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Mainzer Raubfund : Ist es der ganze Barbarenschatz?

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Silbergeschirr, goldener Zierrat, silberne Statuetten: Das sind die vorhandenen Teile des spätantiken „Barbarenschatzes“, den man bei einem Raubgräber sicherstellte. Doch wie viel fand er wirklich?

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          Dass der „Barbarenschatz“, der am vergangenen Dienstag in Mainz vorgestellt wurde, einst in Panik vergraben worden ist, steht außer Frage: Wer in den räuberischen Zeiten der Völkerwanderung Kostbarkeiten vergrub, begnügte sich nicht damit, sie fünfzig Zentimeter tief zu betten. Da aber die Goldornamente und silbernen Statuetten, die Silberteller und die goldverzierten Teile eines Klappstuhls, gepresst in eine Holzkiste, in eben dieser geringen Tiefe am Rand einer einstigen Römerstraße bei Rülzheim gefunden wurden, spricht alles dafür, dass sie während einer Flucht unter die Erde kamen.

          Flucht war oft das einzige, was seit dem Jahr 406 den römischen Gutsherren, Kaufleuten und Beamten übrigblieb, die längs des Rheins lebten. Das Römische Reich, jahrhundertelang sicher, brach unter dem Ansturm von Germanen zusammen; Grenzen fielen, Städte und Dörfer wurden gebrandschatzt, die Verwaltung vernichtet. Raffte also während eines Überfalls ein reicher Römer in der heutigen Vorderpfalz seine Güter zusammen, verbarg sie, hoffend, bald zurückkehren zu können, hastig am Straßenrand und verschwand dann ungewollt für immer?

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          Dieser naheliegenden Vermutung widerspricht der Zustand einiger der Pretiosen. So sind Statuetten zerstückelt und ist die größte Silberplatte wie eine Torte gevierteilt. Als „Hacksilber“ bezeichnen Archäologen diese Stücke, die, deformiert für den leichteren Transport, als Beutedepots zu den häufigsten Funden der Völkerwanderung gehören. Diesen gesicherten Befund aber umgeben beim „Barbarenschatz“ zahllose Rätsel: Zwar entstammen alle Stücke dem 5. Jahrhundert. Doch während die Statuetten auf römischen Ursprung deuten, verweisen die Zierstücke und das Tafelsilber auf osteuropäische Herkunft.

          Ösen bezeugen, dass die goldenen, an Eichenlaub erinnernden Ornamente auf eine Prunk-Robe genäht waren. Landesarchäologe Axel von Berg vermutet deshalb einen germanischen Stammesfürsten als Besitzer. Dass solche Hordenführer sich gern mit Gold behängten, passt gut in das gängige Bild von unseren „barbarischen“ Vorfahren. Doch auch die zivilisierten Römer, auf deren Vorurteilen gegenüber den „primitiven“ Germanen die heutigen Vorstellungen fußen, waren keineswegs frei von Protzentum: Auf spätantiken Darstellung tragen Höflinge, Adlige und Beamte Ost- und West-Roms Ornate, die vor Gold und Juwelen strotzen. Durchaus denkbar also, dass der „Barbarenschatz“ die Prunk-Robe eines hohen römischen Beamten birgt, von der nur die goldenen Besatzstücke übrig blieben.

          Dasselbe gilt für den Klappstuhl. Noch sind die Fragmente nicht zu einem anschaulichen Ganzen rekonstruiert. Doch schon jetzt lässt sich sagen, dass er ein kostbar verziertes und aufwendig geschnitztes, transportables Möbel gewesen ist. Stühle wie dieser waren in der Antike Würdezeichen par excellence. In der Rechtssprechung zum Beispiel entsprach ihr Rang dem der heutigen Richter-Robe: Wer „ex cathedra“ sprach, war oberster Richter, urteilte in den römischen Provinzen im Namen des Imperiums und des Imperators – noch die reisenden Kaiser des frühen Mittelalters führten luxuriöse Klappstühle mit sich, auf denen sie saßen, wenn sie in ihren Pfalzen und Reisequartieren Recht sprachen.

          Ist also der Klappstuhl des Barbarenschatzes das einstige Eigentum eines bedeutenden römischen Beamten? Oder zählte er – was die Mainzer Experten für wahrscheinlich halten – zum Machtinstrumentarium eines Stammesfürsten? Wie aber steht es dann um die Silberstatuetten? Ihr Stil ist grob – verschwommene Züge, sackartig gebauschte Gewänder, wulstige Tuchfalten, starre Mienen. Provinzialrömisch, späte Phase, könnte man sagen. Darüber hinaus aber gibt es nichts als Fragen: Sind die Gewandfiguren germanische Göttinnen, die dem römischen Pantheon zugeschlagen worden waren? Oder sind römische Priester im Opfer-Ornat gemeint? Sind die Büsten Reste von Laren, den Hausgöttern, die jeder Römer unter seinem eigenen Dach verehrte? Oder Ahnenporträts? Vielleicht auch nur Zierrat prunkvoller Möbel?

          Was, außer Einschmelzen, hätte ein Stammesfürst mit den Figürchen anfangen sollen? In eineinhalb Jahren, so die rheinlandpfälzische Landesarchäologie, werde man nach gründlichen Untersuchungen Genaueres sagen können. Doch dass für immer Riesenlücken im Wissenstand klaffen werden, ist jetzt schon sicher. Denn der „Barbarenschatz“ wurde als Beute eines Raubgräbers sichergestellt, der ihn mit einem Metalldetektor aufgespürt, eilig aus dem Boden gewühlt und danach alle Spuren zu verwischen versucht hat. Somit kann am Fundort nichts mehr über das, was sich in der Antike dort abgespielt haben könnte, herausgefunden werden; alle Spuren, alle für Laien unsichtbaren Indizien sind zerstört.

          Man könne, da der Raubgräber sich bedeckt hält, nicht einmal sicher sein, ob die jetzt präsentierten Stücke der vollständige Schatz seien, oder nur Reste eines größeren, der längst im Kunsthandel verschwunden ist, hieß es am Dienstag. So ist der Fund Sensation und Skandal zugleich. Denn wenige Tage nach der Entdeckung geraubter mittelalterlicher und antiker Keramik in Bingerbrück  wird zum zweiten Mal deutlich, dass nicht nur im fernen Afghanistan oder Irak der Kunstraub blüht, sondern mitten in unserem Land.

          Welche Kostbarkeiten mag ein römischer Beamter oder ein Stammesfürst, der eine solche goldstarrende Robe trug, noch besessen haben? Wie viele davon sind verhökert? Wie viele andere „Barbarenschätze“ wurden hierzulande heimlich gehoben? Diese Fragen, und nicht die in Main zu Recht belächelte, ob man Teile des „Nibelungenhorts“ vor sich habe, müssen die beiden Ausstellungen behandeln, die in Kürze den „Barbarenschatz“ und die Funde von Bingerbrück zeigen werden.

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