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Faschistische Kunst in Mailand : Die totale Zukunft

Als Diktatur und Avantgarde paktierten: Die Fondazione Prada lässt in Mailand die Kunst des italienischen Faschismus auferstehen.

          In letzter Zeit ist in den Künsten viel von „Immersion“ die Rede, also einer ihre Rahmen auflösende, sich um den Betrachter stülpende und ihn letztlich wie ein Geist besitzende Kunst. In dem auf viele Jahre angelegten Programm „Immersion“ der Berliner Festspiele mündet diese Radikalisierung der Idee des Gesamtkunstwerks unter den Vorzeichen digitaler Erlebnisprothesen in unbeholfene Jahrmarktspielereien mit VR-Anzügen auf Seiten der Kunst und auf Seiten der Musik in Formate wie dem dreißigstündigen Konzertprogramm „The Long Now“, bei dem man sich neulich zum Abschluss des Festivals Maerzmusik in den entkernten Hallen des alten Kraftwerks am Kreuzberger Spreeufer auf Feldbetten einrichtete, um mal zu tanzen, mal zu schlafen, mal die Kinder mit dem mitgebrachten Proviant zu versorgen, während Musiker aus der Tiefe des Raumes ans Pult traten und wieder entschwanden. Man könnte sich ganze Schlafstädte vorstellen, in denen nicht mehr benötigte Arbeitskräfte auf diese Weise mit staatlicher Unterstützung und anspruchsvoller Kuratierung auf Dauer ruhig- und glücklich eingestellt sind. Was jetzt nicht als Argument gegen experimentelle Formate, subventionierte Avantgarde-Konzerte, mehrnächtige Clubaufenthalte oder ein bedingungsloses Grundeinkommen verstanden werden soll.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Doch es lohnt, diese Diffusion von Rezipient und Werk vergleichend gegen eine Zeit zu halten, in der die Kunst tatsächlich Teil riesiger Immersionsprojekte war, die es auf Abschaffung jedes Außen anlegten, bevölkert und befeuert durch Millionen von Staatsbürgern, die in Massenpsychosen der Selbstberauschung lebten, die im Fall Italiens in Übergriffe auf Dissidenten, Juden und souveräne Staaten wie Albanien und Äthiopien umschlugen und nur durch die radikal konkrete Anlandung alliierter Panzerverbände, wie im Juli 1943 auf Sizilien, vorläufig gestoppt werden konnten.

          Eine lange Tradition

          Eine maßgebliche Rolle spielte in dieser Psychosenproduktion die Kunstausstellung. Das faschistische Italien liebte Ausstellungen. Es veranstaltete Sportausstellungen, Industrieausstellungen und eine Ausstellung zum zweitausendsten Geburtstag von Kaiser Augustus, um Benito Mussolini in dessen Erbe einzureihen, und all diese Ausstellungen waren multimedial und auch sonst auf dem neuesten Stand, abgeschaut aus der Weimarer Republik und der Sowjetunion. Nach 1930 veranstaltete jede Region Leistungsschauen zeitgenössischer Kunst, die um die Gunst der Jurys rang, um auf die Quadriennale von Rom weiterempfohlen zu werden, auf die Biennale von Venedig oder auf die Wanderausstellungen nach Paris, Pittsburgh und Berlin. Und Teil der letzten Verausgabungen zur Abwendung der Niederlagen im Osten und in Nordafrika war im Frühling 1943 die „1. Ausstellung italienischer Künstlersoldaten“ mit an der Front gefertigten Werken, die von Rom nach Berlin, München, Wien und Budapest reiste.

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