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Marcel van Eeden : Solang wir nicht am Leben sind

  • -Aktualisiert am

In einer Berliner Hinterhofwohnung zeichnet Marcel van Eeden jede Nacht ein Bild. Für seine dunkel-nostalgischen Zeichnungen hat der Holländer eine eherne Schaffensregel: Die Fotos, die er abzeichnet, müssen älter sein als er selbst. Jetzt wird er überall gefeiert.

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          Karl McKay Wiegand war ein amerikanischer Botaniker, der 1873 geboren wurde und 1942 starb und an den sich heute, außer ein paar anderen amerikanischen Botanikern vielleicht, niemand mehr erinnern würde, wenn nicht der niederländische Künstler Marcel van Eeden „The Life and Work of K. M. Wiegand“ in einem der bemerkenswertesten Bilderzyklen der jüngeren Kunstgeschichte gefeiert hätte.

          Und man darf sagen, dass dieses Leben, so wie van Eeden es darstellte, die Grenzen eines Botanikerdaseins ganz neu definierte: „Wer schlendert hier Hand in Hand durch Paris?“, heißt es da auf einer der Bildunterschriften: „K.M. Wiegand und Rita Hayworth glauben sich unbeobachtet.“ Und ein paar Blätter weiter: „Unmittelbar nachdem sie Karl Wiegand geheiratet hatte, mußte Elizabeth Taylor ins Krankenhaus ein-“. Dann bricht der Satz ab, und unter der nächsten Zeichnung steht: „U. S. COMMANDER in the Pacific, Admiral K.M. Wiegand directs a defense force of 373,000 men.“

          Er zeichnet Gleise, Dampf und Schicksal

          Außerdem gewinnt Wiegand Boxmeisterschaften, leitet Hochgebirgsexpeditionen, malt (lange vor Pollock) die Gemälde von Jackson Pollock, er schreibt Bücher, ist Diplomat, Mitglied im Bund Deutscher Architekten, und die rechte Hand von Al Capone ist er auch. Mit anderen Worten: Wahnsinn, der Mann.

          Es ist die Art von Leben, wie sie, außer in den Köpfen von elfjährigen Jungs natürlich, nur bei den Superhelden im Comic und im Kino vorkommt. Aber Marcel van Eedens Zeichnungen dazu zeigen Männer mit Adornobrillen wie aus Werner Höfers Politischem Frühschoppen, sie zeigen Fünfziger-Jahre-Bauten, und sie zeigen immer wieder Bahnhöfe, einrollende Lokomotiven, Züge, Gleise, Dampf, Kraft, Schicksal.

          Hang zum Nostalgischen

          Es war die Arbeit, in der die Berlin-Biennale vom letzten Frühjahr vielleicht am meisten zu sich selbst kam, in ihrer Freude am Geschichtenerzählen, ihrem Hang zum Nostalgischen, ihrem diskreten Voyeurismus und milden Humor. Und es war der Durchbruch für Marcel van Eeden. Sein „Wiegand“ hängt heute bei Ingvild Goetz, also in einer der bedeutendsten Privatsammlungen Deutschlands, und an van Eeden herrscht weit über die engeren Grenzen der Kunstbetriebsberichterstattung hinaus ein Interesse, das ungewöhnlich ist für Künstler, die dermaßen unkünstlerhaft bescheiden auftreten.

          Es sieht ganz so aus, als sei der Mann aus Den Haag im Augenblick ganz wortwörtlich everybodys darling; es sieht so aus, als hätte ausgerechnet er die magische Formel gefunden, wie man sie alle gleichzeitig glücklich macht, die Bilderfresser und die Bilderskeptiker, die schwelgerischen Augenmenschen und die unduldsamen Theoriemönche. Denn die Kunst des Marcel ist beides: charmant erzählerisch und von eisiger konzeptioneller Strenge.

          Jede Nacht ein Bild

          Marcel van Eeden empfängt in einer echt winzigen Hinterhofwohnung im Osten von Berlin, wo er, ebenfalls seit etwa einem Jahr, meistens wohnt. In dieser Klause sitzt er also und zeichnet. Jede Nacht mindestens ein Bild. Immer auf 19 x 28 cm. Immer mit fettigen Grafitstiften der Marke Nero, immer, weil er Rechtshänder ist und sonst mit dem Handrücken alles verschmieren würde, von links oben nach rechts unten. Wenn es fertig ist, wird das Bild sofort ins Netz gestellt. Das tägliche Bild auf www.marcelvaneeden.nl ist gewissermaßen so etwas wie ein Blog, und zwar im Augenblick vermutlich der einzige, in dem keine lebenden Personen beleidigt werden.

          Denn das Entscheidende ist: Marcel van Eeden zeichnet ausschließlich Fotos und Bilder ab, die vor 1965, seinem eigenen Geburtsjahr, entstanden sind. Auch die Bildinschriften stammen allesamt aus Quellen, die älter sein müssen als er. Das ist die wichtigste, die eherne Regel. Denn aus Angst vor der Zeit, in der er mal nicht mehr sein wird, beschäftigt sich van Eeden schon aus therapeutischen Gründen mit Zeit, in der er noch nicht war. Seine Grundidee fußt auf der alten schopenhauerschen Einsicht, wonach auf die Frage nach dem Tod nur geantwortet werden kann, dass sich dessen Erfahrung für den Einzelnen vermutlich genauso anfühlen wird wie die Zeit vor der Geburt. Das nehme, so van Eeden, die Angst und mache froh.

