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Henri Matisse in Paris : Ein Leben, um eine Vision zu vollenden

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Schon in den frühen Arbeiten zeigt sich Matisse’ Verlangen nach Farbe. Auf einer Reise nach Korsika entdeckt er das Licht des Südens und setzt es sofort, wie in dem Gemälde „Die offene Tür, Korsika“, in eine goldgelbe Blendung um. Matisse sucht seinen Weg, beeindruckt von Cézanne und beeinflusst vom Neoimpressionismus. Die erste entscheidende Selbstbestimmung setzt 1905 mit einer Reise ins südfranzösische Collioure ein. Mit seinem Freund André Derain malt er die Bilder, die noch im selben Herbst im Salon d’Automne ausgestellt werden und die höchste Empörung der Kritik hervorrufen. Die Künstler werden wegen der völligen Auflösung sowohl der Linien als auch der Perspektiven und Farbkonventionen als „fauves“ beschimpft, als wilde Tiere. Die Fauve-Periode führt den Maler auf seinen eigentlichen Weg. Im Jahrzehnt nach 1906 malt Matisse seine ersten Hauptwerke. Die Perspektive und das Licht der Landschaften entstehen durch gegeneinandergesetzte Farbflächen. Die Gegenstände und Figuren haben denselben Stellenwert wie Vorder- und Hintergrund. Es ist eine Revolution. Das großformatige „Interieur mit Auberginen“ von 1911 zeigt, wie wichtig Matisse der dekorative Aspekt ist. Jegliche Hierarchie wird aufgehoben. Spiegel, Fenster, Paravent und der Tisch mit Auberginen haben dieselbe Wertigkeit wie die Blumendrucke auf Teppich und Tapete.

„Kein Mensch kann mehr Hunger haben, nachdem er Matisse gesehen hat“

Eine bemerkenswerte Ausnahme markiert ein Gemälde von 1914. Es heißt „Tür-Fenster in Collioure“ und ist das einzige eigentlich abstrakte Gemälde von Matisse. Drei Farbbalken rahmen das gähnende schwarze Rechteck des im Titel benannten Tür-Fensters. Vielleicht führt dieses dunkle Nichts in die ungewisse Zukunft des gerade ausgebrochenen Krieges, in jedem Fall aber kommt die Farbe Schwarz als neue Empfindung des Künstlers von da an mit ins Spiel. Louis Aragon nennt es „das geheimnisvollste aller je gemalten Gemälde“ und lässt es auf den Deckel des ersten Bandes seines Matisse-Buches drucken.

Nach mehreren Reisen nach Algerien oder Marokko und nachdem sich Matisse mit seiner Familie definitiv in Nizza niedergelassen hat, wird in den zwanziger Jahren die Figur der Odaliske zu einem der Hauptthemen. Einen Paroxysmus erreicht er mit „Dekorative Figur vor ornamentalem Hintergrund“ von 1925, in dem der hieratische weibliche Akt in einem visuellen Überschwang von den Mustern der Umgebung, von Früchten und Pflanzen fast verschluckt wird. Die klare Struktur der Ausstellung funktioniert wie ein ruhender, aber auch intellektuell reflektierender Gegenpol. Skulpturen, Zeichnungen, Briefe und Druckwerke begleiten das malerische Werk und zeigen die umfassende Arbeit. Mit den vierziger Jahren wird Matisse’ Werk formal schematischer; alles spielt sich auf der Fläche ab. Die Farben in „Rotes Interieur mit Stillleben auf blauem Tisch“ von 1947 oder im „Großen roten Interieur“ von 1948 lassen statt der räumlichen eine Gefühlsperspektive entstehen, eine emotive statt visuelle Wertigkeit im Bildraum. Diese Ölgemälde kündigen den letzten großen Schritt in Matisse’ Entwicklung an: hin zu den ausgeschnittenen Farbformen und Mustern, die auf Papier geklebt werden. Zunächst entsteht 1943 das Jazz-Album, später mit der Serie der „Nu bleu“ von 1952 vier große, blaue Akt-Figuren von besonderer Grazie.

Mit diesen Scherenschnitten führt Matisse in seinem letzten Lebensjahrzehnt eine radikale Reduzierung durch und ist gleichzeitig auf dem Höhepunkt seiner Kunst. In Paris werden in den letzten drei Abschnitten der Ausstellung diese in ihrer Einfachheit extrem bewegenden Meisterwerke gezeigt, zu denen auch die Vorstudien zum Gesamtkunstwerk der Rosenkranzkapelle in Vence gehören. Der ein Jahr vor Matisse’ Tod entstandene „Nu aux Oranges“ (1953) erscheint in seiner Harmonie der Linie des weiblichen Aktes zwischen den keck aufgeklebten Orangen wie ein Traum vom Paradies auf Erden. Alles ist am richtigen Platz und der über achtzigjährige Künstler ein junger Mann. Frank Stella hatte recht: „Kein Mensch kann mehr Hunger haben, nachdem er Matisse gesehen hat.“

Matisse, comme un roman. Im Centre Pompidou, Paris; bis zum 22. Februar 2021. Der Katalog kostet 45 Euro.

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