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Madonna-Fotos : Götterdämmung

  • -Aktualisiert am

Die Jungfrau nimmt man Madonna nach dieser Düsseldorfer Ausstellung weniger ab denn je. Der Modefotograf Steven Klein verrätselt die Pop-Ikone in neuen Bildern.

          Am Rand der Bilder, welche der gefeierte Modefotograf Steven Klein von der Popsängerin Madonna geschossen hat, sucht der Betrachter vergeblich nach Markenangaben.

          Stammen die hohen Lederstiefel, die Madonna als zwielichtige Gogo-Tänzerin an einer Eisenstange trägt, aus dem Hause Yves Saint Laurent? Ist das schmerzhaft enge Seidenkorsett, in dem sie sich als Sterbenskranke auf einer schäbigen Pritsche windet, von Dolce & Gabbana? Welcher Designer hat das an einen klinischen Mundschutz erinnernde Geschmeide entworfen, hinter dem sie ihr Gesicht als sprungbereite Katzenfrau verbirgt? Und der Kojote, der da mit gesenkter Schnauze durch die verschiedenen Szenarien streunt - kommt der nicht aus der zeitlosen Kollektion von Joseph Beuys?

          Steven Klein bricht mit dem Hochglanz

          Das Ratespiel der Modefetischisten läuft bei dieser Ausstellung im NRW-Forum Kultur und Wirtschaft ebenso ins Leere wie das kunstgeschichtliche Fußnotensammeln. Denn zwar stammt die stoffliche Ausstattung des Performance-Projekts mit dem ziemlich durchgeknallten Titel "X-STaTIC PRO=CeSS", zu dem sich Klein und Madonna im August 2002 in Los Angeles trafen, aus den besten Schneidereien. Und wer nach Bezugspunkten in der Geschichte der Aktionskunst sucht, muß beim legendären New Yorker Auftritt von Joseph Beuys mit einem Präriewolf nicht stehenbleiben.

          Zunächst beruht das Gesamtkunstwerk aus Digitalfotos, Filmstills und Videoinstallationen, entstanden in einem finsteren Studio mit dem Charme einer leeren Tiefgarage, auf einer Auseinandersetzung mit dem Starsystem. Denn mit der Strahlkraft der Berühmten und mit der überraschenden Brechung ihres Hochglanzes besitzt der achtunddreißigjährige New Yorker, der ansonsten die Titelseiten führender Magazine bespielt und bereits David Beckham und Brad Pitt fotografierte, unbestrittene Erfahrungen: Kleins Ablichtung von Justin Timberlake mit blutüberströmtem Gesicht leitete als imagologisches Wundmal den Imagewechsel des braven Mädchenschwarms ein.

          Kein Abgrund unerkundet

          Nun liegt der Einwand nahe, daß Madonna keine Verfremdung ihrer Person durch Fremdarbeit benötigt: Schließlich beleuchtet sie mit jedem neuen Musikvideo eine neue Seite ihrer multiplen Persönlichkeit und läßt vom Sadomasochismus bis zur Folter keinen Abgrund unerkundet. Doch trotz dieses Vorsprungs eines lebenden Objekts, das schon auf alle erdenklichen Weisen durchbuchstabiert wurde und zuletzt bei der Buchstabenmystik der Kabbala landete, fand Klein bei der zehnstündigen Fotositzung eine eigene Bildsprache. Der ästhetische Pauperismus des Studios, welcher die namenlosen Accessoires und Gerätschaften um so verlorener wirken läßt, erinnert an ein Vanitasgemälde.

          Tatsächlich erneuert das erstaunlichste Werk der Schau, eine im kinohaften Breitwandformat in einer bedrückenden Dunkelkammer gezeigte Videoinstallation, die barocke Gattung des Tableaus. Aus vier Projektionen zusammengesetzt, erstrahlt auf der Leinwand eine Art zweidimensionales Diorama - nämlich ein raumgreifendes Standbild, das an animierten Einzelstellen ins Bewegungsbild übergeht. Madonna kniet als byzantinische Catwoman auf einem Aluminiumbett, während rechts von ihr auf einem Kleiderständer ein Hochzeitskleid in künstlichem Dauerfeuer vor sich hin lodert: eine abgelegte Haut der frühen Madonna aus dem Skandalvideo zu "Like a Virgin" von 1984. Mit der optischen Täuschung eines belebten Stillebens, wo hier ein Vorhang bebt und dort eine Flamme züngelt, zieht Klein den Zuschauer in ein Niemandsland zwischen Bühne und Bild, Auftritt und Erstarrung.

          Schönheit und Quälerei

          Ob nun der Popstar selbst oder aber der schnüffelnde Kojote womöglich das apokalyptische Tier aus der Offenbarung des Johannes verkörpern, die in Madonnas Rezitation den mit Schaumstoff gedämmten Raum ausfüllt - das bleibt Kaffeesatzleserei. Jeder Universalschlüssel nähme dem dunklen Symbolismus dieser Bilder, die mitunter einen Hang zum geschmäcklerischen Verrätseln nicht verbergen können, seinen Reiz.

          Madonna in einer Yogaübung auf einem abblätternden Schultisch, an der Rückwand das biologische Schaubild einer Niere; Madonna auf einem Eisenbett, im klaustrophobischen Bewegungsspielraum einer Endlosschleife gefangen: Die Arbeiten handeln von Bestrafung und Selbstbeherrschung, Schönheit und Quälerei. Vor allem aber handeln sie von Madonna. Und auf dem Feld des Madonnenbildes neue Formen zu finden war noch nie die geringste Kunst.


          Die Ausstellung in Düsseldorf endet am 27. Juni.

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