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Maler Max Pechstein : Schwof um dein künstlerisches Leben!

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Da steht dem Raucher der Mund offen: Pechsteins „Tänzerin in einer Bar“, 1923/31. Bild: 2019 Pechstein – Hamburg/Tökendo

Die Kunsthalle Tübingen untersucht die Verbindung von Tanz und Malerei bei Max Pechstein. Seine ausnahmslose Begeisterung für alle Genres ist unübersehbar – doch lässt er große Namen dieser Kunst häufig unerwähnt.

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          Das Ausrufezeichen hinter dem Wort Tanz im Titel der Max-Pechstein-Schau der Kunsthalle Tübingen bringt Bewegung in die Wortfolge, Nachdruck, Anschub. Und es steht, wie man nach dem Gang durch die kleine, interessante, zuvor in Pechsteins Geburtsstadt Zwickau gezeigte Schau auch weiß, für das Vergnügen des Malers an verschiedensten Formen des Tanzes und der artistischen Bewegung. Dass er gern selbst tanzte und feierte, ist dokumentiert: Fotos zeigen den wild geschminkten und mit Federschmuck zum Apachen kostümierten Pechstein mit seiner lachenden Frau Marta auf Berliner Künstlerfesten.

          Der Bühnentanz, wie er in Theatern und Opernhäusern in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu sehen war, spielte als Motiv eine untergeordnete Rolle für Pechstein. Aufregender waren für ihn die Variétes und Ballhäuser, die Tanzcafés und Zirkusmanegen. Revuetänzer, Akrobaten und Einradfahrer interessieren Pechstein. Häufig umreißt er ihre kräftigen Gestalten mit impulsivem schwarzem Strich. Tusche, Aquarell und Kreide setzen kleckslustige und wie feucht strahlende Farbe hinein. Aber auch in den Radierungen und Lithographien – in den Gemälden ohnehin – ist das Kraftstrotzende dieser Körper, sind ihre erotischen und exhibitionistischen Komponenten am auffälligsten.

          Man kann die Tanzinteressen Pechsteins gleichmäßig verteilt sehen auf Paare im Gesellschaftstanz, Revuemädchen in Miedern und sich bauschenden Röcken, nackte Reigentänzerinnen in der Natur, Zirkusreiterinnen im Pas de deux auf dem Pferderücken und jene ritualhaften Tänze einer Dorfgemeinschaft in der Südsee, deren Zeuge er auf einer Reise nach Palau wurde. Insbesondere von diesen „Mondscheintanz“ oder „Hahnentanz“ betitelten Gruppenchoreographien zeigt sich Pechstein sein ganzes Leben beeindruckt. Ein Autograph belegt, dass er diese Erinnerungen in seiner inneren Schatzkammer der Schönheit hütete. Er zeigt auch, wie viel Respekt er der tanzenden Gemeinschaft entgegenbrachte, deren Erscheinung er „würdevoll“ nennt.

          Wie ein stürmischer Tänzer über die Leinwand

          Vielleicht ist es ein Ausdruck seiner zupackenden, nie zögerlichen Vitalität, dass sich Pechstein den Körperkunst-Ausübenden aller Genres so gleichmäßig zuwendet. Sie alle, ob sie die Beine im Cancan werfen oder eine eng an sich gepresste Frau in eine hinreißende Drehung führen, ob sie sich wie die „Badenden Knaben in der Brandung“ in den Tanz der sich brechenden Wellen stürzen oder am Trapez hängend Pirouetten drehen, können offenbar Pechstein in den kinästhetischen Skizzier-Rausch versetzen.

          Max Pechstein „Zirkusszene“, 1920 Bilderstrecke

          Seltsam düster muten dagegen jene zehn Lithographien an, die der Künstler 1910 nach dem ersten Gastspiel der 1909 gegründeten „Ballets Russes“ in Berlin anfertigt. Die Serie „Karneval“ ist inspiriert von dem gleichnamigen Stück von Mikhail Fokine zu Robert Schumanns „Carnaval“, ein frühes Beispiel der revolutionären Ästhetik des Balletts. Die Anteile des Zirkushaften, des Maskenspiels, der Commedia dell’Arte, die Mischung der Figuren zwischen poetischen Projektionen tatsächlicher Personen aus dem Leben des Komponisten und den archetypischen Theatergestalten wie Harlekin, Kolumbine und Pierrot machen den Reiz des Stücks aus. Es ist zugleich komplex und tief in seinem Spiel mit der Theatergeschichte und leicht, wie es nur ein in drei Tagen im Zusammenspiel von Tänzern und Choreograph hingeworfenes „Pièce d’occasion“ sein kann. Denn das war „Carnaval“ - ein charmantes Stück, das auf einem Kostümfest von Studenten uraufgeführt wurde, die damit Spenden für das Magazin „Satyricon“ sammelten.

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