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Maler Hans Olde : Ein Bild, zehn Stiere wert

Sachliche Romanzen am Meeresstrand: Der Maler Hans Olde, aufgewachsen in Holstein, machte in Weimar und Kassel Karriere. Jetzt widmet das Schloss Gottorf ihm eine große Retrospektive.

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          Was das Gemälde zeigt, das Hans Olde 1896 fertigstellte und das heute den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gehört, hängt vom Betrachter ab und dabei nicht zuletzt davon, ob er mit der Szenerie vertrau ist. Der städtische Kunstfreund wird vielleicht die Landschaft loben, die Bäume, die sich gegen den oberen Bildrand stemmen, er wird den durchscheinenden Himmel schätzen, die Wiese und das Paar im Vordergrund, den Mann mittleren Alters, der sich in seinem offenbar leichten Gang auf einen Stab stützt, während hinter ihm ein kräftiger Stier trottet. Wer allerdings die abgebildete Gegend aus eigener Anschauung kannte, wird sich möglicherweise auf den Stier konzentriert haben, so wie der Mitarbeiter der „Kieler Zeitung“, der das Bild 1896 sah und sogar „das Original“ des Stiers identifizierte: „Es steht im Stall des Herrn Bruun von Neergard auf Eckhof, heißt ,Barbarossa‘, ist am 10. März 1892 im Christian-Albrechts-Koog von einer preisgekrönten Mutter aus dem Tonderschen geboren.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Hans Olde (1855 bis 1917) hatte es Zeit seines Lebens mit einem heterogenen Publikum zu tun, und es mag sein, dass die überraschenden Wendungen seiner künstlerischen Entwicklung auch damit zu tun hatten, dass er sich ganz unterschiedlichen Erwartungen ausgesetzt sah. Sein Vater, ein Großbauer aus Süderau in der Nähe von Itzehoe, hatte den einzigen Sohn zu seinem Nachfolger bestimmt und war mit dessen Entscheidung, als fertiger Landwirt mit 24 Jahren ein Studium an der Münchner Kunstakademie aufzunehmen, gar nicht einverstanden.

          Starke Kontraste

          Der junge Olde lernte von Lovis Corinth, der ihn später sogar porträtierte, er fertigte aber auch ein Selbstbildnis an, das insgesamt noch ganz glatt und konventionell gehalten ist und wohl einen selbstbewussten jungen Künstler zeigen soll, allerdings mit einem Detail, das unruhig macht, je mehr man sich darin vertieft. Denn die linke Hand des Malers, die den Pinsel hält, wie um ihn zu präsentieren, ist auffällig unklar und verwischt, besonders im Vergleich zu den klar konturierten Zügen des Gesichts. Die Malerhand, so kann man sich das deuten, ist noch unsicher, während der Kopf schon genau weiß, wohin die Reise geht.

          Olde ging auf Malerreise nach Esbjerg und Fano, wo er eine wundervolle Ansicht vom Strand malte, ein Höhepunkt auch in der Sammlung ihres jetzigen Besitzers, des Museums Kunst der Westküste in Alkersum auf Föhr. Die starken Kontraste von Hell und Dunkel, die vor allem ein Paar im Vordergrund des Bildes fast völlig verschattet erscheinen lassen, setzt Olde überlegen für eine sachliche Romanze ein: Das Paar geht nebeneinanderher, er raucht, sie strickt im Laufen, und die drei Jungen, die sie im Hintergrund beobachten, werden sich bald einem anderen Gegenstand zuwenden, so unspektakulär ist dieser Spaziergang.

