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Henri Matisse in Paris : Ein Leben, um eine Vision zu vollenden

  • -Aktualisiert am

Marguerite au chat noir, 1910 Bild: Succession H. Matisse/ Centre Po

Das Museum für moderne Kunst im Centre Pompidou in Paris feiert den 150. Geburtstag von Henri Matisse nach. Die Retrospektive stillt den Hunger nach Farben in der dunklen Zeit.

          4 Min.

          Bei großen Künstlern tragen gerade die Widersprüche zur Komplexität ihres Werkes bei. Henri Matisse kennzeichnen mindestens zwei Paradoxe. Sein ausdrückliches Ziel war es, eine dekorative Malerei zu schaffen, die wohlgefällig betrachtet werden kann. Gleichzeitig war er ein so kritischer und analytischer wie zäh arbeitender Maler. Das üppige Glück, der arabeskenreiche Überschwang, die Emotion von Farbe im Bildraum und die regelrechte Freude am Körper, die aus seinen Werken strahlen, sind schwer erkämpfte, genau durchdachte Kunst-Leistungen. Eine Mischung aus lockerem und strengem Denken, aus Gehenlassen, Neu-Versuchen und Strengorganisieren, steht seiner Arbeit vor.

          Neben Pablo Picasso ist er zum monstre sacré, zum Übervater der modernen Malerei geworden. Und wie Picasso wählte er als wichtigstes Vorbild Paul Cézanne, der ein ebenso harter, unablässig suchender Arbeiter war. Auf welche Weise die Figur oder den Gegenstand im Raum darstellen, wie die Welt malerisch sehen, fragt Matisse mit Cézanne (und mit allen Modernen), wenn man sie nicht mehr im „naturgetreuen Abklatsch“, so Matisse, abbilden möchte? Man müsse eine Vision haben, eine Vorstellung davon, wohin man gelangen möchte, gibt er zur Antwort. 1899, keine dreißig Jahre alt, kaufte er bei Ambroise Vollard „Drei Badende“ seines Vorbildes Cézanne. Das Werk, es ist gleich am Anfang der Ausstellung als ästhetischer Ausgangspunkt zu sehen, sollte ihn bis 1936 begleiten. Der kräftige Rücken mit Haarzopf einer der drei Badenden scheint Matisse’ monolithischen Reliefplastiken „Nu de dos“ vorzustehen.

          Sein Verlangen nach Farbe

          Zwischen 1909 und 1930 schuf er vier Versionen, die nach und nach immer schematischer werden, bis nur noch die wesentliche Körperstruktur bleibt: mit einem langen Zopf, der den schweren Korpus wie in zwei Hälften teilt. Mit der Sequenz der vier Bronzereliefs, die im Pariser Centre Pompidou am mittigen Wendepunkt der Ausstellung mit einem spektakulären Blick auf die Stadt positioniert wurden, vollzieht sich ein weiteres Matisse-Paradox. Sein Lehrer Gustave Moreau, bei dem er ab 1895 an der École des Beaux-Arts studierte, hatte schon früh erkannt, dass Matisse einst die Malerei „vereinfachen“ werde. Es ist genau diese allmähliche Reduzierung der Pinselführung, dann der Perspektive und der Linie bis auf die Farbflächen der späten Scherenschnittbilder (die Gouaches découpées), in der sich die Komplexität von Matisse’ Werk verbirgt. Er brauchte ein Leben, um seine Vision zu vollenden.

          Femme à la voilette, 1927 Bilderstrecke
          Henri Matisse in Paris : Paradies mit Orangen

          Anlässlich des hundertfünfzigsten Geburtsjahres von Henri Matisse – er wurde am 31. Dezember 1869 geboren – war es für das Museum für moderne Kunst im Centre Pompidou unumgänglich, mit einer den Künstler gebührend feiernden Retrospektive aufzuwarten. Um dem dekorativen Aspekt das dem Matisse’schen Werk ebenso innewohnende intellektuelle Rückgrat zu geben, hat die Kuratorin Aurélie Verdier sich mit dem Dichter und Schriftsteller Louis Aragon (1897 bis 1982) verbündet. Aragon hatte Matisse 1941 kennengelernt, nachdem er aus dem besetzten Paris nach Nizza geflohen war. Die beiden Künstler verband sofort eine besondere Freundschaft. Als Aragon gebeten wurde, ein Porträt von Matisse zu schreiben, antwortete er: „Ja, wenn es ein Roman ist.“ Dreißig Jahre später veröffentlichte er 1971 seine zweibändige, literarisch nicht einzuordnende Abhandlung „Henri Matisse, roman“ – eine Mischung aus erzählerischen, analytischen und biographischen Texten. „Matisse, wie ein Roman“ heißt nun die Ausstellung, die im Zusammenspiel mit dieser poetischen und kritischen Rezeption, begleitet von den Stimmen anderer Matisse-Exegeten, das Werk in neun Sektionen und 230 Exponaten chronologisch durchläuft.

