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Marx-Ausstellung in Trier : Odysseus der Ökonomie

Das politische Exil in London hingegen, wo Marx den größten Teil seines Lebens verbrachte, war lange von Armut, Krankheit und persönlichen Schicksalsschlägen geprägt. Die Manie seiner peniblen Recherche vor allem für das nie vollendete „Kapital“ zeigt sich ausschnitthaft an einer eng bekritzelten Seite (von etwa zehntausend erhaltenen Exzerpten) oder collageartigen Kladden mit eingeklebten Wirtschafts- und Finanzartikeln, die mit ihren endlosen Zahlenkolonnen wie Arbeiten von Hanne Darboven wirken. Dass die nächtelangen Recherchen gesundheitliche Schäden verursachten, verschweigt die Ausstellung nicht und führt die „Kurorte“ Karlsbad, Algier – wo er seinen ikonischen Bart abrasieren ließ – und Monte Carlo auf, das er als „Gerolstein“ verächtlich machte.

Nie hätte er diese Bronzestatue errichten lassen

Eine der schlimmsten Keulen gegen Marx, das schaurige Totschlagargument seines Begriffs der „Diktatur des Proletariats“, von den tatsächlichen Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts kontaminiert, wird durch historische Kontextualisierung entschärft. Marx, der sich engagiert seit Schulzeiten mit Latein und Altgriechisch tief in die Antike gebohrt hatte, dachte als Radikaldemokrat nicht an ewige Zwangsherrschaft nur einer Klasse, vielmehr an die temporäre Herrschaftsübernahme nach römischen Vorbild, bis ein besserer, hier: klassenloser Status installiert sei; dass sich auch hier Geschichte einmal als Tragödie (Cäsar), einmal als Farce ereignet (DDR), hätte er freilich bei seinen historische Kenntnissen ahnen können.

Dieses Marx-Geschichtsgesetz zeigt sich auch bei dem von China geschenkten monumentalen Karl-Marx-Denkmal in Trier: Nie hätte der porträtscheue Marx sich zu Lebzeiten eine Bronzestatue errichten lassen; ohnehin ist auffällig, dass es insgesamt nur fünfzehn Fotografien von ihm gibt, jedoch kein einziges Porträt in Öl.

Indirekt darf diese Konzentration auf das brandneue Medium der Photographie wohl als Indiz für Marx’ Technikaffinität gelten. Auch die wenigen Äußerungen zur Kunst, aus denen nie eine vollständige marxistische Kunsttheorie wurde, zeigen eine Nähe zur Avantgarde als adäquater Ausdrucksform für Umbruchsphasen. Mehr Menzel und Meunier als „sozialistischer Realismus“ – denn das erste autonome Arbeiterbildnis überhaupt gibt den 1844 von Menzel Porträtierten nur durch seine schlesische Weberbluse als Arbeiter zu erkennen und verschafft ihm ebendadurch eine große Würde, dass er auf dem Bild nicht schwitzen und knechten muss.

Oder wie Marx in seinen „Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie“ dialektisch die Frage nach einer allein gültigen Zeitkunst bewusst offenhielt: „Ist die Anschauung der Natur und der gesellschaftlichen Verhältnisse, die der griechischen Phantasie und daher der griechischen Mythologie zugrunde liegt, möglich mit self-actors und Eisenbahnen und Lokomotiven und elektrischen Telegraphen? Wo bleibt Vulkan gegen Roberts et Co., Jupiter gegen den Blitzableiter und Hermes gegen den Crédit mobilier?“

Karl Marx 1818–1883. Leben. Werk. Zeit. Im Rheinischen Landesmuseum und im Stadtmuseum Simeonstift, Trier; bis 21. Oktober. Der Katalog kostet 29,95 Euro.

 

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