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Lucian Freud in Paris : Leib und Eigenschaft

  • -Aktualisiert am

Speckrollen, Wurstfinger, Krusten - Lucian Freud zeigt den Menschen als Schlachteplatte; das schmeckt nicht jedem, schon gar nicht in Paris, wo seine Werke gerade im Centre Pompidou ausgestellt werden.

          Das Centre Pompidou präsentiert eine Ausstellung von Bildern Lucian Freuds. Die Auswahl führt in den Hortus conclusus des Londoner Meisters, in dem wild das Physiologische wuchert. Wie Hefeteig, der immer noch weiterarbeitet, wirkt das sülzige, brodelnde Fleisch. Es spielt mit allen Tönen des Abgehangenen und erreicht nach und nach jene widerliche Aufsässigkeit, die man am ehesten mit dem bedrohlichen Horror vergleichen möchte, den Ionesco in seinem Stück „Amédée oder wie wird man ihn los“ inszeniert.

          Auch dort bläht sich der Körper, ein Kadaver, auf. Der Maler ist nicht nur ein Künstler für Liebhaber adipöser Freuden, sondern auch für einen Kunstmarkt, der sich auf adipöse Preise eingestellt hat. Erinnern wir daran, dass für „Benefits Supervisor Sleeping“ ein Sammler 33 Millionen Dollar ausgegeben hat. Der Enkel von Sigmund Freud, der 1934 mit seinen Eltern nach London emigrierte, kennt keine Tabus. Deshalb darf auch das Modell im Studio die aufreizende Stellung repetieren, dank der der Barberinische Faun in der Münchner Glyptothek sein Gemächt feilbietet. Selbsthass oder Exhibitionismus machen auch vor den Selbstporträts nicht halt. Der Maler muss nichts verdrängen, oder er tut es auf eine so dialektische Art, dass man im Ekel vor dem Zuviel an Schwarte und Gewebe Sublimation entdecken soll.

          Schwellkörper

          Denn letztlich geht es bei dem Zuviel an Fleisch um Hygiene, um Berührungsangst. Nichts soll angefasst werden. Alle Malerei bleibt, wie bei Francis Bacon, dem direkten Blick, dem Riechen entzogen. Eine Scheibe bedeckt sie. Sie sorgt dafür, dass der Betrachter wie im Spiegel ins Atelier, den Ort des Psychodramas des Künstlers, hineingezogen wird. Im Bereich einer Malerei, die mit den Nuancen des Klumpigen und Schrundigen arbeitet und die sich zumeist mit einer engen, gelb-braunen Palette begnügt, ist Lucian Freud sicherlich unschlagbar. Speckfalten, in Schwellkörper transformierte Wurstfinger - im Atelier herrscht die Absage an jede Form von Facelifting. Dies gestattet es dem Künstler, für die Faktur seiner Malerei all das zu verwerten, was zur Grundausstattung des Expressiven zählt. Einige Einflüsse und Nachbarschaften sind unübersehbar. Jacob Jordaens, Lovis Corinth, Beckmann, ein Kolorit, das dem Fleischwolf entquillt, die fetten Farbschollen Soutines oder der „Hautes Pâtes“ eines Dubuffet, die Nähe zu einigen britischen Malern wie Kossoff, Auerbach oder nicht zuletzt dem Akademiker Stanley Spencer, den Freud richtiggehend usurpiert, sie alle stecken hinter der verblüffenden Einfühlung des Malers. In „Männlicher Akt - Rückenansicht“ verselbständigt sich dieses Interesse zu einem großen braun-roten Berg, den das Auge durchzusteigen hat. Eine derartige Rückenlandschaft gab es zuvor nur noch in Courbets „Badenden“.

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