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Malerei : Warum Deutschland im Jahr 1964 nayrotisch wurde

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Als Formen politisiert und die Wirklichkeit ignoriert wurde: Die Frankfurter Schirn stellt das umstrittene Spätwerk von Ernst Wilhelm Nay aus. Zu entdecken ist eine großartige Malerei, die in die Mühlen einer Stellvertreterdiskussion geriet.

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          Ernst Wilhelm Nays Malmaschine steht noch immer mitten in Köln, ein Haus aus Backstein, Beton und Glas. Die letzten zehn Jahre seines Lebens arbeitete er hier, er, der deutsche Wirtschaftswundermaler und Exportkünstler.

          Ein breites Treppenhaus führt hoch in den ersten Stock zum Atelier, Nay hatte es sich bauen lassen, um die großformatigen Bilder, wenn sie schnell waren, einfach abtransportieren zu können; es gibt ein nüchternes Atelier mit modernem Mobiliar und geriffelten Fenstern, so dass der Garten hinter nebelweißen Scheiben verschwindet. Gearbeitet wurde in einem festen Takt: Malen von neun bis dreizehn Uhr während der Wintermonate, die Sommermonate fuhr man nach Griechenland. Gezeichnet wurde am Abend, farbig aquarelliert auf Reisen. Ein Atelier wie ein Labor, hell, funktional, ohne Ausblick und mit geregelten Arbeitszeiten. Noch heute wirkt es wie der Arbeitsort von jemanden, bei dem alles am Schnürchen lief - bis 1964 jedenfalls.

          Seit vierzig Jahren bewohnt Elisabeth Nay-Scheibler nun dieses Haus ohne ihren Mann, der 1968 starb. Aus der Malmaschine ist ein Archiv geworden und aus der Ehefrau eine Archivarin, die eine der erstaunlichsten Künstlerkarrieren der Bundesrepublik verwaltet.

          Farbgewaltige große Bilder

          „Er malte sie auf die drängende Bitte von Arnold Bode“, sagt Elisabeth Nay-Scheibler und meint damit das Ereignis, das zu einem Wendepunkt in der Rezeption von Nays Malerei werden sollte. An der Wand lehnen die beiden Gemälde „Rot-Gelb-Violett“ von 1967 und „Sinus“ von 1966, bereitgestellt für den Abtransport in die Ausstellung der Frankfurter Schirn.

          Gezeigt werden dort zum ersten Mal nur die Bilder der sechziger Jahre. Es sind farbgewaltige große Bilder; während es draußen schneit, stellt man sich vor, dass diese Kunst Ausstellungsbesuchern in den sechziger Jahren bestimmt ausgesprochen gute Laune gemacht haben muss. „Nayrotisch“ nannte Nay aber selbst die Reaktionen, die 1964 in Folge der Documenta III losbrachen, Angriffe, von denen er sich in den vier Jahren, die ihm bis zu seinem Tod blieben, nicht mehr erholen sollte.

          Bis dahin schien Nays Erfolg durch nichts aufgehalten werden zu können, eine Bilderbuchkarriere, die bis in die Vereinigten Staaten ausstrahlte: Geboren 1902 in Berlin arbeitete der junge Nay zuerst als Angestellter im Kaufhaus des Westens, später als Komparse und Hilfsarchitekt beim Film. Das Malen brachte er sich selbst bei, 1923 besuchte einen Aktkurs, es folgten die ersten Ausstellungen. Mit den Nationalsozialisten kommt ein Riss in die Biographie, als 1937 die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München gezeigt wird, befinden sich unter den ausgestellten Werken auch zwei Bilder von Nay. Mit Kriegsende schließt sich die Lücke jedoch wieder. Schon 1946 organisiert die Münchner Galerie Günther Franke eine große Ausstellung mit Nays Gemälden.

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