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Malerei : Die Revolution kam im zugeknöpften Kleid

  • -Aktualisiert am

Sie malten gegen den Widerstand der Zeit, wurden beschimpft, verlacht oder totgeschwiegen: Eine glänzende Schau in Frankfurts Schirn zeigt die Meisterwerke der Impressionistinnen Mary Cassatt, Berthe Morisot, Eva Gonzalès und Marie Bracquemond.

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          Warum uns heute die Bilder der Impressionistinnen so viel bedeuten, zeigt diese kleine Geschichte: Es war das Jahr 1892, und Mary Cassatt, Malerin, Amerikanerin, Frau, erhielt den Auftrag, für die Weltausstellung in Chicago ein Wandgemälde zu entwerfen. Das Thema lautete „die moderne Frau“. Das Wahlrecht war noch lange nicht in Sicht, zum Kunststudium ließ man Frauen in Frankreich, wo Mary Cassatt lebte, auch nicht zu.

          Sie griff also zum Pinsel und malte, fast lebensgroß, Frauen in einer Landschaft, mit Hüten, Schleifen, Rüschenkleidern. „Junge Frauen pflücken die Früchte der Erkenntnis oder Wissenschaft“ nannte die fast Fünfzigjährige das Gemälde. Kunsthistorisch stellte sie damit ein altes Motiv vom Kopf auf die Füße. Denn Cassatts Frauen waren keine Allegorien, keine Symbole für Wissen, Forschung oder Wahrheit. Sie standen Männern zu. Eingedrungen in den Garten der Erkenntnis waren auf ihrem Bild plötzlich ganz normale Frauen, bekleidet und gelassen in der Anmutung. Nur auf den ersten Blick schien Cassatts Gemälde ein erfreuliches spätimpressionistisches Genrebild zu sein. Auf den zweiten Blick war es ein Manifest. Bei der Kritik fiel es durch.

          Eine prächtige Schau

          Ein Ausschnitt dieses Gemäldes ist nun in der Ausstellung „Impressionistinnen“ in der Frankfurter Schirn zu sehen - zusammen mit zahlreichen weiteren Werken von Mary Cassatt, Berthe Morisot, Eva Gonzalès und Marie Bracquemond. Es ist eine prächtige Schau, feierlich gehängt vor dunkelgestrichene Wände, wodurch die Farben umso leuchtender strahlen: mehr als hundertfünfzig Gemälde, Zeichnungen und Radierungen, zusammengetragen aus Dutzenden von Privat- und Museumssammlungen. Worum es geht, ist aber nicht, vier Frauen postum freundlich auf die Schulter zu klopfen. Was die Kuratorin Ingrid Pfeiffer in der Schirn zusammengebracht hat, rammt mit der Wucht eines Schaufelbaggers in die Kunstgeschichte: Wie Geröll werden dem Betrachter alte Klischees vor die Füße gekippt, das ausgehobene Loch danach mit neuem Fundament ausgegossen. Hinter diese Ausstellung werden Museen und Kuratoren nicht mehr zurückkönnen.

          Die erstaunliche Erkenntnis ist folgende: Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès und Marie Bracquemond stellten im Paris der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sowohl im offiziellen Salon als auch im sogenannten Salon des Refusés aus; sie waren Kollegen von Edgar Degas oder Édouard Manet, mit denen sie sich maßen, austauschten oder auch stritten. Sie wurden ab 1874 zu fast allen sogenannten Impressionisten-Ausstellungen eingeladen - den Namen gab man den Gruppenschauen erst später. Wie ihre männlichen Kollegen hatten sie Erfolge, Skandale, Anhänger und Feinde. Sie wurden - das allerdings mehr als ihre männlichen Kollegen - von Kritikern getadelt, beschimpft oder auch verlacht. Nur: Von niemanden wurden die Impressionistinnen so schlecht behandelt wie von den Kunsthistorikern.

          Slalom um große Frauen

          Das hatte einschneidende Folgen. Julius Meier-Graefe etwa, der im deutschsprachigen Raum Degas, Renoir und Manet zu Ruhm verhalf, tat verbissen so, als hätte es keine dieser Malerinnen gegeben. Wo ihre Namen auf Ausstellungsplakaten erschien, ließ er sie weg; wo sie von der Kritik gefeiert wurden, schwieg er. Seine Schriften lesen sich heute so, als habe er sich die heimliche Aufgabe gestellt, Slalom um große Frauen zu schreiben. Seine Kleinlichkeit, so albern sie rückblickend wirkt, führte immerhin dazu, dass deutsche Museen im frühen zwanzigsten Jahrundert fast keine Werke der Impressionistinnen ankauften.

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