          „Heimatstrand“ von 1885 ist Teil einer großen Olde-Retrospektive, die derzeit in Schloss Gottorf in Schleswig zu sehen ist, und die ehemalige Reithalle, die sich durch mobile Zwischenwände gut den Gestaltungsideen der Kuratoren anpassen ließ, ist ein idealer Ort dafür, einem heute weithin fast vergessenen Künstler mit Nachdruck eine Bühne zu bereiten. Dass er es wert ist, teilt sich sofort mit, zumal hier zahlreiche Leihgaben aus Privatsammlungen erstmals öffentlich gezeigt werden wodurch die Perspektive auf Olde, die sich bislang aus wenigen zugänglichen Gemälden speiste, wesentlich erweitert und konturiert wird. So treten neben seine bekannten, fast schon kanonischen Nietzsche-Porträts einige Bilder, die norddeutsche Autoren wie Klaus Groth – der auf dem Sterbebett in geradezu österlicher Auferstehungserwartung gemalt wird – oder Detlev von Liliencron zeigen, und das abgeklärte Paar vom „Heimatstrand“ findet eine süßliche Entsprechung im großformatigen Genrebild „Frühmorgens (Vor Sonnenaufgang)“ von 1888, auf dem ein sensentragender Junge einem korbtragenden Mädchen begegnet, beide wie eingefroren vor einem nebelverhangenen Hintergrund.

          Derlei begegnet oft in den Bildern Oldes, die klischeehafte Menschen und Tiere in einer ungewöhnlich gefassten, oft geradezu schwungvoll verzauberten Landschaft präsentieren. Dies ist nicht auf die Ländlichkeit beschränkt, sondern betrifft auch urbane Räume wie im Bild „Zum Rosenkranz“, entstanden im selben Jahr wie „Frühmorgens“: Im Hintergrund ist eine Kirche zu erkennen, auf die Menschen zueilen, den größten Teil des Bildes aber nimmt die mit Schneematsch bedeckte Fläche vor dem Gebäude ein, von Räderspuren wie Rillen durchzogen und herrlich leuchtend reflektierend. Welch geschärften Sinn Olde für den Schnee in all seinen Formen besaß, sieht man vielen der hier ausgestellten Bilder an, und es wäre nur gerecht, in hierin mit seinem finnischen Zeitgenossen Pekka Halonen zu vergleichen.

          Das Auseinandernehmen der Landschaft

          Olde, der 1898 die Berliner Secession mitgründete, von 1902 bis 1910 die Kunstschule Weimar leitete und 1917 starb, machte in ästhetischer Hinsicht immer wieder einen Schritt vor, einen zurück und nimmt Anlauf und springt Richtung Moderne: Seine in Farbflecken aufgelöste „Brandung“ von 1884 wird durch die sechs Jahre später entstandene, sanft schimmernde „Abendstimmung am Meer“ fast zurückgenommen. Er experimentiert mit Pointillismus, etwa in „Am hohen Uferrand“ von 1893, aber auch das ist nicht sein Weg.

          Der ist schon eher zu erkennen auf einem 1894 entstandenen, hier schon durch die raumbeherrschende Hängung zu Recht hervorgehobenen Bild: „Hünengrab bei Bülk“, eine wüste Sturmszene, bringt das Kunststück fertig, den Wind nicht nur hinsichtlich seiner Wirkung auf die Bäume, sondern geradezu direkt auf die Leinwand zu bringen, als gemalte Bö voller Kraft und Wucht. Das Auseinandernehmen der Landschaft und das anschließende Zusammensetzen als Farbrausch prägen dann auch einige spätere Werke Oldes, das rotgoldene „Düsternbrooker Gehölz“ etwa, das wie eine konsequent künstlerische Märchenillustration wirkt, oder – ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg – die „Rast im Wald“ und „Im Reinhardswald bei Sturm“: Wo der Wind bläst, wird auch die Malerhand frei, und der späte Olde erweist sich endlich als einer, der sich, mittlerweile Direktor der Kunstakademie in Kassel, an seinen eigenen Maßstäben misst.

          Das gilt auch für das Verhältnis zur Familie. In den Jahren 1885 und 1886 malte Olde noch Porträts des Vaters als Patriarchen, dessen spöttischer Blick auf dem malenden Sohn ruht. Auf „Alter Herr im Schnee“ von 1902 ist er dann weit weniger vornehm, dem Sohn, der ihn beobachtet, ausgeliefert; sein Gesicht zerfällt, der unerbittliche Schnee-Hintergrund auch. Er soll seinen Frieden mit dem Sohn gemacht haben, als er erfuhr, dass dessen Bild vom Stier „Barbarossa“ mit 8000 Mark zehnmal so viel einbrachte wie der Stier selbst.

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