wie jener Wald, der wie ein Heer marschiert und in dem Elias Canetti das Massensymbol der Deutschen erkannte.

          Auch wenn Beckmann in der Einsamkeit der Natur immer wieder Beruhigung sucht - „Ich flüchte in die Wälder, wo es immerhin noch Stellen gibt, wo man allein sein kann“, schreibt er 1937 an Quappi -, es überwiegen Ahnung und Melancholie. Das großstädtische Figurentheater, grell und grotesk, ist ferngerückt. Klein und verletzlich erscheint der Mensch, wo der scharfe Wind der Geschichte durch die Wipfel fährt. Alles Lebendige ist an den Rand geraten. Am 19. Juli 1937, am Tag nach Hitlers Rede zur Eröffnung des Hauses der Deutschen Kunst in München, verläßt das Ehepaar Beckmann Deutschland für immer.

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