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Fotografien von Martin Parr : Schlechtes Essen und billige Souvenirs

  • -Aktualisiert am

Strandfreuden in Nizza, Frankreich, 2015. Bild: © Martin Parr/MAGNUM PHOTOS

Der Fotograf Martin Parr kämpft mit menschlichen und allzu menschlichen Motiven in der Londoner National Portrait Gallery gegen den Brexit.

          5 Min.

          Die Vorschriften des Eliteinternats Harrow, das Winston Churchill zu seinen Eleven zählt, besagen, dass Schüler den rechten Zeigefinger zum Rand des zur Uniform gehörenden Hutes zu erheben haben, wenn sie einem Lehrer auf der Straße begegnen. Dabei darf die freie Hand nicht in der Tasche bleiben. Das steht ebenso im Regelbuch geschrieben wie der Satz: „Der Lehrer erwidert den Salut.“

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Martin Parr hat dieses Ritual in einer seiner humorvoll-ironischen Beobachtungen der britischen Eigenarten abgelichtet. Das von hinten fotografierte Haupt des Lehrers in Talar und Doktorhut dominiert die linke Hälfte des Bildes. Die erhobene Hand ist genau in der Mitte des Motivs plaziert auf einer Linie mit der im Hintergrund pfeilartig von der Spitze des Zeigefingers in die Höhe steigenden Straßenlaterne. Während der Lehrer übergroß und gestochen scharf im Vordergrund erscheint, verschwimmt die Figur des ihm entgegenkommenden Schülers, ein gestalterischer Eingriff, der die Momentaufnahme zum Sinnbild antiquierter hierarchischer Autorität erhebt.

          Bestandsaufnahme einer Nation am Scheideweg

          Die Szene aus Harrow gehört zu einer Serie, in der Parr seinen mokanten Blick auf arkane Bräuche, Institutionen und Feste des britischen Establishments wirft. In der Londoner National Portrait Gallery bildet diese Auswahl jüngerer Arbeiten einen Abschnitt der reich bestückten Ausstellung „Only Human“, die sich als eine Art Bestandsaufnahme einer Nation am Scheideweg versteht.

          Martin Parrs „Autoporträts“, für die er sich jahrelang in Fotostudios rund um die Welt hat fotografieren lassen.

          Der Versuch, der zunehmend multikulturellen britischen Identität auf den Zahn zu fühlen, stand schon immer im Mittelpunkt von Parrs Arbeit, wobei er sich vor allem auf die Marotten und sozialen Gefälle kapriziert hat, weshalb sich seine konventionelleren Porträts von Prominenten weniger einprägt haben. Ihm stechen Verschrobenheiten von Menschen oder Gruppen in ihrem Gehege ins Auge, wie den Sumpfschnorchlern, die, seltsam kostümiert, mit Flossen und Schnorchel durch einen hundertzehn Meter langen Wassergraben im Torfmoor um die Wette schwimmen, oder den acht Dackelbesitzern an einem Kunststrand im nordenglischen Newcastle upon Tyne. Parr registriert die Sujets mit der kritischen Distanz eines Verhaltensforschers, bevor er das situationskomische Potential ausschöpft.

          In der Nachfolge britischer Karikaturisten

          Es ist denn auch bezeichnend, dass seine Eltern als begeisterte Vogelbeobachter einer Freizeitbeschäftigung nachgingen, deren Teilnehmer aufgrund des mitunter obsessiven Charakters der Liebhaberei als Exzentriker betrachtet werden. In dieser Gesellschaft mögen sich in der Kindheit bereits jene Fähigkeiten zum konzentrierten Sehen, zur Unterscheidung individueller Züge sowie eine Sensibilität für das Schrullige geformt haben, die Parrs Bilder kennzeichnen. Zwar sieht er sich als sozialdokumentarischer Fotograf, doch stehen seine Aufnahmen, die er selber als der Wirklichkeit entliehene Fiktionen bezeichnet, eher in der Nachfolge britischer Karikaturisten wie William Hogarth, George Cruikshank und Thomas Rowlandson, als dass sie der Tradition der humanistischen Dokumentarfotografie zuzuordnen wären.

          Fotograf Martin Parr vor seinem Foto des Strands von Pothcurno, Cornwall.

          Parr ist ein Meister der Übertreibung. Indem er seine Motive oft mit dem Makroobjektiv fixiert und auch im Freien bei Tag mit einem Ringblitz ausleuchtet, wirken die schattenlosen Formen umso schärfer, die Bonbonfarben umso knalliger, die Figuren umso grotesker. Seine persiflierende Ader geht einher mit einer von der Pop-Kunst geprägten Vorliebe für die Trivialitäten der Konsumgesellschaft und einer ausgesprochenen Freude am Kitsch, die auch in der Inszenierung der Londoner Ausstellung ihren Niederschlag findet.

          Schmaler Grat zwischen Selbstvermarktung und Selbstironie

          So ist der Fußboden eines Raumes mit skurrilen Details von Zuschauern bei Tennisturnieren mit Kunstrasen ausgelegt. In einer anderen Galerie, in der Tanzsituationen verschiedenster Art gebündelt sind, wirft eine Discokugel glitzernde Punkte an alle Flächen, einschließlich des vermeintlich antiken Teppichs, der den Ballsaal des Nobelhotels auf einer Aufnahme beschwört, in der Parr seine Linse auf zwei gegensätzliche Paare bei einem Tanzdiner gerichtet hat. Die Raumfolge umfasst sogar ein leibhaftiges Café, das von den roten Plastikstühlen bis hin zum Menü den billigen Lokalen der von Parr als Stoff für seine Wahrnehmung der menschlichen Komödie so begehrten britischen Seebäder nachempfunden ist. Er hat die ordinäre Kost ebenso bestimmt wie das witzige Sortiment des die Marke Parr vertreibenden Geschenkeladens im Stil von Souvenirgeschäften an der Promenade, den er als Bestandteil der Ausstellung sieht.

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