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Maler Max Pechstein : Schwof um dein künstlerisches Leben!

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Die Bemerkungen Daniel J. Schreibers im Katalog über Pechstein, seine Zugehörigkeit zur Künstlervereinigung „Brücke“, und die lebensreformerischen Ideen des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts sind insofern aufschlussreich, dass diese jungen, sich in ungestümem Ausdruck verwirklichenden Maler keineswegs von konservativen, akademischen Kräften aufgehalten wurden, sondern im Gegenteil früh von Lehrern bestärkt, unterstützt und mit Aufträgen versorgt wurden. Interessant, hier Licht ins Gestrüpp der Mythen um den Expressionismus und seiner Protagonisten gebracht zu sehen.

Woher rührt die Faszination?

Die tanzwissenschaftlichen Aufsätze sind leider nicht annähernd so klar und stringent. Offenbar war es für die Zuschauer in Berlin 1910 noch kein historisches Ereignis, die „Ballets Russes“ zu sehen. Pechstein gibt den Figuren seiner Lithographien keine Namen. Vaclav Nijinsky oder Tamara Karsavina – waren sie den Berlinern Unbekannte? Nahm man ihre Starqualitäten dort nicht wahr? Wer aber waren die „Ballets Russes“ und wozu wurden sie geschaffen? Mit „Kulturindustrie“ hatte das nichts zu tun. Ihr Impressario Sergej Diaghilew, Herausgeber der Kunstzeitschrift „Mir Isskustva“, hatte russische Kunst in Paris sehr erfolgreich ausgestellt. Da er sich in Kreisen von Malern, Designern, Musikern und Tänzern bewegte, kam er auf die großartige Idee, diese Künstler, die alle auf ihren Gebieten etwas völlig Neues machten, zusammenzubringen.

Der Tanz als zentrale Ausdrucksform dieses Avantgardeunternehmens bediente sich nun neuer Sujets, integrierte Aspekte des modernen Lebens in die Stücke – wie etwa den Sport und seine Bewegungen – und erschien als ideales Medium für das den Westen mit leichtem Gepäck erobernde Ensemble. Kulissen, Dekorationen und Requisiten beschränkten sich auf ein Minimum, denn der Platz auf der Bühne wurde zum Tanzen gebraucht. Der Tanz war zugleich neu und doch unmittelbar verständlich, die Tänzer charismatisch und virtuos und inspiriert von ihrer Arbeit, mit der sie ständig Neues schufen.

Die „Ballets Russes“ waren deshalb so erfolgreich, weil sie künstlerisch ausgezeichnet arbeiteten, weil sie die Tradition gekonnt in die Stoffe der Zukunft verwebten. Was soll uns da die Bemerkung, die „Schlappheit“ Pierrots in „Carnaval“ sei „aus gender-theoretischer Perspektive bemerkenswert“? Statt sich Beschreibungen wie „zusammensackendes Sich-Hängenlassen“ auszudenken und soziologisch vieldeutige Begriffe wie „agency“ einzuführen -„Handlungsmacht“, die Pechstein angeblich seiner Pierrot-Darstellung verleiht - sowie Verwirrung in Definitionen von Virtuosität zu stiften, wäre doch die Frage interessanter, warum für Pechstein die „Ballets Russes“ zwar faszinierend waren, aber nicht faszinierender als andere Körperarbeiter seiner Zeit.

Zur Ausstellung

Tanz! Max Pechstein. Bühne, Parkett, Manege. In der Kunsthalle, Tübingen; bis 15. März. Der Katalog kostet im Museum 28 Euro.

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