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Fotografien von Martin Parr : Schlechtes Essen und billige Souvenirs

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Überhaupt setzt der Fotograf sich in der National Portrait Gallery auf dem schmalen Grat zwischen Selbstvermarktung und Selbstironie, zwischen Kunst und Kommerz in Szene. Am Eingang sind die Wände gesäumt von dem kalauernd als „Parraphernalia“ bezeichneten Krimskrams, wie T-Shirts, Schals und Tragetaschen mit plakativen Motiven aus seinen Fotografien; ein Raum ist den sogenannten Autoporträts gewidmet, in denen Parr sein Konterfei über Jahre hinweg mit chamäleonhafter Wandlungsfähigkeit in Fotostudios und Automaten rund um die Welt den in den jeweiligen Ländern herkömmlichen Darstellungsformen ausgesetzt hat.

Er zählt sich zu den „Remoanern“

Martin Parr zählt sich zu den leidenschaftlichen „Remoanern“, wie diejenigen abschätzig genannt werden, die den Austritt aus der Europäischen Union vereiteln wollen. Seit dem Referendum hat er insbesondere Bastionen des Brexits aufgesucht, wie Hull, die Stadt, in der fast siebzig Prozent der Bevölkerung dafür gestimmt haben.

Martin Parr, Beobachter des Strandlebens: Blick in die Londoner Ausstellung.

In Hull knipst er eine alte Frau vor einem Supermarkt mit einem gigantisch vergrößerten Bild von Croissants, um den Widerspruch zu veranschaulichen zwischen der Ablehnung Europas und dem Genuss europäischer Produkte. Bei Birmingham wirft er am Festtag des englischen Nationalheiligen seinen spöttelnden Blick auf lauter proletarische Motive mit dem patriotischen Georgskreuz. In Grimsby, der Nordsee-Brexit-Hochburg, die Theresa May gezielt aufsuchte, um für den geregelten Brexit zu plädieren, nimmt er vier beschürzte Arbeiter einer Schellfischräucherei vor dem ausgenommenen Fang auf. Parr lässt sie mit dem Rücken zur Wand stehen, als wolle er sagen, dass die Fischerei sich entgegen der Hoffnung, wieder Kontrolle über die eigenen Gewässer zu gewinnen, womöglich in eine ausweglose Position manövriert habe. An einem kornischen Strand gelingt ihm ein Schnappschuss, den er als Symbol der gegenwärtigen Lage der Nation deutet: Eine Gruppe von Menschen schaut über das aufgewühlte Meer in Richtung Europa. Neben ihnen signalisiert eine rote Fahne Gefahr.

Ein Unterhaltungskünstler, der das Klischee liebt

Die Brexit-Arbeiten gehen nahtlos über in Parrs Musterung des Establishments – Schüler des Internates Christ Hospital, die bis heute die Uniform aus der Zeit ihrer Gründung im sechzehnten Jahrhundert tragen, Cricket-Anhänger mit Blazer und Vereinskrawatte beim Schlangestehen für Karten im traditionsreichen Lord’s Stadion und eine adrette Viehrichterin bei einer Agrarschau vor einem Schild „Klassenwertung“, was Parr als Hinweis auf die britische Klassengesellschaft verstanden haben will.

Seine Sicht der sozialen und kulturellen Gegensätze, aber auch der Gemeinsamkeiten wird in der Ausstellung immer wieder unterstrichen durch das Nebeneinander von Aufnahmen der Ober- und Unterschicht sowie von Angehörigen der ethnischen Minderheiten und der einheimischen Bevölkerung. Das Bild eines Sikhs, der mit einer Union-Jack-Tüte vor einem Rollladen steht, hängt neben einem vor ähnlichem Hintergrund in Belfast porträtierten Paar, das von Kopf bis Fuß mit den Emblemen des unionistischen Oranierordens eingedeckt ist; ein im Smoking gekleideter Student schläft nach der Ballnacht eines gehobenen Colleges in Cambridge seinen Rausch auf dem Fußboden aus, daneben punkige Gestalten beim Sexy Sunday eines Gothic-Fests in der nordenglischen Hafenstadt Whitby.

Martin Parr ist ein Unterhaltungskünstler, der das Klischee liebt. Indem er so beharrlich herumreitet auf den Absurditäten des britischen Alltags, gleitet er allerdings allzu oft selbst ins Klischeehafte ab. Nach seinem knallbunten, pantomimischen Kabarett sehnt man sich nach differenzierenden Grautönen.

Only Human, National Portrait Gallery, London; bis 27. Mai. Das Buch zur Ausstellung kostet gebunden 39,95 Pfund, broschiert 24,95 Pfund.

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