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Fotografien von Martin Parr : Schlechtes Essen und billige Souvenirs

  • -Aktualisiert am

Strandfreuden in Nizza, Frankreich, 2015. Bild: © Martin Parr/MAGNUM PHOTOS

Der Fotograf Martin Parr kämpft mit menschlichen und allzu menschlichen Motiven in der Londoner National Portrait Gallery gegen den Brexit.

          Die Vorschriften des Eliteinternats Harrow, das Winston Churchill zu seinen Eleven zählt, besagen, dass Schüler den rechten Zeigefinger zum Rand des zur Uniform gehörenden Hutes zu erheben haben, wenn sie einem Lehrer auf der Straße begegnen. Dabei darf die freie Hand nicht in der Tasche bleiben. Das steht ebenso im Regelbuch geschrieben wie der Satz: „Der Lehrer erwidert den Salut.“

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Martin Parr hat dieses Ritual in einer seiner humorvoll-ironischen Beobachtungen der britischen Eigenarten abgelichtet. Das von hinten fotografierte Haupt des Lehrers in Talar und Doktorhut dominiert die linke Hälfte des Bildes. Die erhobene Hand ist genau in der Mitte des Motivs plaziert auf einer Linie mit der im Hintergrund pfeilartig von der Spitze des Zeigefingers in die Höhe steigenden Straßenlaterne. Während der Lehrer übergroß und gestochen scharf im Vordergrund erscheint, verschwimmt die Figur des ihm entgegenkommenden Schülers, ein gestalterischer Eingriff, der die Momentaufnahme zum Sinnbild antiquierter hierarchischer Autorität erhebt.

          Bestandsaufnahme einer Nation am Scheideweg

          Die Szene aus Harrow gehört zu einer Serie, in der Parr seinen mokanten Blick auf arkane Bräuche, Institutionen und Feste des britischen Establishments wirft. In der Londoner National Portrait Gallery bildet diese Auswahl jüngerer Arbeiten einen Abschnitt der reich bestückten Ausstellung „Only Human“, die sich als eine Art Bestandsaufnahme einer Nation am Scheideweg versteht.

          Martin Parrs „Autoporträts“, für die er sich jahrelang in Fotostudios rund um die Welt hat fotografieren lassen.

          Der Versuch, der zunehmend multikulturellen britischen Identität auf den Zahn zu fühlen, stand schon immer im Mittelpunkt von Parrs Arbeit, wobei er sich vor allem auf die Marotten und sozialen Gefälle kapriziert hat, weshalb sich seine konventionelleren Porträts von Prominenten weniger einprägt haben. Ihm stechen Verschrobenheiten von Menschen oder Gruppen in ihrem Gehege ins Auge, wie den Sumpfschnorchlern, die, seltsam kostümiert, mit Flossen und Schnorchel durch einen hundertzehn Meter langen Wassergraben im Torfmoor um die Wette schwimmen, oder den acht Dackelbesitzern an einem Kunststrand im nordenglischen Newcastle upon Tyne. Parr registriert die Sujets mit der kritischen Distanz eines Verhaltensforschers, bevor er das situationskomische Potential ausschöpft.

          In der Nachfolge britischer Karikaturisten

          Es ist denn auch bezeichnend, dass seine Eltern als begeisterte Vogelbeobachter einer Freizeitbeschäftigung nachgingen, deren Teilnehmer aufgrund des mitunter obsessiven Charakters der Liebhaberei als Exzentriker betrachtet werden. In dieser Gesellschaft mögen sich in der Kindheit bereits jene Fähigkeiten zum konzentrierten Sehen, zur Unterscheidung individueller Züge sowie eine Sensibilität für das Schrullige geformt haben, die Parrs Bilder kennzeichnen. Zwar sieht er sich als sozialdokumentarischer Fotograf, doch stehen seine Aufnahmen, die er selber als der Wirklichkeit entliehene Fiktionen bezeichnet, eher in der Nachfolge britischer Karikaturisten wie William Hogarth, George Cruikshank und Thomas Rowlandson, als dass sie der Tradition der humanistischen Dokumentarfotografie zuzuordnen wären.

          Fotograf Martin Parr vor seinem Foto des Strands von Pothcurno, Cornwall.

          Parr ist ein Meister der Übertreibung. Indem er seine Motive oft mit dem Makroobjektiv fixiert und auch im Freien bei Tag mit einem Ringblitz ausleuchtet, wirken die schattenlosen Formen umso schärfer, die Bonbonfarben umso knalliger, die Figuren umso grotesker. Seine persiflierende Ader geht einher mit einer von der Pop-Kunst geprägten Vorliebe für die Trivialitäten der Konsumgesellschaft und einer ausgesprochenen Freude am Kitsch, die auch in der Inszenierung der Londoner Ausstellung ihren Niederschlag findet.