          Nichts ist spannender als die Zeitung von gestern

          Als Betrachter kann man das nur bestätigen. Nicht, dass van Eeden der erste Künstler wäre, der sich Gedanken gemacht hat über das Dasein und das Nichtdasein, und nicht dass er der erste Künstler wäre, der das Phänomen der Zeit mit rigorosen Exerzitien durchmessen hätte, ganze Stränge der Konzeptkunst leben seit den sechziger Jahren davon. On Kawara mit seinen Datumsbildern, Roman Opalka oder Hanne Darboven mit ihren rigorosen Zahlen: alles Werke von überwältigender Erhabenheit und Stringenz. Aber wenn man mal ehrlich ist: übermäßig viel Schaulust oder gar Spannung kommt da nicht unbedingt auf.

          Und das ist bei Marcel van Eeden eben anders. Die Konvolute von Fotos, die er aus alten Büchern und Zeitschriften schneidet, aus vergilbten Ausgaben von „Paris Match“ oder von „Kristall“, sind an sich schon von Interesse, weil ja ohnehin gilt, dass nichts spannender ist als die Zeitung von gestern, außer vielleicht die Zeitung von vorgestern. Und am spannendsten ist letztlich immer noch die Finsternis, in der scharfe Lichtstrahlen herumtasten. Alles wird sofort zum Standbild eines Film noir. Sofort trieft alles vor „Suspense“. Frauen im Halbdunkel. Hochgeschlagene Kragen. Männer, von denen anzunehmen ist, dass sie die Zigarette nicht aus dem Mundwinkel nehmen werden, während sie ihr Magazin leerballern. Aber auch nächtliche Fünfziger-Jahre-Architekturen, heutige Konsens-Bausünden im Augenblick ihres zukunftsseligsten Gutgefundenwerdens.

          Der letzte große Caravaggist

          Und wenn van Eeden in der schematischen Abzeichnerei all dessen vor allem eine Metapher für das Leben sieht, welches nämlich auch vor allem im „sinnlosen Duplizieren von Vergangenheit“ bestehe, dann ist das nur die halbe Wahrheit, denn wo die Spotlights auf den alten Bildern die Dinge aus dem Dunkeln holen und dauernd die Spitzen von emotionalen Eisbergen aufblitzen lassen, geht van Eeden beim Kopieren den umgekehrten Weg, schraffiert alles zu, verdeckt, schwärzt und stößt die Figuren und Szenen sozusagen wieder zurück in ihr existentialistisches Nichts. Marcel van Eeden ist, wenn man so will, der letzte große niederländische Caravaggist.

          Dann erst greift van Eeden zu den Schriftschablonen, die ihm sein Vater, der Vertreter für Architektenbedarf war, hinterlassen hat, und setzt mit nachdrücklichem Stift den Text ins Bild, am liebsten Deutsch, weil Deutsch mit seiner Großschreibung und den Umlauten ein schöneres Schriftbild ergebe als zum Beispiel das effiziente Englisch. Bei der aktuell in Berlin gezeigten Serie „Celia“ sind es Passagen aus Robert Walsers „Spaziergang“, aus „Latste Daagen“, dem Roman eines vergessenen niederländischen Expressionisten, aus Eliots „Cocktailparty“, woher auch die titelgebende Celia stammt, und aus der sogar das Leben K.M. Wiegands in den Schatten stellenden Autobiographie des Hochstaplers und Lebenskünstlers Jack Bilbo.

          Die Lücke zwischen Text und Bild

          Die Zuordnung geschieht nach dem Zufallsprinzip. Weiter offen könnte die Text-Bild-Schere auch bei den berüchtigten Bildunterschriften im „Spiegel“ nicht sein. Aber gerade so entstehen Momente von bestürzender Poesie. Es ist vor diesem Zyklus wie in einem Film von David Lynch, nur dass die Bilder nicht am Betrachter vorbeilaufen, sondern umgedreht.

          In Tübingen wird van Eeden jetzt eine Serie über einen weltreisenden Archäologen zeigen. Und später soll auch Wiegand wieder auftauchen, und noch später sollen alle diese Serien und Zyklen zusammenfinden zu einer einzigen auswuchernden Großerzählung. Und spätestens dann werden vielleicht auch die Literaturkritiker alle Marcel van Eeden lieben, so wie jetzt schon die Filmkritiker, und die Freunde der Konzeptkunst und die der virtuosen altmodischen Bleistiftzeichnung, „auf der man wenigstens noch was erkennen kann“, sowieso. Und weil Marcel van Eeden weiß, dass man sich gegen so viel Zuneigung auf dem modernen Kunstmarkt zur Wehr setzen muss, hat er jetzt schon mal eine Serie mit Schimpfworten für das Stedelijk in Amsterdam angefangen: „Fuck you“ steht auf einem der ersten Blätter. Selbstverständlich ein Zitat. Von Henry Miller.

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