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Marcel van Eeden : Solang wir nicht am Leben sind

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Nichts ist spannender als die Zeitung von gestern

Als Betrachter kann man das nur bestätigen. Nicht, dass van Eeden der erste Künstler wäre, der sich Gedanken gemacht hat über das Dasein und das Nichtdasein, und nicht dass er der erste Künstler wäre, der das Phänomen der Zeit mit rigorosen Exerzitien durchmessen hätte, ganze Stränge der Konzeptkunst leben seit den sechziger Jahren davon. On Kawara mit seinen Datumsbildern, Roman Opalka oder Hanne Darboven mit ihren rigorosen Zahlen: alles Werke von überwältigender Erhabenheit und Stringenz. Aber wenn man mal ehrlich ist: übermäßig viel Schaulust oder gar Spannung kommt da nicht unbedingt auf.

Und das ist bei Marcel van Eeden eben anders. Die Konvolute von Fotos, die er aus alten Büchern und Zeitschriften schneidet, aus vergilbten Ausgaben von „Paris Match“ oder von „Kristall“, sind an sich schon von Interesse, weil ja ohnehin gilt, dass nichts spannender ist als die Zeitung von gestern, außer vielleicht die Zeitung von vorgestern. Und am spannendsten ist letztlich immer noch die Finsternis, in der scharfe Lichtstrahlen herumtasten. Alles wird sofort zum Standbild eines Film noir. Sofort trieft alles vor „Suspense“. Frauen im Halbdunkel. Hochgeschlagene Kragen. Männer, von denen anzunehmen ist, dass sie die Zigarette nicht aus dem Mundwinkel nehmen werden, während sie ihr Magazin leerballern. Aber auch nächtliche Fünfziger-Jahre-Architekturen, heutige Konsens-Bausünden im Augenblick ihres zukunftsseligsten Gutgefundenwerdens.

Der letzte große Caravaggist

Und wenn van Eeden in der schematischen Abzeichnerei all dessen vor allem eine Metapher für das Leben sieht, welches nämlich auch vor allem im „sinnlosen Duplizieren von Vergangenheit“ bestehe, dann ist das nur die halbe Wahrheit, denn wo die Spotlights auf den alten Bildern die Dinge aus dem Dunkeln holen und dauernd die Spitzen von emotionalen Eisbergen aufblitzen lassen, geht van Eeden beim Kopieren den umgekehrten Weg, schraffiert alles zu, verdeckt, schwärzt und stößt die Figuren und Szenen sozusagen wieder zurück in ihr existentialistisches Nichts. Marcel van Eeden ist, wenn man so will, der letzte große niederländische Caravaggist.

Dann erst greift van Eeden zu den Schriftschablonen, die ihm sein Vater, der Vertreter für Architektenbedarf war, hinterlassen hat, und setzt mit nachdrücklichem Stift den Text ins Bild, am liebsten Deutsch, weil Deutsch mit seiner Großschreibung und den Umlauten ein schöneres Schriftbild ergebe als zum Beispiel das effiziente Englisch. Bei der aktuell in Berlin gezeigten Serie „Celia“ sind es Passagen aus Robert Walsers „Spaziergang“, aus „Latste Daagen“, dem Roman eines vergessenen niederländischen Expressionisten, aus Eliots „Cocktailparty“, woher auch die titelgebende Celia stammt, und aus der sogar das Leben K.M. Wiegands in den Schatten stellenden Autobiographie des Hochstaplers und Lebenskünstlers Jack Bilbo.

Die Lücke zwischen Text und Bild

Die Zuordnung geschieht nach dem Zufallsprinzip. Weiter offen könnte die Text-Bild-Schere auch bei den berüchtigten Bildunterschriften im „Spiegel“ nicht sein. Aber gerade so entstehen Momente von bestürzender Poesie. Es ist vor diesem Zyklus wie in einem Film von David Lynch, nur dass die Bilder nicht am Betrachter vorbeilaufen, sondern umgedreht.

In Tübingen wird van Eeden jetzt eine Serie über einen weltreisenden Archäologen zeigen. Und später soll auch Wiegand wieder auftauchen, und noch später sollen alle diese Serien und Zyklen zusammenfinden zu einer einzigen auswuchernden Großerzählung. Und spätestens dann werden vielleicht auch die Literaturkritiker alle Marcel van Eeden lieben, so wie jetzt schon die Filmkritiker, und die Freunde der Konzeptkunst und die der virtuosen altmodischen Bleistiftzeichnung, „auf der man wenigstens noch was erkennen kann“, sowieso. Und weil Marcel van Eeden weiß, dass man sich gegen so viel Zuneigung auf dem modernen Kunstmarkt zur Wehr setzen muss, hat er jetzt schon mal eine Serie mit Schimpfworten für das Stedelijk in Amsterdam angefangen: „Fuck you“ steht auf einem der ersten Blätter. Selbstverständlich ein Zitat. Von Henry Miller.

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