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Lusieri in Edinburgh : Mit der Malerei gegen die Barbaren

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Ein vergessener Meister von Natur und Landschaft: Die schottische Nationalgalerie zeigt die erste Einzelausstellung des Klassizisten Giovanni Battista Lusieri.

          Die Altmeisterwelt war elektrisiert, als 1986 zwanzig Aquarelle des vergessenen italienischen Aquarellmalers Giovanni Battista Lusieri in London zur Auktion gelangten. Prompt schossen die Preise für die vom strahlenden Licht des Mittelmeers illuminierten Veduten in die Höhe. Was Wunder, denn Lusieri zählte mit Jakob Philipp Hackert und dem Schweizer Louis Ducros zu den begehrtesten Landschaftskünstlern seiner Zeit. Die Herzogin Anna Amalia von Weimar erwarb bei ihrem Neapel-Besuch 1789 eine Ansicht des Vesuvs, Lord Byron rühmte ihn, und die englischen Lords auf Kavaliersreise sangen in Briefen das Loblied seiner „höchst präzisen und eleganten Transkriptionen der Natur“, derentwegen ihn Lord Elgin engagierte, um die Ruinen der Akropolis zu dokumentieren.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der Vertrag von 1799 verschweigt die Rolle Lusieris als Oberleiter von Elgins umstrittener Unternehmung, die Parthenon-Skulpturen abzunehmen und nach London zu transportieren. Der Künstler beklagte sich oft über die Mühen, die ihn vom Malen abhielten, und als bei der Entfernung einer Metope deren Gesims beschädigt wurde, erklärte er Lord Elgin, sich ganz der Kunst widmen zu wollen, um „einige der Barbareien“ auszugleichen, die er begangen habe.

          Folgen eines fatalen Schiffsunglücks

          Bis zu seinem Tod 1821 weilte Lusieri mit kurzen, durch die politischen Wirren bedingten Unterbrechungen zwanzig Jahre in Athen und war als Kenner der Antiken ebenso geschätzt wie als Künstler. „Seine magere Gestalt, seine Zeichnungsausrüstung und der große Schirm über seinem Kopf sind in den Erinnerungen derer, die Athen besucht haben, genauso mit diesem Fleck verbunden wie das Philopappos-Denkmal selbst“, heißt es in einem Reisebericht, der für viele spricht.

          Dennoch dauerte Lusieris Ruhm nicht an. Wohl auch weil sich das überlieferte Œuvre - ein Teil ist 1828 mit einem Schiff untergegangen - weitgehend in Privatsammlungen befindet, allen voran die der Grafen von Elgin, die seinerzeit Lusieris Nachlass erwarben. Die schottische Nationalgalerie holt ihn jetzt mit „Expanding Horizons: Giovanni Battista Lusieri and the Panoramic Landscape“, seiner ersten Einzelausstellung, aus der Versenkung. Reich bestückt mit privaten und öffentlichen Leihgaben, gibt sie einen faszinierenden Einblick in Lusieris methodische Arbeitsweise.

          Seine Ansicht verblüffte Goethe

          Wie er in einem Brief erklärte, verabscheute er die damals beliebten Bilder, die „größtenteils aus der Phantasie geschaffen werden“, wo es doch gelte, die Natur treu nachzuahmen. Skizzen und unfertige Aquarelle bezeugen einen an seiner Gründlichkeit scheiternden Künstler: Lusieri pflegte zunächst die Konturen mit Bleistift oder dünner Feder vorzuzeichnen, ehe er mit dem stufenweisen Aufbau der transparenten Farbtöne begann, wobei er sich, wie die unvollständigen Arbeiten offenbaren, zunächst auf den Mittel- und Hintergrund konzentrierte.

          Oft fügte er mehrere Blätter aneinander, um Ansichten in großer Breite zu schaffen. Heinrich Wilhelm Tischbein, der Lusieri in Neapel im Hause ihres gemeinsamen Gönners, Sir William Hamilton, begegnet sein dürfte, hielt den „geschickten Landschaftszeichner“ für einen Vorläufer der Panoramabilder. Ein glanzvolles Beispiel liefert die sich über sechs Bögen dehnende Ansicht der Bucht von Neapel aus Hamiltons Balkonzimmer im Palazzo Sessa. Dieses Prachtexemplar aus dem Getty Museum macht verständlich, weshalb Goethe über ebendiesen Blick staunte: „Dergleichen möcht’ es wohl in Europa schwerlich zum zweiten Male geben.“

          Der „Vorzug der Genauigkeit“, dessen Lusieri sich rühmte und der sich womöglich aus der Herkunft als Sohn eines römischen Silberschmieds erklärt, mag allerdings auch ein Grund für den fehlenden Nachruhm sein - seine akribische Buchstäblichkeit widersprach der romantischen Naturgesinnung. Das fast monochrome Aquarell des Parthenons in der Sammlung der schottischen Nationalgalerie etwa ähnelt einem Druck aus der Frühzeit der Fotografie. Somit lässt sich der vergessene Klassizist vom modernen Auge neu entdecken.

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