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Rosler und Steyerl in Basel : Die Banalität des Drohnentheaters

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Kriegsspiele, Biopolitik und die Formung der Welt durch ihre Medien: Das Basler Museum für Gegenwartskunst zeigt, wie Martha Rosler und Hito Steyerl Machtstrukturen und Technologiehörigkeit den Kampf ansagen.

          Denken ist dieser Tage ausdrücklich erwünscht.“ Derartig emphatisch eröffnete Martha Rosler 2006 den „Hannah Arendt Denkraum“ im Gebäude der ehemaligen jüdischen Mädchenschule anlässlich des hundertsten Geburtstages der Philosophin. Eine Neuauflage von Roslers Installation, die Zitate von Arendt auf transparenten, zart von der Decke schwebenden Bändern versammelt, bildet den Auftakt einer ungewöhnlichen Ausstellung im Basler Museum für Gegenwartskunst. Ungewöhnlich ist die Schau, weil sie zwei Künstlerinnen in einen Dialog bringt. Anders als in Gruppenausstellungen, die mehr oder weniger lose Verknüpfungen zeigen können, stellt sich bei einer Zweier-Konstellation nachdrücklich die Frage nach dem Warum.

          Begegnet sind sich Martha Rosler und Hito Steyerl nie, sie arbeiten auch nicht im selben Umfeld. Rosler, Jahrgang 1943, stammt aus den Vereinigten Staaten und lebt dort. Steyerl wurde gut zwanzig Jahre später in München geboren, hat einen Teil ihrer Ausbildung in Japan absolviert und arbeitet nun von Berlin aus mit enormer internationaler Reichweite. Beiden gemeinsam sind Themen und Verfahren ihrer künstlerischen Arbeit, seien es Bezüge auf Kriegsspiele, Biopolitik oder die Formung der Welt durch das Medium ihrer Wahrnehmung. Beide veranschaulichen die Schnittstellen von Politik und Massenmedien, beide analysieren mit Bildern und Sprache die unterschiedlichen Formen von Herrschaft.

          Wohl und Wehe aller

          In acht Abteilungen entfaltet sich in Basel ein aufregendes Zwiegespräch, das die Hartnäckigkeit und die jeweiligen Neuauflagen dieser Konfliktfelder zeigt. So spannt sich im ersten Raum der Bogen von Hannah Arendts Analysen der Banalität des Bösen im nationalsozialistischen Deutschland zum heutigen Antisemitismus. Eine Videoarbeit von Steyerl aus dem Jahr 1997 vergegenwärtigt die Hetze gegen die jüdische Familie Merin in Babenhausen. Bilder des angezündeten Hauses sind hinterlegt mit der Rede eines Antifa-Aktivisten auf einer Kundgebung. Die Konstellation von Bild und Text kommentiert sich selbst, zugleich ist sie wie eine Veranschaulichung von Roslers Botschaft in der Montage von Arendt-Zitaten: Nicht einzelne, auch nicht einzelne Politiker, sondern alle tragen dazu bei, das Schicksal der Menschheit mitzubestimmen.

          Auch das Wohnen, das keineswegs eine reine Privatangelegenheit ist, trägt zu Wohl und Wehe, wenn nicht aller, so doch vieler bei. Denn das Glück der Reichen und Wohlsituierten kann das Unglück der anderen sein, die aus ihren Häusern vertrieben werden, um „hochwertigem“ Wohnraum Platz zu schaffen. Rosler zeigt das plakativ, in einer Fotomontage, in der sie ein mondänes junges Paar in seinem schicken Loft mit einem Ausblick auf ein Abrisshaus konfrontiert.

          In Steyerls filmisch-digitaler Collage sind die Verhältnisse unübersichtlicher, aber gleichermaßen ernüchternd, was den Preis für Luxusimmobilien angeht. „The Tower“, benannt nach einem Shooter-Spiel, entfaltet ein unheimliches Szenario, in dem sich luxuriöse Wohnanlagen im Nahen Osten, militärische Aktionen und funktionale Büroräume ebenso vermischen wie virtuelle und soziale Wirklichkeit.

          Es wäre zu einfach, die hohe Komplexität des Medien- und Genremix bei Steyerl und die klaren Ansagen von Roslers Montagen durch den Generationensprung zwischen den beiden zu erklären. Dieser Falle entgeht die von Kurator Søren Grammel gemeinsam mit den Künstlerinnen komponierte Ausstellung. Zum Beispiel durch die diskrete Weise, in der die unterschiedlichen Formen politisch wirksamer Kunst entfaltet werden.

          Fragt man sich beim ersten Blick auf Roslers plakative Arbeiten etwas unbehaglich, ob sie nicht doch ihr Anliegen zu deutlich artikulieren, wird ein paar Räume später deutlich, dass solche Arbeiten im aktivistischen Kontext entstanden sind. Derartige, an ein breites Publikum gerichtete künstlerischen Aktionen arbeiten mit anderen Verfahren, mit größerer Klarheit der Botschaft als Arbeiten, die im geschützten Raum des Museums mit Zeit und Ruhe betrachtet werden.