          Schmaler Grat zwischen Selbstvermarktung und Selbstironie

          So ist der Fußboden eines Raumes mit skurrilen Details von Zuschauern bei Tennisturnieren mit Kunstrasen ausgelegt. In einer anderen Galerie, in der Tanzsituationen verschiedenster Art gebündelt sind, wirft eine Discokugel glitzernde Punkte an alle Flächen, einschließlich des vermeintlich antiken Teppichs, der den Ballsaal des Nobelhotels auf einer Aufnahme beschwört, in der Parr seine Linse auf zwei gegensätzliche Paare bei einem Tanzdiner gerichtet hat. Die Raumfolge umfasst sogar ein leibhaftiges Café, das von den roten Plastikstühlen bis hin zum Menü den billigen Lokalen der von Parr als Stoff für seine Wahrnehmung der menschlichen Komödie so begehrten britischen Seebäder nachempfunden ist. Er hat die ordinäre Kost ebenso bestimmt wie das witzige Sortiment des die Marke Parr vertreibenden Geschenkeladens im Stil von Souvenirgeschäften an der Promenade, den er als Bestandteil der Ausstellung sieht.

          Überhaupt setzt der Fotograf sich in der National Portrait Gallery auf dem schmalen Grat zwischen Selbstvermarktung und Selbstironie, zwischen Kunst und Kommerz in Szene. Am Eingang sind die Wände gesäumt von dem kalauernd als „Parraphernalia“ bezeichneten Krimskrams, wie T-Shirts, Schals und Tragetaschen mit plakativen Motiven aus seinen Fotografien; ein Raum ist den sogenannten Autoporträts gewidmet, in denen Parr sein Konterfei über Jahre hinweg mit chamäleonhafter Wandlungsfähigkeit in Fotostudios und Automaten rund um die Welt den in den jeweiligen Ländern herkömmlichen Darstellungsformen ausgesetzt hat.

          Er zählt sich zu den „Remoanern“

          Martin Parr zählt sich zu den leidenschaftlichen „Remoanern“, wie diejenigen abschätzig genannt werden, die den Austritt aus der Europäischen Union vereiteln wollen. Seit dem Referendum hat er insbesondere Bastionen des Brexits aufgesucht, wie Hull, die Stadt, in der fast siebzig Prozent der Bevölkerung dafür gestimmt haben.

          Martin Parr, Beobachter des Strandlebens: Blick in die Londoner Ausstellung.

          In Hull knipst er eine alte Frau vor einem Supermarkt mit einem gigantisch vergrößerten Bild von Croissants, um den Widerspruch zu veranschaulichen zwischen der Ablehnung Europas und dem Genuss europäischer Produkte. Bei Birmingham wirft er am Festtag des englischen Nationalheiligen seinen spöttelnden Blick auf lauter proletarische Motive mit dem patriotischen Georgskreuz. In Grimsby, der Nordsee-Brexit-Hochburg, die Theresa May gezielt aufsuchte, um für den geregelten Brexit zu plädieren, nimmt er vier beschürzte Arbeiter einer Schellfischräucherei vor dem ausgenommenen Fang auf. Parr lässt sie mit dem Rücken zur Wand stehen, als wolle er sagen, dass die Fischerei sich entgegen der Hoffnung, wieder Kontrolle über die eigenen Gewässer zu gewinnen, womöglich in eine ausweglose Position manövriert habe. An einem kornischen Strand gelingt ihm ein Schnappschuss, den er als Symbol der gegenwärtigen Lage der Nation deutet: Eine Gruppe von Menschen schaut über das aufgewühlte Meer in Richtung Europa. Neben ihnen signalisiert eine rote Fahne Gefahr.

          Ein Unterhaltungskünstler, der das Klischee liebt

          Die Brexit-Arbeiten gehen nahtlos über in Parrs Musterung des Establishments – Schüler des Internates Christ Hospital, die bis heute die Uniform aus der Zeit ihrer Gründung im sechzehnten Jahrhundert tragen, Cricket-Anhänger mit Blazer und Vereinskrawatte beim Schlangestehen für Karten im traditionsreichen Lord’s Stadion und eine adrette Viehrichterin bei einer Agrarschau vor einem Schild „Klassenwertung“, was Parr als Hinweis auf die britische Klassengesellschaft verstanden haben will.

          Seine Sicht der sozialen und kulturellen Gegensätze, aber auch der Gemeinsamkeiten wird in der Ausstellung immer wieder unterstrichen durch das Nebeneinander von Aufnahmen der Ober- und Unterschicht sowie von Angehörigen der ethnischen Minderheiten und der einheimischen Bevölkerung. Das Bild eines Sikhs, der mit einer Union-Jack-Tüte vor einem Rollladen steht, hängt neben einem vor ähnlichem Hintergrund in Belfast porträtierten Paar, das von Kopf bis Fuß mit den Emblemen des unionistischen Oranierordens eingedeckt ist; ein im Smoking gekleideter Student schläft nach der Ballnacht eines gehobenen Colleges in Cambridge seinen Rausch auf dem Fußboden aus, daneben punkige Gestalten beim Sexy Sunday eines Gothic-Fests in der nordenglischen Hafenstadt Whitby.

          Martin Parr ist ein Unterhaltungskünstler, der das Klischee liebt. Indem er so beharrlich herumreitet auf den Absurditäten des britischen Alltags, gleitet er allerdings allzu oft selbst ins Klischeehafte ab. Nach seinem knallbunten, pantomimischen Kabarett sehnt man sich nach differenzierenden Grautönen.

          Only Human, National Portrait Gallery, London; bis 27. Mai. Das Buch zur Ausstellung kostet gebunden 39,95 Pfund, broschiert 24,95 Pfund.

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