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Matthew Barney in München : Von Biene, Bock und Embryo

  • -Aktualisiert am

Mit dem exzentrischen „Crewmaster“-Zyklus wurde er berühmt. Jetzt gibt es in München die seltene Gelegenheit, Matthew Barneys monumentalen Kunstfilm in voller Länge zu sehen. Es ist, als ginge man in einem fremden Land in die Oper, ohne das Libretto zu kennen.

          In einem fremden Land in die Oper gehen, ohne das Libretto zu kennen, sei eine großartige Erfahrung, tröstete Matthew Barney einmal jemanden, der zugab, seine Filme nicht zu verstehen. Deren fabulöse Storys stellen einen tatsächlich vor die Wahl: Entweder man genießt einfach die überwältigenden Bilder und schmiedet eigene Reime auf die schäumende Symbolik, oder man fräst sich durch Interviews und Interpretationen, um Denkmodellen auf die Schliche zu kommen, die einer verzwickten persönlichen Mythologie entspringen. Bestes Beispiel: der große „Cremaster“-Zyklus, der den 1967 geborenen Amerikaner zu einem Topstar der Gegenwartskunst machte.

          In fünf Folgen und insgesamt über sechs Stunden kommt ein kurioser Stoff zur Aufführung, der auf diversen Erzählebenen keltische Sagenwelt, Autorennen, Westernromantik, tragische Liebesoper und schleimig-vaselinetriefende Körperhöhlen verquickt. Es treten Doppelmörder auf und Entfesselungskünstler, Frauen mit Beinprothesen und andere mit Wespentaillen-Korsetts, dazu Rodeoreiter, Bienen, Böcke, der Künstler selbst und einige Prominente. Es muss einem schon gesagt werden, dass Barney hier ein biologisches Drama umsetzte, nämlich die Entwicklung des Fötus vom Zustand genitaler Unbestimmtheit bis zur Ausbildung der Geschlechtsorgane, also einen gewissermaßen paradiesischen Schwebezustand.

          Filetiert nach Sashimi-Art

          Die Münchner Sammlung Goetz bietet jetzt die seltene Gelegenheit, den gesamten „Cremaster“-Zyklus zu sehen, den sie, als eine von nur vier Kollektionen weltweit, komplett besitzt. Zum Glück gibt es einen Filmsaal mit festen Vorführzeiten für die Folgen, denn Barneys Multimediainstallation, wo sie auf Monitoren rund um einen Tragemast ständig über den Köpfen der Zuschauer parallel laufen, ist nicht gerade publikumsfreundlich und verschafft vor allem einer prägnanten Soundmischung Gehör. Angekoppelte Vitrinen zeigen die zugehörigen Objekte. Diese fetischhaften Kuriosa beförderten die Filmerzählungen als elementare Requisiten und erinnern daran, dass Barney sich als Bildhauer fühlt und weniger als Regisseur. Dabei bewies der cineastisch Hochbegabte 2005 mit „Drawing Restraint 9“, dass er sogar Kinoformat bewältigt. Mit seiner Lebensgefährtin, der Popmusikerin Björk, spielt er auf einem japanischen Walfangschiff eine surreale, in Shinto-Zeremonien verpackte Liebesgeschichte. Sie endet mit zärtlichem gegenseitigem Abschneiden der Beine. Gestärkt durch Kostproben derselben, filetiert nach Sashimi-Art, durchläuft das Paar eine wundersame Metamorphose der Walwerdung und schwimmt im arktischen Meer auf und davon.

          „Drawing Restraint 9“ und zwei versponnene Zeichnungen von 2006 sind die jüngsten Barney-Ankäufe von Ingvild Goetz, die den Künstler 1992 auf der Documenta 9 für sich entdeckte. Was sie seither sammelte, arrangierte Barney jetzt selbst zu einer Schau, die das ganze Museum füllt. Dabei setzte er Mittler ein, die den roten Faden zwischen prächtigen Filmen und Hochglanz-Stills spannen, zwischen subtilen Zeichnungen und Plastiken. Zwei Satyrn sind es, bocksbeinige Gesellen aus dem verbotenen Reich der Mischwesen. In der antiken Mythologie findet sich der Satyr im Gefolge des Theater- und Weingottes Dionysos, und weil er, spätestens seit Nietzsche, irrationale Triebhaftigkeit und kreative Phantasie verkörpert, gibt er ein treffendes Symbol für Natur und Geist beschwörende Utopien.

          Das Alter Ego des Künstlers

          Die Satyr-Fotos entstanden 1993 ebenfalls in der Reihe „Drawing Restraint“, was so viel bedeutet wie „Zeichnen mit Hindernissen“: Als Barney Footballkarriere und Medizinstudium aufgab, um Künstler zu werden, ging er die Suche nach dem eigenen künstlerischen Weg wie eine athletische Herausforderung an. Dem Sportler hatte sich beim schmerzvollen Muskelaufbautraining als Credo eingebrannt, dass jede Form durch Widerstand entstehe. Entsprechend verschafft sich der Künstler Hinderung, turnt nackt an elastische Bänder gefesselt oder springt auf Trampolinen, während er zu zeichnen versucht.

          Der Satyr dann öffnete ganz neue Horizonte: Statt physischen Zwangs, so Barney, legte er sich mit dem mythischen Bocksbein einen metaphorischen, theatralischen Zwang auf - Voraussetzung der filmischen Epen. Im Libretto der Münchner Schau liest sich der Satyr wie das Alter Ego des Künstlers Barney, der mit obsessiver Kreativität Körpergeschichten in Bahnen lenkt, die jede Grenze zwischen Natur und Künstlichkeit sprengen, wie es eben nur in der Kunst möglich ist.

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