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Marie Ellenrieders Altarbilder : Das Wunder von Ortenberg

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Von Frauen in der Kunst hielt die katholische Kirche lange Zeit nichts – bis im neunzehnten Jahrhundert die Künstlerin Marie Ellenrieder ein Altarbild nach dem anderen malte. Wie konnte das geschehen?

          Als das Gespräch auf das Gemälde „Der heilige Joseph mit dem Jesusknaben“ kommt, erzählt Pfarrer Würtz einen Witz. Der geht so: „Kommt der Pfarrer in die Schule, tritt vor die Klasse und fragt: Was hat rotes Fell, einen buschigen Schwanz und springt von Baum zu Baum? Antwortet ein Schüler: Normalerweise würde ich sagen ,das Eichhörnchen‘. Wie ich den Laden hier aber kenne, ist es wieder der Herr Jesus.“

          Den Witz könnten viele in der Gemeinde kennen, die an Weihnachten in die Katholische Pfarrkirche St.Bartholomäus kommen. Die Bänke werden am heutigen 24.Dezember wieder bis auf den letzten Platz gefüllt sein. Wie überall in Deutschland feiern die Kirchgänger natürlich die Geburt Jesu. Hier, in Ortenberg im Kinzigtal, sind sie aber dabei auch Zeugen eines Wunders der Kunstgeschichte: das der Malerin Marie Ellenrieder. Für Ortenberg schuf die Künstlerin, die 1791 in Konstanz geboren wurde, das große Altarbild, das den heiligen Bartholomäus zeigt. Für die Seitenaltäre malte sie die Mutter Gottes und Joseph, beide mit dem Jesuskind – wobei man, wie im Witz mit dem Eichhörnchen, auch hier zweimal hinschauen muss, um zu entdecken, dass es sich bei dem kleinen Wesen, das dort zu sehen ist, nicht um ein Mädchen handelt, sondern um Jesus.

          Warum Jesus bei Ellenrieder aussieht wie ein Mädchen, muss Pfarrer Würtz regelmäßig den Schulklassen erklären, die er durch die Kirche führt. Die Malerin zog Gottes Sohn ein himmelblaues Kleidchen an. Sie gab ihm blonde Locken und einen himmelwärts gerichteten Blick. Der Pfarrer steigt dann mit dem Witz ein, um zu den Gründen zu kommen, warum dieses Kind so wenig der Vorstellung entspricht, die man vom Jesusknaben hat. Wenn die Besucher der Kirche nicht mit Ellenrieder groß geworden sind, muss der Pfarrer außerdem noch eine viel größeres Rätsel auflösen: Wie nämlich konnte es passieren, dass ausgerechnet eine Frau im neunzehnten Jahrhundert ein Altarbild nach dem anderen malte? Warum machte die katholische Kirche für Ellenrieder eine Ausnahme?

          Auf dem Boden der Kirche

          Auch heute heißen die Künstler, die Kirchenaufträge erhalten, Gerhard Richter oder Neo Rauch. Vor mehr als hundertfünfzig Jahren aber brachte es eine Künstlerin zu einer Lebensleistung, die von der Konstanzer Museumsdirektorin Barbara Stark beziffert wird: Für dreizehn Kirchen, Kapellen, Schlösser und Häuser fertigte Ellenrieder Altar- und Wandbilder, wie man im hervorragenden Katalog zur Konstanzer Ellenrieder-Ausstellung 2013 nachlesen kann. Um sie im Original zu sehen, muss man sich auf Wallfahrt begeben – von Karlsruhe über Konstanz bis Ortenberg, Diersburg oder Ichenheim.

          Strenggenommen hätte es die Künstlerin Ellenrieder gar nicht geben dürfen: Die katholische Kirche war zwar, was den Umgang mit Frauen anbetrifft, immer wieder für Überraschungen gut. Frauen zum Beispiel, die nicht heiraten wollten, bot sie eine, man kann es nicht anders nennen, alternative Lebensform. Im Kloster konnten sie Karriere machen und zur Äbtissin aufsteigen. Was die Kunst anbetrifft, waren sich allerdings Kirche und Bürgertum einig: Man hielt Frauen für nicht fähig, große Werke zu schaffen. Stillleben, ja, hier und da ein inniges Porträt auch – aber Historienbilder? Großformatiges? Aus der erhabenen Geschichte des Christentums? Ausgeschlossen. Um sicherzugehen, dass niemand den Gegenbeweis antreten konnte, beließ man es nicht dabei, Frauen zu entmutigen, sondern schloss sie vom Akademiestudium aus. Zu dieser Regel gab es sehr wenige Ausnahmen, etwa die Malerin Angelika Kauffmann, die ebenfalls ein Altarbild malte – für die Kirche im österreichischen Schwarzenberg.

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