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Kunst von Marisa Merz : Der Alien in meiner Küche

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Ihr künstlerisches Schaffen blieb lange weitgehend unbeobachtet, doch ihre Werke zeigen sich unbeeindruckt von der plötzlichen Aufmerksamkeit: Salzburg zeigt das umfassende Werk von Marisa Merz.

          „Ist ein Künstler ein Lexikon?“, fragt Marisa Merz in einem 1978 veröffentlichten Gedicht. „Von Blütenstaub bis Enzyklopädie gilt es, die Begriffe zu kennen, damit das Spiel nicht tödlich endet.“ Für die einzige Mitspielerin der italienischen Arte Povera, jener „armen Kunst“, die ihre Ablehnung der Hochkultur mit dem Einsatz von „institutionsfernen“ Materialien wie Erde oder Glas unterstrich, drohte zu jener Zeit genau das zu passieren: ein tödliches Verschwinden.

          Es ist nicht so, dass sie von Hochglanzblättern nicht beachtet wurde. Die Februarausgabe von „Domus“ porträtierte sie gleich mehrfach. An ihrem Schatten, dem weitaus prominenteren Gatten Mario Merz, führte aber offenbar kein Weg vorbei. Er durfte unter dem Pseudonym „Il filosofo“ (Der Philosoph) einen Text über die alchemistische Bedeutung von Kupfer beisteuern, just dem Material, das Merz seit Jahren für ihre gestrickten Quadrate aus dünnem Kupferdraht verwendete. Die Rollenaufteilung geriet so überdeutlich, auch wenn sich das Paar stets in kollegialer Harmonie gefiel: Der Mann liefert den theoretischen Unterbau. Die Frau sucht „intuitiv“ die praktische Anwendung und bekommt im damaligen italienischen Kunstdiskurs prompt das Etikett „weibliche Ästhetik“ verpasst.

          In den siebziger Jahren stellt Marisa Merz solo ohnehin nur in italienischen oder griechischen Galerien aus. Im Jahr 1983 kommt auch Deutschland in der Düsseldorfer Galerie Konrad Fischer in den Genuss ihrer Interpretation der „unedlen“ Kunst. Erst ein ganzes Jahrzehnt später klopfen große internationale Museen an: das Centre Pompidou in Paris, das Kunstmuseum Winterthur und das Amsterdamer Stedelijk. Es ist der Sturm vor der vorläufigen Ruhe, der erst 2013 die Londoner Serpentine Gallery und der Goldene Löwe für das Lebenswerk auf der 55. Biennale von Venedig ein Ende bereiten.

          Porto und Salzburg sind nun die einzigen Stationen in Europa, die nacheinander auf die von Connie Butler konzipierte Retrospektive zurückgreifen. „Der Himmel ist ein weiter Raum“ war 2017 zuerst im Metropolitan Museum of Art in New York und dann im Hammer Museum in Los Angeles zu sehen. Sabine Breitwieser ließ es sich nicht nehmen, für Salzburg weitere Exponate im Atelier der Künstlerin aufzuspüren, und sie bereichert ihre Version um Gedichte, auf die man beim chronologisch angelegten Rundgang trifft, an beinahe versteckten Stellen, in einer angenehm sanft mit der Wandfarbe verschmelzenden Schrift.

          Das Interesse der Direktorin ist kein Zufall. Seit ihrem Amtsantritt im Herbst 2013 hat Breitwieser die Türen ganz weit für lange vernachlässigte Positionen von Künstlerinnen aufgemacht. Unter ihrer Ägide, die nun im Zuge von kulturpolitischen Querelen vorzeitig zu Ende geht, bekamen Carolee Schneemann, Ana Mendieta, Simone Forti, Charlotte Moorman und aktuell Anna Boghiguian eine Bühne. Wo sie ihre unbedingt wünschenswerte Politik des Sichtbarmachens fortsetzen kann, steht vorerst in den Sternen.

          Jahrzehnt der Science-Fiction-Utopien

          Mit kosmischen Regionen kannte sich auch die debütierende Merz aus. Dass ihre Karriere eine andere Geschwindigkeit annehmen würde als die der gleichgesinnten „Poveristi“ Jannis Kounellis, Giovanni Anselmo oder Michelangelo Pistoletto, war ihr wohl schon früh bewusst. 1967, im Geburtsjahr der Bewegung, drehte sie den dreiminütigen Stummfilm „La conta“ (Das Zählen). Man sieht sie an ihrem Turiner Küchentisch sitzen, ihre Hand wühlt immer wieder in einer Dose nach Erbsen, die sie vor sich ausbreitet und geduldig bis stumpfsinnig zählt.

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