          Die Macht der Technologien

          Ein Zeugnis von Eingriffen in den städtischen Raum ist das Drohnentheater, „Theatre of Drones“, das Rosler zwar im Rahmen eines Fotografiefestivals inszenierte, das aber vor dem Rathaus zu sehen war. Auf einer Reihe von Transparenten wurden unterschiedliche Formen des Einsatzes von Drohnen, militärische und nichtmilitärische, gezeigt und mit verschiedenartigsten Texten versehen. Investigative Quellen, Recherchen des im selben Ort angesiedelten Rutherford Institutes oder Zitate aus Philip K. Dicks Science-Fiction-Klassiker „Vulcan’s Hammer“ veranschaulichen, welche Auswirkungen die Drohnen auf Kriegsführung, Rechtsstaat und die Gestaltung des Privatlebens haben und noch haben werden.

          Fast heiter wirkt daneben Steyerls Videoinstallation „ExtraSpaceCraft“ von 2016. Schauplatz ist der konfliktträchtige Nordirak, ein im Golfkrieg halb zerstörtes Observatorium. Steyerl lässt sich von einem kurdischen Drohnenpiloten die Technologie erklären. Er sei der Schäfer der Drohnen, sagt der Pilot, und diese seien wie Schafe, eigensinnig und stur. Gruselig klingt dieser pastorale Vergleich, der zeigt, wie kulturelle Muster sich in neue Formen gießen – in diesem Fall das Unheimliche einer eigenständigen Technologie in ein Bild von sanfter Kontrollierbarkeit. In der Überlagerung verschiedenartig generierten Filmmaterials, von Aufnahmen der Handkamera über die der Drohnen bis zum Computer, wird wie so oft in Steyerls Arbeiten die wechselseitige Durchdringung unterschiedlichster Wahrnehmungs- und Wirklichkeitsebenen sichtbar.

          Manchmal ist die Botschaft auch bei Steyerl einfach, zumindest auf den ersten Blick. In „Strike“ von 2010 zerstört die Künstlerin mit Hammer und Meißel einen LCD-Monitor und legt damit die Matrix unserer Wahrnehmung frei. Diese ist jedoch nicht nur durch nun zersplitterte Spalten und Zeilen strukturiert, sondern auch durch vorgängige Bilder und Formen des Widerstandes, wie der auf Sergei Eisenstein anspielende Titel zu erkennen gibt. Zugleich erinnert Strike an Roslers „Semiotics of the Kitchen“ von 1975, eine Videoarbeit, die im Basler Kunstmuseum nebenan zu sehen ist. Hier führt Rosler, in vergleichbarer Frontalität und Aggression, aber mit feministischem Aplomb, Küchengeräte wie potentielle Waffen vor.

          Eine andere, bereits 1988 entstandene Arbeit von Rosler hat ein geschlechter- und biopolitisches Thema von höchster Aktualität. Das ebenfalls in aktivistischem Umfeld, nämlich mit dem Underground-Fernsehkollektiv Paper Tiger Television produzierte Video zeigt den Kampf um ein Kind, das eine Leihmutter entgegen dem Vertrag mit dem Ehepaar Stern nicht aushändigen wollte. Rosler schlüpft in die Rolle aller Beteiligten und tritt als Leihmutter, als Elizabeth Stern, als Rechtsanwalt und Richter, aber auch, urkomisch, als Spermium auf, um die skandalöse Geschichte aus allen Perspektiven zu beleuchten. Deutlicher kann der weibliche Körper als Schauplatz politischer und juristischer Kämpfe kaum hervortreten, in denen es gleichermaßen um Klassen- und Geschlechterdifferenz, aber auch um die Einmischung des Staates in die Familie geht.

          Im selben Raum eröffnet Hito Steyerl ein anderes, offenkundig institutionelles Schlachtfeld, das Museum. Hier wird ebenfalls ein weiblicher Körper zum Auslöser eines skeptischen Blicks auf die humanistischen Prinzipien dieser Bildungseinrichtung, aber auch auf die eigenen politischen Ideale. Wie so oft reflektiert Steyerl in einem Vortrag, gekoppelt mit Bildern, die wirtschaftlichen und politischen Machtverhältnisse, die auch das Museum regieren.

          Eine wichtige, den Tod ihrer Studienkollegin Andrea Wolf thematisierende Arbeit von 2004 wurde erstmals im Art Institute Chicago ausgestellt, das vom amerikanischen Konzern Lockheed Martin gesponsert wird. Steyerl berichtet, dass dieser Konzern die Munition herstellt, mit der Wolf als Mitglied der PKK getötet wurde. Diese Videoinstallation hatte Premiere auf der Istanbul Biennale, die ebenfalls von Lockheed Martin unterstützt wird – ein subversiver Doppelschlag gegen das Gastgeberland, das Krieg gegen die Kurden führt.

          Selten hat eine Ausstellung zwei künstlerische Positionen derart überzeugend miteinander verwoben. Auch wenn der Generationensprung, zum Glück, gerade nicht der Motor der Doppelschau ist, lässt sich dennoch ein Zeitindex in den Arbeiten ablesen. Am deutlichsten wohl im Einsatz und in der Reflexion digitaler Technologien bei Hito Steyerl, die den politischen Akzent verlagern auf die Auswirkungen von Wahrnehmungsmustern auch auf das private und öffentliche Handeln. Ob die Arbeiten der beiden Künstlerinnen jeweils aus einer entschieden politischen Haltung entstanden sind oder ob das Politische ein Effekt der präzisen künstlerischen Setzungen ist, muss offenbleiben. Und genau darin liegt die Qualität der Arbeiten, die durch die intelligente Konstellation in Basel hervorgetrieben wird.

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