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Lucas Cranach im Städel : Das durchtriebene Lächeln des Wissens

Bodo Brinkmann vom Städel Museum hat die Schau klug und präzise kuratiert, mit viel Sinn für Proportionen und Zusammenhänge, die nicht selten auch schon Deutung sind. Er hat im Gespräch noch einen weiteren Verweis in Richtung unserer Welt: Das perspektivisch merkwürdig verschnittene Fenster rechts hinter der Dame Melancholie nimmt Max Ernst wieder auf in seinem surrealistischen Programmbild „Die Muttergottes, den Jesusknaben züchtigend“ von 1928. Nur, dass es dort bevölkert ist von den Herren Breton, Eluard und Ernst selbst, während bei Cranach von links das Heer des Teufels herantobt.

Lucas Cranach - und seine Werkstatt, so ist stets hinzuzufügen - ist ja kein Unbekannter, immer wieder gewürdigt auch in Ausstellungen, zuletzt im vergangenen Jahr in Chemnitz. Seine Porträts von Martin Luther und seiner Frau Katharina Bora, seine gelängten Veneres und leicht exaltierten Heiligen, seine Dämchen und Amors sind durchaus im allgemeinen Bildgedächtnis. Doch jetzt in Frankfurt, wo gerade gut hundert Werke, an denen seine Hand gewiss maßgeblich beteiligt war, vereinigt sind, die absoluten Delikatessen dieses OEuvres, sind es die Einzelbeobachtungen angesichts der Bilder, die ihren Zauber enthüllen.

Da ist das Stifterbildnis von Johann dem Beständigen aus dem Jahr 1515; er war der Mitregent seines Bruders, des sächsischen Kurfürsten Friedrichs des Weisen. Unter Cranachs Hand wird er zum schwarz auf schwarz modellierten Träger hochmodischer Kleidung; goldene Nesteln, Schleifchen nämlich, verzieren über und über seinen Rock. Um seinen Hals trägt er einen dicken Goldreif, auf den fünf schwere Ringe mit Edelsteinen aufgereiht sind: erstaunlicher Schmuck dies, auch damals. Ein heutiger Blick kann nicht anders, als in ihm einen sorgfältigen Narziss zu identifizieren, während sich seine schon manieristisch gelängten Hände zur Stiftergeste der ewigen Anbetung formen, einst in Halbfigur auf einem Altarflügel.

Zeitgemäßes Vergnügen

Es ist das manchmal schon überdrehte Raffinement Cranachs, das besticht, wie in jenem kleinen Bildnis einer unbekannten, erotisch aufgeladenen Dame, die ihre eigene Fiktionalität zu belegen scheint; denn (das hat Bodo Brinkmann entdeckt) sie trägt Ringe unter ihren an den Knöcheln geschlitzten Handschuhen - und zugleich über den Handschuhen an den Wurzeln ihren Finger. Dabei lauert etwas wie ein verstecktes, vergessenes Wissen in ihrem mokanten Lächeln herüber aus der Ferne fast eines halben Jahrtausends.

Die Wege im Anbau des Städel sind dem Betrachter gebahnt in einer strengen Architektur, die jede Ablenkung vom tiefen Grau ihrer Wände zurückbiegt auf die Erscheinungen der sämtlich erlesenen Werke, in denen Lucas Cranach seine sinnliche Wucht entfesselt. Und ein kleiner Hund leckt zierlich die rote Pfütze auf vom Blut, das dem Halsstumpf des enthaupteten Täufers entströmt, der zu Boden gesunken ist. Und die untreue Gemahlin schiebt ungestraft ihre Hand in den „Mund der Wahrheit“, während sie ihr Liebhaber, als Narr verkleidet, begrapscht. Das ist eben der Zauber einer so edlen kostbaren Ausstellung, dass sie den Meister, von allen Schlacken befreit, seinem Publikum zuführt, aufbereitet für die Adoration. Hohes Vergnügen, Genuss pur. Das ist zeitgemäß.

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