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Malerstar Neo Rauch : Im dunklen Bezirk des ratlosen Ich

  • -Aktualisiert am

Auf Neo Rauchs Bildern tummeln sich Suchende, es regnet Farben und die Sprechblasen sind leer. Kaum ein Maler seiner Generation durchforscht das Niemandsland zwischen Figuration und Abstraktion mit einer vergleichbaren Intensität. Jetzt wird die erste große Rauch-Retrospektive eröffnet.

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          Neo Rauch ist der Superstar der gegenwärtigen Malerei. Ohne ihn gäbe es keine „Neue Leipziger Schule“, gleichviel, ob das überhaupt eine Schule ist, und man muß lange suchen, bis man weltweit einen anderen Maler der Generation nach Baselitz, Hockney, Kiefer, Richter und Polke findet, der auch nur annähernd an den 1960 geborenen Leipziger Rauch heranreichte. Allenfalls Luc Tuymans durchforscht das Niemandsland zwischen Figuration und Abstraktion mit einer vergleichbaren Intensität, aber mit ganz anderen malerischen Mitteln als Neo Rauch.

          Nun bietet das Kunstmuseum Wolfburg erstmals Gelegenheit, die Entwicklung seiner Malerei in einem weit gespannten Bogen nachzuvollziehen, die sich in den vergangenen dreizehn Jahren mit atemberaubender Geschwindigkeit entfaltet hat. Das allein schon ist alles andere als selbstverständlich. Daß es Rauch inmitten seines nun schon viele Jahre anhaltenden internationalen Erfolgs überhaupt gelungen ist, bei der Sache zu bleiben, zeugt von der Charakterfestigkeit des Künstlers.

          Die Werke selbst sprechen

          Einen wie Neo Rauch, der mit und in seiner Arbeit an der Kunst lebt, bringt so leicht nichts aus der Ruhe, nicht einmal der Erfolg, der bekanntlich zersetzender wirkt als sein Ausbleiben. Dazu beigetragen hat auch die Umsicht von Rauchs Galeristen Gert Harry Lybke, im überhitzten Kunstbetrieb wahrlich keine Selbstverständlichkeit.

          Gerade weil der Malerstar Neo Rauch schon vor Beginn der Wolfsburger Schau „Neue Rollen - Bilder 1993 bis 2006“ allerorten in Interviews und Berichten groß gefeiert wurde, tut es gut, wenn nun die Werke selbst sprechen. Aber nicht nur die mehr als siebzig versammelten Gemälde sprechen eine deutliche Sprache. Es ist die Institution der Ausstellung selbst, die sich als unverzichtbares Erkenntnismedium eigenen Rechts erweist, indem sie das innere Wachstum des Werks vor Augen stellt. Nur hier, inmitten der Abfolge einzelner Gemälde, lassen sich Programm und Qualität der Kunst Neo Rauchs im Zeitstrom seines Wandels ermessen.

          Phantastische Manöver

          Der Rundgang beginnt etwas prätentiös mit „Anima I“ von 1995 und „Ende (Akademie im Wald)“ von 1998. Mächtig prangt im noch blauen Himmel über einer waldreichen Gegend das Wort „Ende“. Gebildet wird es aus sechs in den Farben Blau, Rot, Gelb, Grün, Schwarz und Weiß ummantelten Elektrokabeln, deren Verschlungensein zum Wort von einer Aura umgeben ist. Ist es die Morgenröte einer neuen Malerei oder der versöhnliche Abendschein, der über der Landschaft liegt? Es läßt sich nicht ergründen, wie so vieles auf den Gemälden Neo Rauchs. Still und menschenleer warten auf einer Lichtung backsteinrote Gebäude. Im Vordergrund wacht der splitternd gebrochene Stamm eines Baums. Betrachtet man gegenüber das Gemälde „Anima I“, so bemerkt man, welch sparsamen Gebrauch Rauch noch Mitte der neunziger Jahre von der Figur gemacht hat. Anima, das ist die Mutter und Muse von Rauchs Frühzeit, eine Rätselgestalt und ein Archetypus des Lebens, schemenhaft und unergründlich.

          Es folgt ein Raum mit den drei Rundbildern „Ufer“, „Plazenta“ und „Dock“ von 1993 und 1994 - und auch hier sind die Gesichter noch leer: helle Projektionsflächen. Im Falle von „Plazenta“ ist die linkisch im Zentrum hantierende Figur von weiteren kleinen Rundbildern umgeben, die wie Bullaugen aus dem schwarzen Fond ausgeschnitten scheinen und wie Trabanten um sie kreisen. Zwei Zöpfe, die ebensogut Wurzeln schlagende endlose Säulen von Brancusi sein können, ein offener Schubladenschrank, der wie eine minimalistische Skulptur wirkt, Silhouetten von Flugzeugen, ein Netzwerk und eine Gestalt, der ein Pflanzentrieb aus dem Mund heraus- oder in diesen hineinzuwachsen scheint - lauter serielle Wurzelstücke, aufgerufen, sich zu zeigen und zu kreisen im dunklen Bezirk um das ratlose Ich.

          Erbarmungslose Künstlichkeit

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