https://www.faz.net/-gqz-97t3r

Man-Ray-Ausstellung in Wien : Farbige Schatten an Leinen

  • -Aktualisiert am

Ein Surrealist durch und durch: Man Ray experimentierte mit unterschiedlichen Medien, fasste Flirrendes in surrealen Bildideen. Eine Schau im „Kunstforum Wien“ bewegt die Betrachter.

          Einprägsam geformte Objekte artifizieller oder natürlicher Herkunft, gerne auch schon etwas in die Jahre gekommen, bilden den Ausgangsstoff traumverlorener Sequenzen im Kosmos surrealen Schaffens. „Der Vater des Surrealismus war Dada; seine Mutter war eine Passage“, schrieb Walter Benjamin in den „Pariser Passagen“. Aber noch ein weiterer einflussreicher Dritter stand an der Wiege Pate: der Kubismus. Man Ray (1890 bis 1976), Surrealist durch und durch, mit Marcel Duchamp und Max Ernst befreundet, arbeitete zeit seines Lebens daran, die konischen Gebilde, simultan nebeneinandergestellten Perspektiven und Transparenzen der kubistischen Formensprache in surreale Bildideen zu transformieren – eine Ausstellung im „Kunstforum Wien“ zu Man Ray gibt dieser Seite des schwer zu greifenden, in unterschiedlichen Medien experimentierenden Künstlers Raum.

          Und dies ganz buchstäblich: Ein temporär in der Ausstellung aufgebautes Kino mit zeitgenössisch karger Holzbestuhlung und dunkelrotem Samtvorhang zeigt auf der großen Leinwand in der Endlosschleife Man Rays filmisches Schaffen der zwanziger Jahre. Die vier experimentellen Kurzfilme bilden einen Schlüssel zur flirrenden Gedanken- und Bilderwelt des Surrealisten, der zuallererst wegen seines fotografischen Werkes seinen Platz in der Kunstgeschichte eingenommen hat. In hohem Tempo oder sehr langsamen, verschwommenen Einstellungen (manchmal war die Linse mit Gelatine eingerieben, um für die Zensur allzu Explizites ein wenig zu verschleiern) fließen spitze und kegelähnliche Formen ineinander, Frauenbeine in eleganten Seidenstrümpfen oder rhythmisch agierende Körper beim Sport; eine berühmte Szene zeigt die gespenstisch mit einem starr blickenden Auge bemalten geschlossenen Lider der Kiki von Montparnasse, sie schlägt sie nach einer Weile auf und lächelt herzzerreißend. In einem weitläufigen Chateau mit großen Fenstern und lichten Öffnungen spielen Herrschaften im Bademantel mit überdimensionierten Würfeln, deren Augen Spielkarten nachgebildet sind.

          Die eigenartige Stimmung am Drehort erinnerte Man Ray an ein berühmtes Gedicht von Stéphane Mallarmé, „Der Wurf eines Würfels wird niemals den Zufall abschaffen“ („Un coup de dés jamais n’abolira le hasard“). Der Dichter gestaltete, wie später die Kubisten dies bei ihren Bildern taten, mit unterschiedlichen Schriftgrößen, ungewöhnlichem Satz und viel Leerraum zwischen den Worten die Buchseiten. Die Filme versammeln Objekte, kubische Formationen und literarische Anspielungen, die sich, als wären sie dem Film entstiegen, auf unterschiedlichen Bildträgern in Man Rays Werk beim Gang durch die Ausstellung erneut dem Betrachter zeigen.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Einen weiteren Schlüssel zu seinem Werk bildet ein großformatiges Tafelbild, welches das MoMA New York zur Schau beisteuerte: „The Rope Dancer Accompagnies Herself With Her Shadows“. Hier sehen wir gezackte, wie ausgeschnitten wirkende Farbflächen, die „Schatten“ oder Schattenrisse, die wir ähnlich als transparent einander überlagernde, schwingende Formen auch in den Siebdrucken „Revolving Doors“ bewundern können. Die langen „Schatten“ scheinen auf dem Gemälde ins Schwanken geraten zu sein. Kein Wunder, eine im kubistischen Bewegungstaumel gezeichnete kleine Seiltänzerin, ganz oben, nahe dem Rahmen hält sie wie Hunde an einer Art Leine. Der Titel lenkt uns bei diesen Assoziationen. Und eine Bildbeschriftung von Duchamps „Akt, eine Treppe heruntersteigend“ aus dem Jahr 1913, einem Bild, das nach Vorlage einer Momentfotografie einzelne Bewegungsphasen übereinanderschichtet, war es dann auch, die Man Ray zur Einsicht verhalf, wie wirkungsvoll ein Bildtitel für die Imagination sein kann.

          Weitere Themen

          Hakuna Matata Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Der König der Löwen“ : Hakuna Matata

          25 Jahre nach dem Original kommt „Der König der Löwen“ als Neuverfilmung zurück in die Kinos. Die Tricktechnik überwältigt, doch der Spagat zwischen Königsdrama und Tierdoku will nicht so ganz gelingen.

          Topmeldungen

          Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

          Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.