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Fotografin Madame d’Ora : Von der Modenschau ins Schlachthaus

  • -Aktualisiert am

Josephine Baker, Tamara de Lempicka oder gehäutete Hasen und Lämmer: Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg gibt erstmals einen Überblick über das gesamte Schaffen der Fotografin Madame d’Ora.

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          Was nach einem Gang durch die Ausstellung der Fotografin Dora Kallmus, die ab 1907 unter dem Künstlernamen Madame d’Ora firmierte, bleibt, ist vor allem Verwunderung: Warum nur fand das Werk dieser Ausnahmefotografin in den letzten Jahrzehnten lediglich vereinzelt und fragmentarisch Beachtung? Denn wollte man sich im Wien des Fin de Siècle porträtieren lassen, führte kein Weg am Atelier d’Ora vorbei – es galt als schick und vor allem modern, fotografische Bildnisse bei der „d’Ora“ anfertigen zu lassen. So fotografierte sie mit ihrem Assistenten und technischen Leiter, Arthur Benda, neben Porträts der kaiserlichen Familie auch solche von Gustav Klimt, Alma Mahler-Werfel, Arthur Schnitzler oder Anna Pawlowa. Mit der wachsenden Beliebtheit und rasanten Verbreitung illustrierter Zeitschriften ab 1914 sind es besonders die Modeaufnahmen der d’Ora, die darin reißenden Absatz finden. Nach dem Ersten Weltkrieg zieht es sie nach Paris, wo sie 1925 ein neues Atelier eröffnet.

          In der Hamburger Ausstellung kann man nun zum ersten Mal seit den siebziger Jahren das umfangreiche Werk der Fotografin bestaunen. Durch deren räumliche Zweiteilung – als Zäsur dient ein Laufsteg mit verschiedenen Modellen zeitgenössischer Kleider – ist die Ausstellung chronologisch und dadurch auch thematisch in zwei Bereiche geteilt. Gleich zu Beginn versammelt die Stirnwand der Ausstellung die frühen Wiener Porträts. Noch sehr in der traditionellen Bildsprache um die Jahrhundertwende verhaftet, fotografiert d’Ora die Bourgeoisie meist sitzend und ins Profil gewendet.

          Der Hut im Mittelpunkt

          Im weiteren Verlauf der Ausstellung wird dem Besucher vor Augen geführt, dass Madame d’Ora mit dem Umzug nach Paris auch ihren Stil neu erfindet. Vor allem die Modefotografien machen dies deutlich: Auf der Fotografie eines Hutmodells des österreichischen Designers Rudolf Krieser von 1909 lässt d’Ora den Kopf des Modells beinahe im Hut verschwinden, nur noch Nase und Kinn schauen darunter heraus. In einer späteren Aufnahme von 1938 aus Paris präsentiert sie einen Hut der französischen Hutmacherin Madame Agnès hingegen weitaus experimenteller.

          Denn das Modell ist in die rechte untere Bildecke gerückt und wird von dieser unterhalb der Augen, auf Höhe des Nasenbeins beschnitten. Die avantgardistische Hutkreation schraubt sich in die Bildmitte, wird durch die direkte Beleuchtung zum Protagonisten dieser Aufnahme. In beiden Aufnahmen arbeitet die Fotografin auf unterschiedliche Weise den Bildausschnitt heraus: Wird in der frühen Aufnahme das Modell wörtlich vom Hut weggeschnitten, wendet sie in der Pariser Aufnahme dieses Stilmittel auch auf der formalen Ebene an – durch die Auswahl des Bildfeldes beschneiden Ränder der Fotografie das Motiv.

          Die Schlusswand des ersten Teils der Ausstellung versammelt schließlich noch mal all die ikonischen Porträts der Pariser Prominenz, die Madame d’Ora bis 1939 fotografierte. In der Gegenüberstellung der Schaffensphasen der Fotografin liegt eine große Stärke der Ausstellung, waren vor allem die kommerziell entstandenen Fotografien doch so zuvor noch nicht vereint.

          Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris 1940 ändert sich das Leben der jüdischen Fotografin radikal. War sie seit dem Anschluss Österreichs um die Emigration ihrer in Wien verbliebenen Schwester Anna Kallmus bemüht, erhielt sie 1941 deren letzten Brief – Anna Kallmus wurde nach Lódź deportiert und im Konzentrationslager ermordet. Madame d’Ora gelang es, ihr Atelier zu verkaufen und nach über einjährigem Verstecken in ihrer Pariser Wohnung nach Südfrankreich zu flüchten, wo sie in Lalouvesc bis zum Kriegsende ausharrte. Während dieser Zeit entstanden zahlreiche autobiographische Essays, in denen sie über ihr Leben und die Fotografie sinnierte: „Menschlichen Menschen allein sollte das Recht zustehen, ein bleibendes Bild auf Erden zurückzulassen. Denn ein Photo ist bleibend!“

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