https://www.faz.net/-gqz-9omao

Maler Hans Olde : Ein Bild, zehn Stiere wert

„Heimatstrand“ von 1885 ist Teil einer großen Olde-Retrospektive, die derzeit in Schloss Gottorf in Schleswig zu sehen ist, und die ehemalige Reithalle, die sich durch mobile Zwischenwände gut den Gestaltungsideen der Kuratoren anpassen ließ, ist ein idealer Ort dafür, einem heute weithin fast vergessenen Künstler mit Nachdruck eine Bühne zu bereiten. Dass er es wert ist, teilt sich sofort mit, zumal hier zahlreiche Leihgaben aus Privatsammlungen erstmals öffentlich gezeigt werden wodurch die Perspektive auf Olde, die sich bislang aus wenigen zugänglichen Gemälden speiste, wesentlich erweitert und konturiert wird. So treten neben seine bekannten, fast schon kanonischen Nietzsche-Porträts einige Bilder, die norddeutsche Autoren wie Klaus Groth – der auf dem Sterbebett in geradezu österlicher Auferstehungserwartung gemalt wird – oder Detlev von Liliencron zeigen, und das abgeklärte Paar vom „Heimatstrand“ findet eine süßliche Entsprechung im großformatigen Genrebild „Frühmorgens (Vor Sonnenaufgang)“ von 1888, auf dem ein sensentragender Junge einem korbtragenden Mädchen begegnet, beide wie eingefroren vor einem nebelverhangenen Hintergrund.

Derlei begegnet oft in den Bildern Oldes, die klischeehafte Menschen und Tiere in einer ungewöhnlich gefassten, oft geradezu schwungvoll verzauberten Landschaft präsentieren. Dies ist nicht auf die Ländlichkeit beschränkt, sondern betrifft auch urbane Räume wie im Bild „Zum Rosenkranz“, entstanden im selben Jahr wie „Frühmorgens“: Im Hintergrund ist eine Kirche zu erkennen, auf die Menschen zueilen, den größten Teil des Bildes aber nimmt die mit Schneematsch bedeckte Fläche vor dem Gebäude ein, von Räderspuren wie Rillen durchzogen und herrlich leuchtend reflektierend. Welch geschärften Sinn Olde für den Schnee in all seinen Formen besaß, sieht man vielen der hier ausgestellten Bilder an, und es wäre nur gerecht, in hierin mit seinem finnischen Zeitgenossen Pekka Halonen zu vergleichen.

Das Auseinandernehmen der Landschaft

Olde, der 1898 die Berliner Secession mitgründete, von 1902 bis 1910 die Kunstschule Weimar leitete und 1917 starb, machte in ästhetischer Hinsicht immer wieder einen Schritt vor, einen zurück und nimmt Anlauf und springt Richtung Moderne: Seine in Farbflecken aufgelöste „Brandung“ von 1884 wird durch die sechs Jahre später entstandene, sanft schimmernde „Abendstimmung am Meer“ fast zurückgenommen. Er experimentiert mit Pointillismus, etwa in „Am hohen Uferrand“ von 1893, aber auch das ist nicht sein Weg.

Der ist schon eher zu erkennen auf einem 1894 entstandenen, hier schon durch die raumbeherrschende Hängung zu Recht hervorgehobenen Bild: „Hünengrab bei Bülk“, eine wüste Sturmszene, bringt das Kunststück fertig, den Wind nicht nur hinsichtlich seiner Wirkung auf die Bäume, sondern geradezu direkt auf die Leinwand zu bringen, als gemalte Bö voller Kraft und Wucht. Das Auseinandernehmen der Landschaft und das anschließende Zusammensetzen als Farbrausch prägen dann auch einige spätere Werke Oldes, das rotgoldene „Düsternbrooker Gehölz“ etwa, das wie eine konsequent künstlerische Märchenillustration wirkt, oder – ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg – die „Rast im Wald“ und „Im Reinhardswald bei Sturm“: Wo der Wind bläst, wird auch die Malerhand frei, und der späte Olde erweist sich endlich als einer, der sich, mittlerweile Direktor der Kunstakademie in Kassel, an seinen eigenen Maßstäben misst.

Das gilt auch für das Verhältnis zur Familie. In den Jahren 1885 und 1886 malte Olde noch Porträts des Vaters als Patriarchen, dessen spöttischer Blick auf dem malenden Sohn ruht. Auf „Alter Herr im Schnee“ von 1902 ist er dann weit weniger vornehm, dem Sohn, der ihn beobachtet, ausgeliefert; sein Gesicht zerfällt, der unerbittliche Schnee-Hintergrund auch. Er soll seinen Frieden mit dem Sohn gemacht haben, als er erfuhr, dass dessen Bild vom Stier „Barbarossa“ mit 8000 Mark zehnmal so viel einbrachte wie der Stier selbst.

Weitere Themen

Topmeldungen

Donald und Melania Trump am vorigen Mittwoch in Washington

Trumps Impeachment-Prozess : Mehr Zeit für neue Skandale

Der Impeachment-Prozess gegen Donald Trump soll erst am 9. Februar eröffnet werden. Bis dahin hoffen die Demokraten auf neue Skandale, die der Anklage weitere Munition liefern.
Verrammelt und verriegelt: Das Lamb & Flag in London (Symbolbild)

Großbritannien : 10.000 Pubs und Restaurants schließen

Großbritanniens Gastronomie ist von der Corona-Krise besonders hart getroffen. Während große Ketten sich frisches Kapital beschaffen, gehen die Kleinen unter.
Mehr Unterstützung aus Washington: Amerikanische Forscher von Regeneron arbeiten am experimentellen Antikörper-Medikament.

Antikörper-Medikament : Was auch bei Trumps Genesung half

Ein amerikanisches Antikörper-Präparat erhält eine Notzulassung, 200.000 Dosen kauft die Bundesregierung. Deutsche Wissenschaftler vermissen Unterstützung bei ihrer Forschung – so würden Chancen verpasst, kritisieren sie.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.