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Marx-Ausstellung in Trier : Odysseus der Ökonomie

Von Trier in die Welt: Die Heimatstadt des berühmtesten politischen Denkers deutscher Nationalität zeigt eine umfassende Marx-Ausstellung Bild: Imago

Kindheit im verarmten Trier, feuchtfröhliches Jurastudium in Bonn, politisches Exil: Nun zeigt Trier die Lebensstationen des rastlosen Marx.

          4 Min.

          Wenn das Sein das Bewusstsein bestimmt, kommt die erste umfassende Ausstellung zum Leben von Karl Marx etwa 140 Jahre zu spät. Viele Verirrungen und Fehlinterpretationen wären vielleicht nicht passiert, wenn Marx nicht als im luftleeren und ahistorischen Raum schwebender Philosoph nach Belieben in Dienst genommen und als Kampfparolensteinbruch missbraucht worden wäre.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Die pünktlich zu seinem heutigen Geburtstag eröffnete zweiteilige Landesausstellung Rheinland-Pfalz „Karl Marx 1818–1883. Leben. Werk. Zeit“ schafft auf intelligente und dennoch sinnliche Weise Abhilfe. Im Rheinischen Landesmuseum wird das Denken des rast- und staatenlosen Philosophen und Ökonomen in seiner Zeitbedingtheit herausgearbeitet. Die acht über Europa verteilten „Stationen seines Lebens“ im Stadtmuseum Simeonstift hingegen betonen den Menschen mit all seinen Facetten – im Sinne des Marxschen Materialismus als „Wissenschaft vom wirklichen Menschen“ angenehm unaufgeregt.

          Feuchtfröhliche Wissenschaft in Bonn

          Die Zeit erhält ihr Kolorit durch hochkarätige Bilder, die zwar nicht von Marx beauftragt wurden oder aus seinem Besitz stammen, stets aber weit mehr mit dem Lebensabschnitt zu tun haben, als seine Schriften (die mit zwei „Weltdokumentenerbe“-Exponaten, dem „Kommunistischen Manifest“ und dem „Kapital“, vertreten sind) allein es beschreiben könnten: die Geburt in dem stark von Armut durchzogenen Trier, wie eine computerbasierte „Armutskarte“ der Stadt zeigt. Seine zu Beginn feuchtfröhliche Wissenschaft im Jurastudium in Bonn (zu spüren in einer Federzeichnung des blutjungen Studenten Marx durch seinen Kommilitonen Rosbach, die erst seit 2016 bekannt ist und als große Kostbarkeit erstmals präsentiert wird), abgelöst von einem deutlich ernster genommenen Philosophiestudium in Berlin.

          Seine Anfänge als zensurgeplagter Journalist bei der „Rheinischen Zeitung“ in Köln, die sich für den zeitlebens klammen Marx jedoch in seinen Londoner Jahren als Beiträger für die „New York Daily Tribune“ auszahlten – seine skrupulös recherchierten Leitartikel waren gut honoriert und wurden sogar von Abraham Lincoln gelesen.

          In Paris war Marx in den Jahren 1843 bis ’45 sowie 1848 und 1849 revolutionärem Geschehen am nächsten: Sehr frühe Daguerreotypien lassen das ausgeklügelte französische System gestufter Barrikaden wie aus einer Überwachungsdrohnenperspektive anschaulich werden. Vor dem Courbet-Porträt des schwierigen Sozialisten Pierre-Joseph Proudhon meint man zu verstehen, warum Marx ihn zuerst als Mitstreiter, bald aber als Gegner empfunden hat. Das Amusement-Potential der Stadt wird dabei ebenso wenig vergessen wie ein Hinweis auf die dreiundachtzig deutschsprachigen Zeitungen der Stadt oder Argenteuil als Sehnsuchtsvorort der Impressionisten, der durch einen hinreißenden Caillebotte aus der Kunsthalle Bremen vertreten ist.

          Den ungezügelten Kapitalismus lernt Marx bekanntlich bei den Besuchen in Friedrich Engels’ Textilfabrik in Manchester kennen. Wie sehr zu diesem Zeitpunkt auch schon die Kunst durch die Industrialisierung entfremdet ist, spricht aus einer großformatigen Panoramaansicht der Stadt von William Wyld aus dem Jahr 1835: Während im Vordergrund eine bukolisch grüne Hirtenlandschaft heile Welt vorgaukelt, rauchen im Hintergrund anstelle der vertrauten Kirchtürme Dutzende von Schornsteinen. Marx wird mit Kinderarbeit konfrontiert, die fraglos mit den durch die harte Arbeit verursachten Deformationen und der hohen Sterblichkeit (etwas zu populistisch durch Munchs „Krankes Kind“ von 1907 illustriert) das düsterste Kapitel der beiden Ausstellungen bildet. Im Belgien-Saal wird man durch die Tatsache überrascht, dass das junge, eisen- und kohlereiche Königreich nach England die zweitgrößte Industriemacht der Welt war, bis es kurz vor Marx’ Tod 1883 von den Vereinigten Staaten abgelöst wurde.

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