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Man-Ray-Ausstellung in Brühl : Glastränen auf der Wange

Eine beeindruckende Ausstellung im Max Ernst Museum in Brühl zeigt surrealistische Fotografien von Man Ray aus den zwanziger und dreißiger Jahren - und gibt selbst sattsam bekannten Motiven ihren Zauber zurück.

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          Schneller hätte es nicht gehen können: Im Juli 1921 war Man Ray nach Paris gereist, wurde dort von Marcel Duchamp empfangen und fast augenblicklich Mitglied der Dadaisten-Szene, so dass er sich schon im November desselben Jahres bei seinem Foto der Künstlergruppe um Tristan Tzara, Philippe Soupault und Paul Éluard mittels eines großabgezogenen Selbstporträts kurzerhand in den Trupp aus acht Personen gesellte. Ein großer Auftritt für den eben erst aus Amerika eingereisten Künstler, damals einunddreißig Jahre alt. Die erste Ausstellung ließ nicht auf sich warten. Im Dezember zeigte Man Ray eigene dadaistische Gemälde und Objekte, die er aus Amerika mitgebracht hatte.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Doch der erhoffte finanzielle Erfolg blieb aus, und Man Ray fasste einen folgenschweren Entschluss. „Meine ganze Aufmerksamkeit“, schreibt er in seiner Autobiographie, „richtete ich jetzt darauf, mich als Berufsfotograf zu etablieren, ein Studio zu finden und es einzurichten, um effektiver arbeiten zu können. Ich wollte Geld verdienen – nicht länger auf eine Anerkennung warten, die sich vielleicht nie einstellen würde.“ Die Anerkennung als Fotograf aber erfuhr er fast augenblicklich. Er revolutionierte mit seinen Aufnahmen die Ästhetik der Fotografie – und schrieb Geschichte.

          Der Zufall ist immer mit im Bild

          „Man Ray – Fotograf im Paris der Surrealisten“ heißt nun eine überwältigende Ausstellung im Max Ernst Museum Brühl. Mehr als hundertfünfzig Abzüge breiten Man Rays Schaffen der zwanziger und dreißiger Jahre zwischen Stillleben, Akt und Porträt, kameralosen Experimenten und Dunkelkammertricks aus. Dabei muss man staunen, wie oft ihm bei der Entwicklung seiner ausgefallenen Bildideen angeblich der Zufall zu Hilfe kam – ob er nun im Jahr 1922 ein Porträt der langen Belichtungszeit wegen verwackelte, wodurch die Marquise Casati den Betrachter dämonisch mit drei Augenpaaren anstarrt; ob er, ebenfalls 1922, Gegenstände auf einem Bogen Fotopapier abstellte, die ihre verzerrten Schatten darauf hinterließen, oder ob Ende der zwanziger Jahre Lee Miller, zu jener Zeit seine Assistentin und Geliebte, in der Dunkelkammer versehentlich das Licht anknipste, wodurch sich bei der sogenannten Solarisation die Tonwerte auf den belichteten Fotopapieren partiell umkehrten und gespenstische Schattenlinien die Motive umrandeten.

          Was Man Ray als Künstler freilich auszeichnet, ist, mit welcher Konsequenz und Leidenschaft er nach solchen Zufallsergebnissen deren weitere Möglichkeiten erprobte und sie im Laufe seiner Experimente perfektionierte, bis er seinen surrealistischen Arbeiten auf je unterschiedlichste Weise einen dennoch stets unverkennbaren Stil geben konnte – geprägt von dem unbedingten Willen, die Motive zu verrätseln und die Welt in die Sphäre des Traums zu heben. Zumindest für sein künstlerisches Œuvre strebte er nach Fotografien, „die nicht wie Fotografien aussehen“. Und doch schockieren seine Bilder gerade deshalb, weil er ein Medium benutzt, das den dokumentarischen Charakter, den Wahrheitsgehalt des Bildes, nie restlos verliert.

          Wie sehr Man Ray dabei mit den Motiven rang und die Negative nur als Ausgangsmaterial für seine Schöpfungen begriff, wie er im Labor extreme Ausschnitte wählte und diese bisweilen der bizarren Perspektive willen noch auf den Kopf stellte, belegt die Ausstellung in Brühl gleich mit einer ganzen Reihe von Beispielen, für die ein unbeschnittener Abzug dem endgültigen Bild zur Seite gestellt ist.

          Ein Surrealist auf Abwegen

          Man Ray war ein Magier. Bilder, die heute als Ikonen der Fotografiegeschichte gelten, schuf er gleichsam im Akkord: Eben der Rückenakt Kikis mit den aufgemalten Schalllöchern eines Violoncellos, dann das Porträt der bleichen Kiki neben einer afrikanischen Maske aus Ebenholz; später die mit Farbe bemalte Meret Oppenheim neben einer Druckerpresse, Lee Millers Lippen ins Riesige vergrößert, als Ansammlung schwarzer Punkte im Nichts, oder Glastränen unter dem Auge eines Mannequins. Tausendfach publiziert als Poster, schienen diese Bilder längst ihr Geheimnis eingebüßt zu haben, und der Schock war zum Gag verkommen. Doch im kleinen Format gewinnen sie ihren radikalen Ausdruck aggressiven Charmes zurück, selbst dann, wenn es sich bisweilen um moderne Abzüge handelt.

          Während Man Rays Zeit in Paris wurden die Aufnahmen ebenso in Kunstzeitschriften und den Pamphleten der Surrealisten wie in den Magazinen Vogue, Vu und Harper’s Bazaar veröffentlicht und machten ihn berühmt. Sein Atelier wurde zum Treffpunkt der Künstler. Cocteau und Breton porträtierte er ebenso wie Picasso und Braque, Giacometti und Miró, Dalí und Max Ernst. Er verstand sich als Künstler auf Augenhöhe mit den Malern des Surrealismus. Dass er dennoch kommerzielle Aufträge annahm, dokumentiert die Ausstellung mit Aufnahmen für das Portfolio einer Pariser Elektrizitätsgesellschaft. Da ziehen Wellen über nackte Körper, und es strahlen Leuchtwerbungen vervielfacht vor dem nächtlichen Himmel. Dass Man Ray in seinem Atelier auch Tausende von Menschen in deren Auftrag porträtiert hat, ganz gewöhnliche Kunden, und immerhin gut zwölftausend Negative hinterließ, entnimmt man hingegen nur einem Beitrag im Katalog.

          Nach der herrlichen Man-Ray-Ausstellung im Museum Ludwig Anfang dieses Jahres nur aus eigenem Bestand und der größeren Übersicht jetzt in Brühl wäre dies die nächste wünschenswerte Bilderschau: „Man Ray, Berufsfotograf“.

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