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Luther-Schau in Wolfenbüttel : Ich lasse dich nicht, also rauf mit mir!

Luthers satanische Vorstellungen, die er mit Papst Franziskus teilt, sind vor allem lebensnah. Die Luther-Schau in Wolfenbüttel zeigt den Reformator zwischen Gott und Teufel.

          3 Min.

          Gibt es etwas, das zu Luther noch nicht gesagt wurde? Es ist zumindest unwahrscheinlich. Nach fünfhundert Jahren kontinuierlich umkämpfter Rezeption und einer alle Wittenberger Gedanken sowie Berliner Gelder mit Karacho mobilisierenden Luther-Dekade sollte man erwarten, dass es sich bei „Luther“ um ein abgegrastes, ja verstepptes Forschungsfeld handelt. Aber stattdessen muss man zurückfragen: Was soll das denn heißen – abgegrast? Dass „die Fakten“ bekannt sind? Dass einem viele Flugschriften, Porträts und Aussprüche, die zum Reformationsjubiläum in Büchern, Filmen oder Ausstellungen zirkulieren, nicht unbekannt vorkommen? Ja, aber das schließt neue Deutungen und das produktive Aufgreifen vergessener Kontroversen nicht aus. Sind nicht in der Tat viele Kontroversen, die theologiegeschichtlich zu Martin Luther geführt wurden, gerade in den vergangenen Jahrzehnten einfach abgebrochen, eingeklammert, nicht weiter verfolgt worden? Und zwar, ohne dass dafür Gründe erkennbar wären, die sich aus den wissenschaftlichen Erträgen selbst ergeben hätten. Stattdessen wurden Debattenstränge fallengelassen mit dem verlegenen Hinweis, sie passten eben nicht mehr in die Zeit. Aber ist das vielleicht ein wissenschaftliches, ein historisches Argument? Nein, es ist bestenfalls ein politisches Argument, und wahrscheinlich ja nur der präpotente Ausdruck einer gähnenden Gegenwartsbesessenheit.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Insofern freut man sich auch über diese Luther-Ausstellung, die in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel zu sehen ist. Ihre Exponate erschließen Luther in vier Themenfeldern: Luther, der Heilige (es gab tatsächlich einen recht unreformatorischen Reliquienkult um Luther); Luther, der Teufel (Luther lebte mit dem Teufel vis à vis und wurde selbst für den Teufel gehalten); Luther, die Marke (die Reformation funktionierte mit Cranachs Bildproduktion als Branding-Phänomen); Luther, der Deutsche (die nationalen Vereinnahmungen seines Charismas sind bis heute nicht abgerissen).

          Luther allein genügt

          Eine hoch informierte, unspektakuläre Schau in Verbindung mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und der Klassik Stiftung Weimar ist da in Wolfenbüttel zu sehen. Man muss nicht, wie der ansonsten fabelhafte Katalog dies kurioserweise für nötig hält, das olle Medienparadigma aufpolieren, um die schönen und lehrreichen Exponate dann im Begleitmaterial als „materielle Agenten“ zu rechtfertigen, welche eine Erkenntnisleistung der „Sichtbarkeit“ erbringen. Soll man doch einfach sagen, dass sich vieles leichter einprägt, wenn man etwas zum Anfassen und Anschauen hat. Im Übrigen gilt allemal: Luther allein genügt.

          Massenartikel im 16. Jahhrundert: Druck eines Luther-Porträts Bilderstrecke

          Nehmen wir nur einmal den Teufel. Die vielfältigen Zeugnisse von Luthers Teufels-Glauben, die in Wolfenbüttel zusammengetragen werden, imponieren ja gerade deshalb, weil der Satan für den Reformator eine voll präsente Alltagsmacht war, mit der es sich täglich herumzuschlagen galt, der Teufel hier also nicht bloß als eine regulative Idee des Bösen, als dämonisches Narrativ in den Blick kommt. Man ist denn auch versucht, in Anverwandlung des Zitats eines Kollegen von der „Zeit“ verdutzt die Frage zu stellen: „Das glauben Sie wirklich?“, um die Antwort zu hören: „Ja, das ist mein Glaube.“ Die Antwort kommt in diesem Falle von Papst Franziskus in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung, könnte aber ebenso von Martin Luther seinerzeit gegeben worden sein, denn der zupackende Teufelsglaube ist eines jener Theologumena, bei denen zwischen Luther und den amtierenden Papst kein Blatt Papier passt (ähnlich wie etwa bei den Vorstellungen übers Gewissen oder über eine entontologisierte Sakramentenordnung). Insofern und vermutlich unfreiwillig setzt auch diese Schau in Wolfenbüttel im Jahre 2017 ein veritables ökumenisches Zeichen, ironischerweise im Zeichen des Satans mit Durchgriffskompetenz im Hier und Heute. Eines solchen Satans also, den man als modern Fühlender glatt für ein mittelalterliches Sondergut gehalten hätte, würde man nicht von der Ausstellung, was Luther betrifft, und von der „Zeit“, was den Papst betrifft, eines Besseren belehrt.

          Und vor einem der Titelblätter verharrend, auf denen Luther seine Hand in die Klaue des Teufels legt, gibt das Medium „Bild“ für eine altbekannte Tatsache – Luthers Dämonologie – eine neue Sicht frei. Denn Satan hin oder her: Scheut der moderne Mensch nicht auch vor dem Gedanken eines unmittelbaren Eingriffs Gottes zurück? Ist Luthers Teufelsglaube nicht auch deshalb so befremdlich, weil er nur die Rückseite seines Gottesglaubens ist? Im Übergang zur Aufklärung ist auch dem Gläubigen Gott in die Ferne gerückt. Finden Katholiken wie Protestanten womöglich mehr als in der Taufe in ihrer auf den Deismus gedimmten Gottesvorstellung zueinander? In der höflichen Übereinkunft, dass Gott ferne sei und nicht etwa nahe? Welch andere Welt, man möchte sagen: eine Welt des Nahkampfes, machen da die materiellen Agenten in Wolfenbüttel sichtbar! Sie zeigen, dass Luther mit Gott und dem Teufel zu raufen begehrte, dass da auf Schritt und Tritt ein wechselseitiges Drängen und Nötigen und Hadern herrscht, ein „Ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnest mich“ (Genesis 32, 27) ganz im Sinne des imposanten Luther-Buchs „Kämpfender Glaube“ von Thomas Reinhuber oder des Klassikers von Heiko Obermann: „Luther – Mensch zwischen Gott und Teufel“.

          Bleibt zu sagen, dass diese Ausstellung sich nicht scheut, gegen manche protestantische Traditionsbildung den Stachel zu löcken, so wie dies Natalie Krentz in ihrer Studie über die frühe Reformation in Wittenberg gelang. Gegen die Luthermanie ist zum Glück kein Kraut gewachsen.

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