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Fotografin Madame d’Ora : Von der Modenschau ins Schlachthaus

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So widmete sie ihre erste fotografische Arbeit nach dem Zweiten Weltkrieg den Menschen. Sie begann in einem österreichischen Lager sogenannte „displaced persons“ zu fotografieren, die als Auftakt im zweiten Raum der Ausstellung präsentiert werden: Individuelle Porträts der Insassen, vor allem von älteren und schwachen Menschen sowie Kindern stehen im Fokus ihrer Kamera und weniger die Zustände und Alltagssituationen dieser Geflüchteten. Dass für d’Ora die Dokumentation und Reportage nicht von Interesse sind, zeigt sich vor allem in ihrer radikalen und brutalen „großen Schlussarbeit“. Es handelt sich um Fotografien aus dem Pariser Schlachthof, die abgetrennte Tierköpfe, gehäutete und aufgehängte Lämmer, einen Pferdefötus, Eingeweide und einen Pferdekopf in einem See aus glitzerndem Blut zeigen.

Der Bildausschnitt verändert das Motiv

Zwischen 1949 und 1957 besuchte die d’Ora die Pariser Schlachthöfe von La Villette und die Abattoirs de Vaugirard. Sie war nicht die Erste, die sich in diese verborgene Welt vorwagte. So filmte 1949 der surrealistische Filmemacher George Franju seine Dokumentation „Le sange des bêtes“ ebendort und führt darin dem Zuschauer die alltägliche Routine dieses Handwerks vor – vom lebenden Tier über dessen Tötung bis zum gehäuteten, geteilten Endprodukt Fleisch. Doch d’Ora geht es nicht um die Dokumentation dieser Arbeitsschritte, ihr Talent, eigentümliche Bildlösungen zu kreieren, findet auch hier seinen Weg.

Nachvollziehbar wird dies in Hamburg vor allem anhand der Kontaktabzüge: Innerhalb des kleinen quadratischen Bildfeldes wählt sie neue, rechteckige Bildausschnitte – das Motiv wird eng an den Bildrand gesetzt. Für sie Unnötiges, wie lokalisierbare Hintergründe oder gar Schlachter, wird weggeschnitten. Durch die neue Bildauswahl verklärt sie die Motive so stark, dass zum Teil jeglicher Realitätsbezug schwerfällt, indem sie etwa eigentliche Querformate als Hochformate präsentiert. Die Beine eines Pferdes scheinen durch die Aufrichtung aus ihrer ruhenden Position geradezu belebt.

Der Kopf eines Rindes wird durch das Kippen der Fotografie ins Hochformat mit einer immensen Kraft gegen den Boden gedrückt – ein Eindruck, der durch die Schwerkraft verstärkt wird, die sich im Querformat so nicht akzentuieren ließe. Dieser Bruch mit den Realitätsbezügen, der eine essentielle Qualität der Abzüge ausmacht, verliert sich leider in der ungünstigen, assemblierten Anordnung der Fotografien auf der letzten Wand der Ausstellung. Die fünfzehn Fotografien werden Rahmen an Rahmen zu einem großen Bildfeld vereint. Hier zeigt sich zwar die motivische Heterogenität der Schlachthoffotografien, doch die Eigentümlichkeit und Qualität der einzelnen Fotografien verschwimmt, da keine isolierte Betrachtung und somit individuelle Wirkung möglich ist.

Und schließlich vereint d’Ora das Interesse an toten Tieren und die genaue Beobachtung des Menschen in den Porträts des Marquis de Cuevas, um dessen Kopf sie drei gehäutete Schafsköpfe drapiert. Das januskopfartige Memento mori des alternden und kranken Ballettimpresarios zeugt ebenso wie die Schlachthoffotografien vom Verfall des Menschen und seiner Welt: „Die feurige Verteidigung unserer Ideale ist die einzig bleibende Schönheit.“ Dieser Optimismus erstaunt, legt doch vor allem die Serie aus dem Schlachthof nahe, dass d’Ora durch ihre Verfolgung und Flucht sowie den tragischen Verlust ihrer Schwester durch den Holocaust zu kämpfen hatte.

Betrachtet man die Schlachthoffotografien aber ausschließlich vor diesem Hintergrund, werden diese zur bloßen Illustration eines schwer fassbaren Traumas degradiert. Denn anstatt die pure Brutalität und Grausamkeit der Schlachthäuser zu dokumentieren, schafft sie eine intime und eigentümliche, dabei zugleich anmutige Inszenierung der toten Tiere. Die Schönheit zieht sich durch ihr Werk und die so betitelte Ausstellung. Diese Schönheit aber auch da zu finden, wo man sie nicht vermutet, darin liegt die eigentliche Herausforderung, die Madame d’Ora an ihre Betrachter stellt.

Madame d’Ora. Machen Sie mich schön! Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg; bis 18. März 2018. Der umfassende Katalog kostet 39,90 Euro.

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