https://www.faz.net/-gqz-99dh5

Künstlerin Marina Abramović : Die Frau aus dem Film, der ein Leben ist

„Wir gingen ans Ende der Welt, um einander wiederzufinden“: Eine Begegnung mit Marina Abramović bei ihrer Retrospektive in Bonn.

          Es gibt Künstler, und es gibt Künstler-Künstler. Künstler-Künstler sind Künstler, die unter den meisten Museumsgängern niemand kennt, die aber unter anderen Künstlern großes Ansehen genießen. Zum Beispiel weil sie keine Kompromisse eingegangen sind, weil sie sich von ihrer Spezialforschung in Gebiete führen ließen, in die sonst niemand vordrang, und weil sie dabei riskierten, unverständlich zu bleiben und arm. Und dann müsste man noch eine Kategorie hinzufügen, nämlich die Kunst-Künstler: Künstler, die für andere Künstler inhaltlich nicht so wichtig sind und manchmal auch ein Ärgernis, weil sie die öffentliche Aufmerksamkeit für die Kunst verstellen, indem sie das Gefühl vermitteln, wenn man sich mit ihrem Werk beschäftigt habe, habe man sich schon mit Kunst beschäftigt, Künstler, die, ob sie das nun wollten oder nicht, regelrecht zur Verkörperung von „Kunst“ geworden sind, Kunst-Darsteller.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dazu könnte man etwa Neo Rauch, Erwin Wurm, Haegue Yang oder Ólafur Elíasson zählen – und seit ihrer Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art vor acht Jahren zählt auch Marina Abramović dazu, ja eigentlich ist sie der Inbegriff der Kunst-Künstlerin, wozu beiträgt, dass sie mit ihrer Kunst in eins fällt. Seit bald fünfzig Jahren sind ihr Gesicht und ihr Körper das wichtigste Material ihrer Kunst, und vor rund dreißig Jahren, nach der Trennung von ihrem langjährigen Partner Ulay, kam noch ihre Biographie hinzu.

          Abramović’ Performance „The Artist Is Present“, für die sie im MoMA elf Wochen lang Ausstellungsbesuchern in die Augen blickte, was zahllose Bilder aufgelöster, erschütterter, erlöster, weinender, mit ihrem Innersten konfrontierter Menschen hervorbrachte, worauf die Warteschlangen draußen ins Endlose wuchsen, was wiederum die Rührung derer, die es in Abramović’ Gesichtsfeld schafften, steigerte, darf im Rückblick als eine der beispielhaften Arbeiten dieses Jahrzehnts gelten. Denn sie markierte den Wandel zur frenetischen Handy-Öffentlichkeit des Streaming-Zeitalters, in dem jeder dabei sein und ein Bild posten will und sich die festen Rahmen des Museums auflösen wie die der alten Fernsehanstalten.

          Sie rannte mit Ulay gegen Wände

          Uns so war es von bestechendem Geschäftssinn, dass der Rapper Jay-Z die Arbeit drei Jahre später für das Video zu seinem Stück „Picasso Baby“ adaptierte, das viele Angehörige der New Yorker Kunst- und Filmwelt zeigt, wie sie in einem leeren Galerieraum den Rapper filmen, der als lebendes Kunstwerk auf einem weißen, mit Kordeln abgespannten Podest für nacheinander auf einer Bank Platz nehmende Gäste performt. Weil das so einen beklemmenden Mitmachzwang vermittelte, der den Gästen nur erlaubte, entweder selbst Teil des Bilds zu werden oder draußen zu bleiben, und weil es so eine fürchterlich banale Inszenierung von „Kunst“ war, die sich vieler Kunst-Darsteller bediente, aber völlig ohne Kunst auskam, war es dann erschütternd zu sehen, wie am Ende Marina Abramović selbst auftauchte, den Rapper von der Bank fixierte und ihn dann Stirn an Stirn vor sich herschob, was einerseits wie eine berechtigte Reviermarkierung daherkam und andererseits wie eine Transaktion symbolischen Kapitals.

          Marina Abramović, die sich so oft selbst verletzte oder es anderen überließ, sie zu verletzen, die mit Ulay gegen Wände rannte, die immer bis zur Grenze der Selbstgefährdung ging und damit ein Beispiel an Aufrichtigkeit in der Kunst zu geben schien, hatte sich auf einen Handel zwischen zwei kulturellen Systemen, der bildenden Kunst und der Popmusik, eingelassen, gegen den nichts einzuwenden gewesen wäre, hätte er eben mehr hervorgebracht als ein Machtspiel mit gegenseitigem Aufmerksamkeitsgewinn.

          Man fragte sich, warum sie sich darauf eingelassen hatte, und als der Autor dieser Zeilen vor zwei Jahren Gelegenheit hatte, sie das zu fragen, antwortete sie, Jay-Z habe versprochen, im Gegenzug für ihr Performance-Institut zu spenden, das sie in Upstate New York hatte bauen wollen und für das auch Lady Gaga Werbung gemacht hatte. Tatsächlich habe er aber nie überwiesen.

          Worauf Jay-Zs Manager klarstellten, er habe in Wahrheit sehr wohl überwiesen. Abramović musste sich entschuldigen, wobei es gar nicht mehr um die Frage ging, ob denn der Handel an sich eine gute Idee gewesen war; und zwei Jahre später war dann auch das Institut geplatzt, weil es nicht genügend Menschen einleuchtete, wieso ihr Geld in einem spirituellen Trainingscamp, das sich vorrangig um die Marke einer einzelnen Künstlerin drehte, gut angelegt sei.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.