          Schon in den frühen Arbeiten zeigt sich Matisse’ Verlangen nach Farbe. Auf einer Reise nach Korsika entdeckt er das Licht des Südens und setzt es sofort, wie in dem Gemälde „Die offene Tür, Korsika“, in eine goldgelbe Blendung um. Matisse sucht seinen Weg, beeindruckt von Cézanne und beeinflusst vom Neoimpressionismus. Die erste entscheidende Selbstbestimmung setzt 1905 mit einer Reise ins südfranzösische Collioure ein. Mit seinem Freund André Derain malt er die Bilder, die noch im selben Herbst im Salon d’Automne ausgestellt werden und die höchste Empörung der Kritik hervorrufen. Die Künstler werden wegen der völligen Auflösung sowohl der Linien als auch der Perspektiven und Farbkonventionen als „fauves“ beschimpft, als wilde Tiere. Die Fauve-Periode führt den Maler auf seinen eigentlichen Weg. Im Jahrzehnt nach 1906 malt Matisse seine ersten Hauptwerke. Die Perspektive und das Licht der Landschaften entstehen durch gegeneinandergesetzte Farbflächen. Die Gegenstände und Figuren haben denselben Stellenwert wie Vorder- und Hintergrund. Es ist eine Revolution. Das großformatige „Interieur mit Auberginen“ von 1911 zeigt, wie wichtig Matisse der dekorative Aspekt ist. Jegliche Hierarchie wird aufgehoben. Spiegel, Fenster, Paravent und der Tisch mit Auberginen haben dieselbe Wertigkeit wie die Blumendrucke auf Teppich und Tapete.

          „Kein Mensch kann mehr Hunger haben, nachdem er Matisse gesehen hat“

          Eine bemerkenswerte Ausnahme markiert ein Gemälde von 1914. Es heißt „Tür-Fenster in Collioure“ und ist das einzige eigentlich abstrakte Gemälde von Matisse. Drei Farbbalken rahmen das gähnende schwarze Rechteck des im Titel benannten Tür-Fensters. Vielleicht führt dieses dunkle Nichts in die ungewisse Zukunft des gerade ausgebrochenen Krieges, in jedem Fall aber kommt die Farbe Schwarz als neue Empfindung des Künstlers von da an mit ins Spiel. Louis Aragon nennt es „das geheimnisvollste aller je gemalten Gemälde“ und lässt es auf den Deckel des ersten Bandes seines Matisse-Buches drucken.

          Nach mehreren Reisen nach Algerien oder Marokko und nachdem sich Matisse mit seiner Familie definitiv in Nizza niedergelassen hat, wird in den zwanziger Jahren die Figur der Odaliske zu einem der Hauptthemen. Einen Paroxysmus erreicht er mit „Dekorative Figur vor ornamentalem Hintergrund“ von 1925, in dem der hieratische weibliche Akt in einem visuellen Überschwang von den Mustern der Umgebung, von Früchten und Pflanzen fast verschluckt wird. Die klare Struktur der Ausstellung funktioniert wie ein ruhender, aber auch intellektuell reflektierender Gegenpol. Skulpturen, Zeichnungen, Briefe und Druckwerke begleiten das malerische Werk und zeigen die umfassende Arbeit. Mit den vierziger Jahren wird Matisse’ Werk formal schematischer; alles spielt sich auf der Fläche ab. Die Farben in „Rotes Interieur mit Stillleben auf blauem Tisch“ von 1947 oder im „Großen roten Interieur“ von 1948 lassen statt der räumlichen eine Gefühlsperspektive entstehen, eine emotive statt visuelle Wertigkeit im Bildraum. Diese Ölgemälde kündigen den letzten großen Schritt in Matisse’ Entwicklung an: hin zu den ausgeschnittenen Farbformen und Mustern, die auf Papier geklebt werden. Zunächst entsteht 1943 das Jazz-Album, später mit der Serie der „Nu bleu“ von 1952 vier große, blaue Akt-Figuren von besonderer Grazie.

          Mit diesen Scherenschnitten führt Matisse in seinem letzten Lebensjahrzehnt eine radikale Reduzierung durch und ist gleichzeitig auf dem Höhepunkt seiner Kunst. In Paris werden in den letzten drei Abschnitten der Ausstellung diese in ihrer Einfachheit extrem bewegenden Meisterwerke gezeigt, zu denen auch die Vorstudien zum Gesamtkunstwerk der Rosenkranzkapelle in Vence gehören. Der ein Jahr vor Matisse’ Tod entstandene „Nu aux Oranges“ (1953) erscheint in seiner Harmonie der Linie des weiblichen Aktes zwischen den keck aufgeklebten Orangen wie ein Traum vom Paradies auf Erden. Alles ist am richtigen Platz und der über achtzigjährige Künstler ein junger Mann. Frank Stella hatte recht: „Kein Mensch kann mehr Hunger haben, nachdem er Matisse gesehen hat.“

          Matisse, comme un roman. Im Centre Pompidou, Paris; bis zum 22. Februar 2021. Der Katalog kostet 45 Euro.

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