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Couturier Margiela in Paris : Meister von Nadel und Faden

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Augen auf beim Beschreiten des Catwalk: Aus Martin Margielas Kollektion Frühling/Sommer 2009. Bild: © Etienne Tordoir/Catwalkpictur

Gleich zwei Ausstellungen erinnern in Paris an einen Könner seines Fachs: Martin Margielas Modeimperium gehorchte eigenen Gesetzen. Er war ein echter Anti-Star. Das wird dem Besucher beeindruckend vor Augen geführt.

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          Die beiden großen Pariser Modemuseen widmen dem Anti-Star-Designer Martin Margiela zur gleichen Zeit eine Ausstellung. Selbst in der Welthauptstadt der Couture stellt diese doppelte Ehrung eine Premiere dar. Das Musée Galliera bietet einen Überblick über fast sämtliche Damenkollektionen, die Maison Martin Margiela zwischen 1989 und 2009 schuf. Das Musée des Arts Décoratifs stellt seinerseits Kreationen, die der 1957 in Belgien geborene Wahlpariser für sein eigenes Haus konzipierte, Modellen gegenüber, die er zwischen 1997 und 2003 als künstlerischer Leiter der Prêt-à-porter-Damenkollektionen des Luxusmode-Unternehmens Hermès entwarf.

          Kaum zu fassen, dass die Ausstellungen Werke desselben Schöpfers zeigen. Nicht nur scheinen die Produkte der Häuser Margiela und Hermès von zwei Designern mit grundverschiedener, ja geradezu entgegengesetzter Ästhetik zu stammen, auch die Szenographien und die Kontextualisierung der beiden Schauen könnten unterschiedlicher nicht sein.

          Atmet die zweistöckige Modegalerie des Musée des Arts Décoratifs Weite, lässigen Luxus und eine sozusagen wohlerzogene Eleganz, so erzeugt die Folge kleiner, randvoller Säle im Musée Galliera ein Gefühl von kreativer Aufgekratztheit: ein Low-Tech-Laboratorium der Mode, das mit einfachen, ja billigen Mitteln revolutionäre Experimente wagt. Sogar die Besucher haben ein markant anderes Profil – dort propere Museumsbesucher, hier schräge Fashionistas und Aficionados.

          Als der Starkult in der Modewelt wilde Blüten trieb, setzte Margiela seinen Models Sonnenbrillen, Perücken oder Schleier auf.
          Als der Starkult in der Modewelt wilde Blüten trieb, setzte Margiela seinen Models Sonnenbrillen, Perücken oder Schleier auf. : Bild: MAD Paris

          „Margiela/Galliera 1989–2009“ ist klar die gelungenere Schau. In chronologischer Reihenfolge werden hier dreißig der 41 Damenkollektionen dokumentiert, die Maison Martin Margiela bis zum Rückzug des Mitgründers und Namensgebers präsentiert hat (heute heißt das Haus „Maison Margiela“ und steht unter der künstlerischen Leitung von John Galliano).

          Zu jeder Kollektion finden sich ein Einführungstext und drei, vier vollständige Silhouetten, dazu oft noch weitere Einzelstücke, Accessoires, Fotos und andere Papierdokumente, in siebzehn Fällen zudem Filmaufnahmen der betreffenden Defilees. Die streng chronologische Struktur der Schau mag simpel sein, aber die Exponate haben es in sich. Selbst Kenner werden überrascht sein, wie viele Türen Margiela aufgestoßen, wie viele Wege er eröffnet hat.

          Starkult konsequent verweigert

          Der Designer ist bekannt dafür, in den neunziger Jahren, als der Starkult in der Modewelt wilde Blüten trieb, die Anonymität zum obersten Prinzip der Unternehmenskommunikation erhoben zu haben. Margiela zeigte sich nie je öffentlich, gab Interviews nur per Fax, setzte seinen Models Sonnenbrillen, Perücken oder Schleier auf, verweigerte sich der Diktatur des Logos.

          Legendär wurden seine Pariser Defilees an Unorten wie stillgelegten Parkhäusern, Kliniken oder Metrostationen beziehungsweise einem Ödland am Stadtrand. Seine Schuh-Variationen auf die traditionellen japanischen Tabi-Socken mit abgeteiltem großem Zeh sind auch für Nichtkenner leicht zu erkennen.

          Aber die Schau und der dazugehörige Katalog, für den der Galliera-Kurator Alexandre Samson eine stupende Fülle an Informationen zu jeder einzelnen der 41 Kollektionen zusammengetragen hat, gehen weit über das bekannte Margiela-Bild hinaus. So illustrieren zahlreiche Exponate die Recycling-Praxis des Designers, der Vintage-Foulards zu Röcken zusammennähte, aus Armeesocken Pullover schuf, Ballkleider in Westen verwandelte und aus einer Bettdecke einen Mantel gewann.

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