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Künstlerin Marina Abramović : Die Frau aus dem Film, der ein Leben ist

„Eine eigenartige Vorbestimmung“

Nun sitzen wir uns wieder gegenüber, im Keller der Bundeskunsthalle vor der Eröffnung der Abramović-Retrospektive, und sprechen über eine andere Kollaboration, nämlich den Adidas-Werbespot, für den sie 2014 ihre Performance „Work Relation“ zur Verfügung gestellt hatte und der aus einem sisyphoshaften Steineschleppen eine stramme Gemeinsam-sind-wir-stark-Botschaft machte. Draußen auf dem Platz wird „Work Relation“ von zwei gepflegten und adrett gekleideten jungen Menschen ausgeführt, die langsam Stein für Stein in Eimer laden und ans andere Ende tragen, und im Vergleich kann man sagen, dass der Adidas-Spot eigentlich die spannendere, weil perversere, problematischere, an neuen Formen der Affektorganisation interessiertere Umsetzung war.

Aber der Versuch, zu besprechen, welche spannenden neuen Werkentwürfe die mediale Dauervermitteltheit hervorbringen kann, endet wieder in einem ökonomischen Argument: Das Adidas-Geld sollte dem Institut helfen, ging dann aber in den Gerichtsprozess, der 2016 dazu führte, dass Abramović an Ulay eine Viertelmillion Dollar vorenthaltener Verwertungseinnahmen aus gemeinsamen Arbeiten zahlen musste. Man kann es als unbeabsichtigten Racheakt sehen, dass für Ulay während der Pressekonferenz die Rolle des Pausenclowns vorgesehen war, der kurz aus dem Publikum nach vorne kam, um eine Anekdote zu erzählen und so der Veranstaltung seinen Segen zu geben.

Also gut, es bleibt wohl nichts, wir müssen über das Leben sprechen.

Wie blicken Sie auf die Jahre des Streits mit Ulay zurück?

Das war phantastisch. Eine eigenartige Vorbestimmung. Wir hatten wirklich große Meinungsverschiedenheiten, und ich habe auf ganzer Linie verloren. Ich war richtig wütend und ging zum Entspannen in ein kleines Ayurveda-Retreat, 36 Stunden von New York entfernt. Und Ulay war schon da, mit seiner Frau.

Sie wussten das nicht?

Nein. Er nicht, und ich nicht.

Sie machen mir was vor.

Wir gingen beide ans Ende der Welt, um einander wiederzufinden.

Das klingt wie ausgedacht.

Das ist es nicht. Es war ein Schock. Ich rief sofort mein Büro an, weil ich wieder abreisen wollte. Aber dann dachte ich: Das ist nicht zu fassen. Wir sind am selben Tag geboren. Wir haben all diese Schwierigkeiten. Wir haben wunderbare Arbeiten gemacht. Und dann finden wir uns am selben Ort. Wir verbrachten einen Monat miteinander, und seitdem sind wir drüber hinweg. Ich spüre tiefe Liebe für ihn. Es geht ihm auch nicht so gut, wie Sie gesehen haben.

Ja, er hat sich verändert.
(Ulay, der die Geschichte bestätigt, kämpft seit vielen Jahren gegen den Krebs.)

Menschen sprechen so viel von Vergebung, und ich könnte jetzt weinen, aber wenn Sie persönlich echte Vergebung erfahren – Wow! Das ist besser als alles im Leben. Und das tat ich, ich vergab.

Wahnsinn, dieses Leben, wie ein Film. Und das ist ja die Faszination der Marina-Figur: Sie ist wie aus einem Film, der aber echt ist und in den man hineingehen kann. Abramović, die mit ihren 71 Jahren übrigens unverschämt gesund aussieht, ist einer dieser Menschen, die ihrem Gegenüber wenig Raum lassen. Man kann nur total interessiert sein oder total gelangweilt. Wie mit ihrer Kunst: Man kann sich in die Passformen aus Kristall lehnen und Energien spüren, oder eben nicht. Man kann sich vom Video ihrer Performance, in der sie Knochen putzt, erschüttern lassen, oder nicht. Man kann den Videos folgen, in denen sie Performances anderer kopiert, wie Beuys, der mit dem Hasen spricht, und beeindruckt sein oder das für eine nicht hilfreiche Aneignung halten. Man kann Frauen fasziniert dabei zusehen, wie sie, nackt mit gespreizten Gliedmaßen in gleißendem Licht auf einem Fahrradsattel langsam mit den Armen rudernd, Abramović’ Performance „Luminosity“ nachmachen, oder das für banales Kunsttheater halten. Man kann vielleicht auch am langen Tisch Platz nehmen und auf Anweisung die ausgeschütteten Reiskörner sortieren und dabei zu sich kommen. Aber man kann ja auch im eigenen Garten graben. Man kann sich in einem schmalen Durchgang zwischen einem nackten Mann und einer nackten Frau hindurchdrücken und – Moment, das ist irre. Noch mal.

Dies ist die einzige Stelle, die einen Riss herstellt in dieser Schau, die in dokumentarischen Wiederauflebungsversuchen und mit durcherklärenden Wandtexten jede Ambivalenz erstickt. Man kann das alles als Schulung der Sinne erleben oder als deren Sedierung – und sich dann fragen, ob die Bundeskunsthalle die richtige Zwischenstation ist für diese fünf Museen durchwandernde Ausstellungstournee.

Marina Abramović: The Cleaner. In der Bundeskunsthalle Bonn, bis 12. August. Der Katalog kostet 39,80 Euro.

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